Keine Krankheit für alte Menschen

PRINCETON –  Die Lungenentzündung wurde früher als „Freund des alten Mannes“ bezeichnet, weil sie in vielen Fällen ein Leben, das bereits von geringer Lebensqualität und fortschreitendem Verfall geprägt war, vergleichsweise rasch und schmerzlos beendete. Nun zeigt eine an schwer dementen Patienten in Pflegeheimen im Raum Boston durchgeführte Studie, dass dieser „Freund“ heute oft mit Antibiotika bekämpft wird. Aufgrund derartiger Praktiken erhebt sich die offenkundige Frage: Behandeln wir Krankheiten routinemäßig, weil wir dazu in der Lage sind oder weil wir uns dazu verpflichtet fühlen? 

Die von Erika D’Agata und Susan Mitchell durchgeführte und jüngst in den Archives of Internal Medicine veröffentlichte Studie zeigt, dass zwei Drittel der 214 schwer dementen Patienten mit Antibiotika behandelt wurden. Das Durchschnittsalter der Patienten betrug 85 Jahre. Beim Test über schwere Beeinträchtigungen, wo zwischen 0 und 24 Punkte erreicht werden können, wiesen zwei Drittel der Patienten null Punkte auf. Ihre verbale Kommunikationsfähigkeit wurde von nicht vorhanden bis minimal eingestuft.

Es ist nicht klar, dass die Anwendung von Antibiotika unter diesen Umständen das Leben verlängert, aber selbst wenn es so wäre, müsste man sich fragen, worin der Sinn der Sache liegt. Wie viele Menschen würden für eine Verlängerung ihres Lebens plädieren, wenn sie inkontinent und auf die Nahrungszufuhr durch andere angewiesen wären, nicht gehen könnten und ihre mentalen Fähigkeiten so unwiederbringlich zerstört wären, dass sie weder sprechen noch ihre Kinder erkennen könnten? In vielen Fällen wurden die Antibiotika intravenös verabreicht, was durchaus zu Beschwerden führen kann.

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