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Eine neue Welt des Gesundheitswesens

NEW YORK – Die traditionellen Gesundheitssysteme stecken in Schwierigkeiten. In der OECD werden die Gesundheitsdienste durch teure Krankenhäuser und Kliniken dominiert, auf die 97% der Gesundheitsausgaben der Vereinigten Staaten fallen. Diese Systeme sind im Zuge von Kostenbeschränkungen, öffentlicher Nachfrage nach höherer Qualität und überzogenen Erwartungen in Schwierigkeiten geraten.

Aber vor allem in ärmeren Ländern, die sich Krankenhäuser nach westlichem Vorbild nicht leisten können und ihr Gesundheitswesen kommunal organisieren, gibt es andere Systeme. Wir brauchen beide Ansätze und müssen sie miteinander in Einklang bringen. In der Tat hat der wachsende Graben zwischen dem Versprechen und der Wirklichkeit des Gesundheitswesens – in Industrie- und Entwicklungsländern – Raum für neue Akteure geschaffen, denen es mehr um soziales Verhalten als um Biologie geht.

 1972 Hoover Dam

Trump and the End of the West?

As the US president-elect fills his administration, the direction of American policy is coming into focus. Project Syndicate contributors interpret what’s on the horizon.

W. Brian Arthur hat in seinem bahnbrechenden Artikel von 1996 im Harvard Business Review die wichtigen Unterschiede zwischen einem Gesundheitssystem, das durch Planung, Hierarchie und Kontrolle bestimmt ist, und einem, das auf Beobachtung, Positionierung und flachen Hierarchien beruht, dargestellt. In der ersten Art von System, betont er, geht es um Material, Verarbeitung und Optimierung. Das System legt seinen Hauptschwerpunkt auf den Zugang zu medizinischer Versorgung und leidet normalerweise unter einem abnehmendem Grenzertrag.

Die zweite Art hingegen ist eine vernetzte Welt von Psychologie, Erkenntnis und Anwendung. Durch seine agile Struktur und die Fähigkeit, unterschiedliche und lokal bestimmte Bedürfnisse zu erfüllen, kann es die Erträge steigern. Es wird nicht durch die Interessen eines bestimmten Industriezweigs beeinflusst, und anstatt in mit kostenintensiven Gesundheitssystemen zu konkurrieren, ergänzt es diese. Seine Prioritäten sind Wohlbefinden, gesundes Verhalten und das Treffen gesundheitsfördernder Entscheidungen.

Dieser Ansatz ist insbesondere bei Störungen wie Herzkrankheiten, Bluthochdruck oder Diabetes sinnvoll, die am ehesten individuelles Verhalten, physischen Kontext und sozioökonomische Faktoren widerspiegeln.

Nehmen wir Diabetes. Einige große pharmazeutische Konzerne kämpfen mit neuen Formeln, geringfügigen Verbesserungen bei der Blutzuckerkontrolle, Preisnachlässen und strategischen Partnerschaften mit Versicherern und Gesundheitsdienstleistern um eine begrenzte Gruppe von Diabetikern. Diesen etablierten Firmen geht es in erster Linie um die Verteidigung ihrer Marktposition. Den Hunderten von Millionen Fettleibigen mit Diabetesrisiko oder denjenigen, die auf die Standardbehandlung schlecht ansprechen, helfen sie nicht.

Aber der Schlüssel zu einem guten Leben mit Diabetes liegt in einer guten Ernährung, einem aktiven Lebensstil, in sozialer Unterstützung und in einer Betreuung, die an die jeweiligen Umstände der einzelnen Individuen angepasst ist. Diese grundlegende Formel ist auch die Basis der Bemühungen zur Vorbeugung gegen Diabetes und der meisten anderen chronischen Krankheiten. Und sie ist auch für gesunde Menschen hilfreich.

In der Tat trägt die traditionelle medizinische Versorgung nur einen kleinen Anteil (vielleicht 20%) zu unserer Lebensqualität und Lebenserwartung bei. Der Rest wird durch gesunde Lebensweise, soziale und wirtschaftliche Faktoren und die äußere Umgebung bestimmt. Um die globale Epidemie chronischer Erkrankungen in den Griff zu bekommen, müssen wir uns um diese 80% kümmern, und dies können wir nicht den traditionellen Gesundheitsorganisationen allein überlassen.

Statt dessen gibt es viele erfolgreiche Initiativen, die auf der bestehenden sozialen Infrastruktur aufbauen und bekannte Gesundheitsprobleme lösen sowie neue Probleme ins Bewusstsein bringen. Beispiele für diesen neuen Ansatz gibt es viele: Firmen wie Omada Health bieten Menschen mit Diabetesrisiko zu Hause maßgeschneiderte Online-Gesundheitsberatung an. Soziale Unternehmen wie die Grameen Bank stellen auf der Grundlage ihrer Mikrokreditnetzwerke kostengünstige Primärversorgungssysteme bereit. Und die Kampagne für eine Million lokale Gesundheitsarbeiter bringt einfachen Bürgern bei, wie sie in ihren Gemeinschaften gesundheitliche Hilfe leisten können – ein Modell, das auf Erfahrungen mit ähnlichen Modellen in Äthiopien, Ruanda und anderen Ländern südlich der Sahara beruht.

Um solche Gesundheitsinitiativen zu unterstützen, gibt es einige praktische Methoden. Zunächst einmal müssen die OECD-weiten nationalen Gesundheitsausgaben über ihre fast ausschließliche Fokussierung auf medizinische Versorgung hinaus erweitert werden auf neue Akteure, die helfen, die Gesundheit zu verbessern. Darüber hinaus müssen diese neuen Akteure Zugriff auf die kostspieligen Daten und die finanzielle Infrastruktur traditioneller Gesundheitssysteme erhalten. Ärzte und Krankenpfleger müssen ermutigt werden, gemeinsam mit neuen Gesundheitspraktikern externe Beteiligte wie Schulen, Lebensmittelketten, Finanzunternehmen und Sozialdienstleister einzubeziehen. Und schließlich bedarf es größerer Unterstützung für kommunale Gruppen und Familienbetreuer, die den Menschen bei ihrer Suche nach einer besseren Gesundheit helfen.

Die westlichen Gesundheitsbehörden haben dies erkannt. Großbritanniens Nationaler Gesundheitsdienst beispielsweise experimentiert in Wales mit ähnlichen kommunalen Vorgehensweisen, wie sie in Brasilien angewandt werden. Die Stadt New York erweitert nach afrikanischem Vorbild ihre kommunalen Gesundheitsnetzwerke, um die bisher getrennt arbeitenden städtischen Dienste zusammen zu fügen.

Sicherlich wird das traditionelle Gesundheitswesen im Zuge weiteren technischen Fortschritts und der damit verbundenen Verbesserung der Infrastruktur und Bereitstellung von Gesundheitsdienstleistungen weiterhin attraktiv bleiben. Aber trotzdem können wir viel von einer neuen Generation von Gesundheitsexperten lernen, die verstehen, wie Menschen Entscheidungen treffen, wie kollektives Handeln eine gesündere Umgebung schafft und wie wichtig Gesundheit für ein besseres Leben ist.

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Letztlich hat die neue Gesundheitswelt unbegrenztes Potenzial, da ihre Grenzen dort liegen, wo wir leben, arbeiten und spielen – was uns im Gesundheitsbereich alle zu Experten und Erneuerern macht. Über Sieg oder Niederlage im Kampf gegen chronische Krankheiten wird letztlich zu Hause entschieden.

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff