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Die Öffnung der Malariaforschung

LONDON – In den vergangenen Jahren sind bei der Bekämpfung der Malaria enorme Fortschritte erzielt worden. Der Weltgesundheitsorganisation zufolge ist die Zahl der durch Malaria verursachten Todesfälle seit 2000 um atemberaubende 60% gesunken – das Resultat verbesserten Zugangs zu diagnostischen Tests und Behandlung.

Es sind zwar weiterhin erhebliche Anstrengungen notwendig, aber der rückläufige Trend der Neuinfektionen und Todesfälle unterstreicht, was die Zusammenarbeit zwischen Regierungen (in betroffenen ebenso wie nicht von Malaria betroffenen Ländern), zwischen kommerziellen Unternehmen und gemeinnützigen Organisationen und zwischen Wissenschaft und Medizin bewirken kann. Ohne solche Partnerschaften wären Fortschritte bei der Bekämpfung dieser tödlichen Krankheit nicht möglich gewesen. Neben koordinierten Maßnahmen vor Ort ebnet zunehmende Offenheit und Zusammenarbeit unter Wissenschaftlern, die eine neue Generation von Medikamenten und Impfstoffen erforschen und entwickeln, den Weg für weitere Fortschritte.

Aleppo

A World Besieged

From Aleppo and North Korea to the European Commission and the Federal Reserve, the global order’s fracture points continue to deepen. Nina Khrushcheva, Stephen Roach, Nasser Saidi, and others assess the most important risks.

Innerhalb der Wissenschaftsgemeinde wird zunehmend anerkannt, dass keine einzelne Organisation oder Gruppe über das Know-how oder die Mittel verfügt, um Malaria allein zu bekämpfen. Wie bei vielen anderen Krankheiten, von denen Entwicklungsländer heimgesucht werden, ist die Wissenschaft überaus komplex und das kommerzielle Potenzial begrenzt. Damit sich das Blatt wenden kann, müssen wir Ressourcen und die vielfältige Erfahrung und Kompetenz von Wissenschaftlern mit unterschiedlichen Hintergründen und Fachgebieten bündeln.

Erfreulicherweise schenken Wissenschaftler dem bereits Beachtung und das Resultat ist das Aufkommen und die Verbreitung eines revolutionären neuen Ansatzes in der Forschung und Entwicklung. Dieser „Open Innovation“ genannte Einstellungswandel stellt das traditionelle Modell der Forschung und Entwicklung auf den Kopf und beseitigt Hindernisse für die Zusammenarbeit. Auf der Erkenntnis beruhend, dass das Ganze größer sein kann als die Summe seiner Teile, ist Open Innovation eine kollegiale Arbeitsweise, in der Teilen ausschlaggebend ist.

Am bislang ungekannten Ausmaß, in dem Daten gemeinsam genutzt werden, lässt sich diese Offenheit deutlich ablesen. Im Jahr 2010 haben das britische Pharmaunternehmen GlaxoSmithKline (GSK), das Genomics Institute der Novartis Research Foundation und das St. Jude Children’s Research Hospital in Memphis, Tennessee, Angaben über 20.000 Substanzen öffentlich zugänglich gemacht, die eine Wirkung gegen Malaria zeigen – 13.500 davon aus dem firmeneigenen Substanzen-Katalog von GSK. Dieser Schritt stellt einen Wendepunkt dar und zielt darauf ab, die Aktivität der internationalen Forschungsgemeinschaft zu fördern.

Die gemeinnützige Organisation Medicines for Malaria Venture (MMV) ist noch einen Schritt weitergegangen. Mit ihrer sogenannten Malaria-Box bietet sie offenen Zugang zu einer Sammlung von 400 kommerziell verfügbaren Substanzen. Wissenschaftler auf aller Welt erhalten die Malaria-Box kostenlos, sofern sie sich bereiterklären ihre Forschungsergebnisse zu veröffentlichen. Bis heute ist die Malaria-Box 250 Forschungsgruppen in 30 Ländern zur Verfügung gestellt worden und hat dazu geführt, dass mehrere neue Arzneimittelforschungsprogramme zu diversen vernachlässigten Krankheiten angestoßen wurden.

