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ratti10_FILIPPO MONTEFORTEAFP via Getty Images_floodwatervenice Filippo Monteforte/AFP via Getty Images

Wie kann der Tod Venedigs rückgängig gemacht werden?

VENEDIG – Bei einer der schlimmsten Überflutungen in der Geschichte Venedigs wurden kürzlich einige der berühmten Kulturstätten der historischen Altstadt überschwemmt, darunter auch der Dom am Markusplatz. Dies ist erst das sechste Mal in 1.200 Jahren, das der Dom unter Wasser stand, aber das vierte Mal in den letzten zwei Jahrzehnten und das zweite Mal innerhalb von weniger als 400 Tagen. Bei diesem Tempo könnten Venedigs empfindliche calli, campi und palazzi, die langsam in den Sedimentboden sinken, innerhalb von Jahrzehnten weggespült sein. Aber was ist mit den Menschen, die dort wohnen?

Um Städte zu beschreiben, verwendeten die alten Römer zwei Wörter: urbs, was sich auf die Gebäude und die Infrastruktur bezieht, und civitas, die aktive und engagierte Bürgerschaft. Heute sorgt sich die Welt um Venedigs durchnässte und beschädigte urbs. Zweifellos sind die Gebäude der Stadt bereits von einem geringen Anstieg des Meeresspiegels stark betroffen – also auch gegen den, der durch den Klimawandel verursacht wird. Aber wie stark sich die venezianische civitas auflöst, wurde bisher kaum erkannt.

Venedigs Bevölkerung geht bereits seit Jahrzehnten zurück. Die Einwohnerzahl liegt heute nur noch bei einem Drittel derjenigen von vor fünfzig Jahren. Aber dieser Rückgang ist nur ein Symptom einer Seuche, die sich zunehmend verschlimmert: der rücksichtslosen Förderung des Massentourismus und mangelnden Investitionen in menschliches Kapital.

Hätten die venezianischen Politiker nicht in den 1980ern damit begonnen, Investitionen zu kürzen und Ressourcen aus der weiterführenden Ausbildung abzuziehen, könnte Venedig heute eine Art Cambridge der Adria sein. Aber der Tourismus schien ein viel schnellerer Weg zum Wachstum zu sein. Also stieg die Anzahl der Besucher mit der Unterstützung der Regierung stetig an: 2017 wurde die Stadt mit ihren 260.000 Einwohnern von über 36 Millionen ausländischen Touristen besucht.

Weil die Venezianer vor den Besuchermassen flohen, verfiel die Zivilgesellschaft der Stadt, und politische Lähmung breitete sich aus. Aber anstatt effektiv etwas dagegen zu tun, beschweren sich die Lokalpolitiker lieber über die Schwächen der Stadt. Und die italienische Nationalregierung scheitert immer wieder daran, ihre Autorität in der Stadt konstruktiv zu nutzen. Diese Trends trugen zur mangelnden Überwachung der Umweltfaktoren bei, die die urbs so anfällig machen.

Ja, Venedig baut ein 5,5 Milliarden Euro teures Sturmflutsperrwerk namens Modulo Sperimentale Elettromeccanico (MOSE). Aber das Projekt, das 1984 – als Venedig bereits immer mehr versank – begonnen und 2003 eingeweiht wurde, sollte 2011 abgeschlossen sein. Statt dessen ist es immer noch nicht fertig. Selbst wenn MOSE zum aktuellen Termin 2021 vollendet sein sollte, wäre es nicht genug, um die Stadt zu beschützen – ebenso wenig wie jedes andere Bauprojekt. Auch wenn Investitionen in die Infrastruktur – insbesondere zur Anpassung an den Klimawandel – offensichtlich von entscheidender Bedeutung sind, muss Venedig, wenn es seinem vielfach prognostizierten Untergang entgehen will, über die urbs hinaus blicken, um die civitas zu erneuern.

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Der erste Schritt dazu wäre, Venedig aus dem rechtlichen Zuständigkeitsbereich der italienischen Regierung zu entfernen, deren ständiges Versagen in den letzten Jahrzehnten zum Niedergang der Stadt beigetragen hat. Dies ist keine engstirnige Forderung, die Republik von San Marco wiederzubeleben. Es ist ein Aufruf, ein neues progressives politisches System einzuführen: eine „offenen Stadt“, die alle, die sich dort niederlassen möchten, als vollwertige Bürger willkommen heißt – und nicht als Teilnehmer an dem, was der amerikanische Romanautor Don DeLillo den touristischen „Marsch der Dummheit“ nannte.

Diese neue, offene Serenissima (wie die mittelalterliche venezianische Republik genannt wurde) könnte sich insbesondere darum bemühen, eine fähige und engagierte civitas anzuziehen, die dazu beitragen kann und will, die urbs zu schützen und wieder aufzubauen. Dazu gehören Innovatoren mit sinnvollen Geschäftsideen (und ihre finanziellen Unterstützer); Ingenieure, die Anpassungsmöglichkeiten an den Klimawandel erforschen; Experten wie Ärzte und Rechtsanwälte; und Studenten, die bereits sind, einige Jahre lang dabei zu helfen, die beeindruckenden Paläste der venezianischen Lagune zu restaurieren. So würde Venedig zu einem Testgelände für ein innovatives städtisches Modell auf der Grundlage eines neuen Sozialvertrags, das dem entspricht, was der Soziologe Manuel Castells einen globalen „Raum der Ströme“ nannte.

Dies scheint ein radikaler Vorschlag zu sein, aber es gibt bereits Vorbilder dafür. Mitte des vierzehnten Jahrhunderts ging Venedigs Bevölkerung nach dem Ausbruch der Beulenpest um 60% zurück. Daraufhin öffnete sich die Stadt gegenüber Fremden und bot all jenen, die langfristig bleiben wollten, die Bürgerschaft an. Die Neuankömmlinge mussten sich nur verpflichten, den Hauptmerkmalen des „Venezianertums“ zu entsprechen, beispielsweise für die Bereitschaft zur Arbeit. Es gibt keinen Grund dafür, warum eine ähnliche Strategie heute nicht funktionieren sollte.

Bürgerliches Engagement zu messen wäre dank digitaler Werkzeuge heute sogar leichter als jemals zuvor. Ein Kriterium könnte die Zeit sein, die in der Stadt verbracht wird, da viele Gebäude in Venedig Auswärtigen gehören und nur wenige Tage im Jahr genutzt werden. Außerdem könnten konkrete Beiträge in den sozialen Medien zu einem Prestigegewinn führen. Auch eine hohe Steuer auf auswärtige Eigentümer von Immobilien – die allgemein sehr wohlhabend sind – würde dazu beitragen, die Gemeinschaft vor Ort zu unterstützen.

Angesichts steigender Meeresspiegel und einer versinkenden Altstadt muss Venedig dringend handeln, um seine urbs zu schützen und wieder aufzubauen.Ohne eine blühende und engagierte civitas sind solche Bemühungen aber wenig bedeutsam. Um Venedig zu schützen, müssen wir zuerst die Venezianer schützen – und vor allem vor sich selbst.

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff

https://prosyn.org/IKrox21de;
  1. op_dervis1_Mikhail SvetlovGetty Images_PutinXiJinpingshakehands Mikhail Svetlov/Getty Images

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    Kemal Derviş

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