Offene Forschung erleichtert nicht nur die gemeinsame Nutzung von Instrumenten und Erkenntnissen, sondern schafft zudem einen Rahmen für die Zusammenarbeit von Wissenschaftlern (gemeinsam an einem Ort, aber auch über Entfernungen hinweg) aus unterschiedlichen Einrichtungen und Umfeldern, die von ihren jeweiligen Stärken profitieren und ihr Know-how austauschen können.

Ein Beispiel für diese Form der Zusammenarbeit ist das weltweit erste „offene Labor“ für die Erforschung von Krankheiten der Entwicklungsländer, das 2010 am Forschungsstandort von GSK in Tres Cantos, Spanien, eingerichtet wurde. Das Labor arbeitet mit der Unterstützung und Beratung durch ein breites Spektrum von Akteuren, unter anderem GSK, der Stiftung Wellcome Trust, der Europäischen Union und MMV, sowie verschiedenen anderen Partnerschaften zur Produktentwicklung und wissenschaftlichen Zentren. Es ermöglicht die Zusammenarbeit von Forschern aus führenden Einrichtungen weltweit mit in der Industrie tätigen Wissenschaftlern in einem dynamischen und kollaborativen Umfeld, mit dem Ziel aus Forschungsideen im frühen Stadium Arzneimittelforschungsprogramme werden zu lassen.

Seit der Gründung kann diese Initiative auf 60 abgeschlossene Projekte verweisen und hat sich so weithin Anerkennung als Inkubator für neue Ideen und als wertvolles Vorbild für die Forschung und Entwicklung von Behandlungsmöglichkeiten anderer großer medizinischer Herausforderungen verschafft. Andere auf intensiver Zusammenarbeit beruhende F&E-Initiativen tragen ebenfalls Früchte. Drei potenzielle neue Malaria-Medikamente, die von GSK entwickelt werden (zwei in Partnerschaft mit MMV) steuern auf klinische Studien zu.

Ein weiteres potenzielles neues Medikament, gegen den Malariaerreger Plasmodium vivax, das im Rahmen der Zusammenarbeit zwischen GSK und MMV entwickelt wird, befindet sich bereits in den letzten Phasen der klinischen Prüfung. Wenn es sich als erfolgreich erweist, wird es das erste Medikament seit über 60 Jahren sein, das für wiederkehrende Malaria zugelassen wird.

Zudem haben die Behörden im vergangenen Jahr grünes Licht für den Malaria-Impfstoff von GSK gegeben. 30 Jahre Forschung und ein beispielloses Maß an Zusammenarbeit zwischen GSK, der PATH Malaria Vaccine Initiative und bedeutenden afrikanischen Forschungszentren haben damit ihren Höhepunkt im weltweit ersten Malaria-Impfstoff erreicht.

Doch auch wenn die jüngsten Fortschritte ausgesprochen ermutigend sind, dürfen wir in unseren Anstrengungen im Kampf gegen Malaria nicht nachlassen. Jeder positiven Statistik steht die brutale Realität gegenüber, dass es jedes Jahr nach wie vor 200 Millionen Fälle von Malaria gibt, die fast 500.000 Menschen das Leben kosten – die meisten von ihnen Kinder unter fünf Jahren.

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Die Schaffung einer leistungsfähigen, auf Zusammenarbeit basierenden Forschungsgemeinschaft und der zunehmend ungehinderte Wissensfluss versetzt uns heute mehr denn je in die Lage, unsere Anstrengungen zu verstärken und andere zu ermutigen diesem Beispiel zu folgen. In einem Bereich, in dem der wirtschaftliche Gewinn begrenzt, aber ein gewaltiges Potenzial vorhanden ist, die Gesundheit und die Volkswirtschaften ganzer Länder wesentlich zu verbessern, müssen Wissenschaftler verhärtete Strukturen weiter aufbrechen und zum Wohle aller Menschen auf der Welt zusammenarbeiten.

Aus dem Englischen von Sandra Pontow.