3

Wie sich das Bildungsdefizit des Nahen Ostens schließen lässt

NILDELTA – Etwa 100 km nördlich vom Kairoer Tahrir-Platz – dem Epizentrum des ägyptischen Aufstandes von 2011 – steht eine weiterführende Schule, die von ihren Schülern „das Gefängnis“ genannt wird. Die Schule ist ein missgestalter Betonklotz voll maroder Klassenräume, der überall Zeichen von Alter und Verwahrlosung trägt. Ein Lehrer in dem verschlafenen Dorf im Nildelta witzelt morbide, das Gebäude diene nebenbei zugleich als Leichenschauhaus. „Eine Revolution haben wir hier nie gesehen“, so sagte er vor ein paar Monaten, aus Angst vor dem Verlust seiner Arbeit ohne Angabe seines Namens. „Ein großer Teil der Hoffnung, die wir hatten, ist jetzt tot … ermordet.“

Die Misere an Ägyptens staatlichen Schulen ist ein wichtiger Hinweis darauf, wie die Revolution im Lande die Menschen enttäuscht hat. Außenstehende Beobachter sahen die öffentliche Rebellion gegen Hosni Mubaraks Regime als Kampf für die Demokratie und gegen die Diktatur; die Generäle, die Ägypten jetzt einmal mehr regieren, stellen sie als Kampf für den Säkularismus dar, der vom radikalen Islam gekapert worden sei. In Wahrheit war sie eine Revolte, bei der es um menschliche Würde und ein besseres Leben für die Normalbürger ging.

 1972 Hoover Dam

Trump and the End of the West?

As the US president-elect fills his administration, the direction of American policy is coming into focus. Project Syndicate contributors interpret what’s on the horizon.

Ohne Bildung ist diese Hoffnung ein tot geborenes Kind – nicht nur in Ägypten, sondern im ganzen Mittleren Osten. Laut den Vereinten Nationen berauben die anhaltenden Konflikte im Mittleren Osten und in Nordafrika mehr als 13 Millionen Kinder einer Bildung. Doch nicht nur im kriegsverheerten Syrien und Jemen wird die Jugend systematisch vernachlässigt; auch in relativ stabilen Ländern wie Ägypten und Jordanien sind die Defizite enorm.

Die unzureichende Bildung geht Hand in Hand mit der Beschäftigungskrise in der Region. Laut der Internationalen Arbeitsorganisation wies der Mittlere Osten in 2014 die weltweit höchste Arbeitslosenquote bei Jugendlichen auf; 46% der Frauen und 24% der Männer waren arbeitslos.

Diese toxische Kombination aus schlechter Bildung und hoher Jugendarbeitslosigkeit zwingt Millionen junger Menschen zum Warten in einem Purgatorium, das die Professorin Diane Singerman von der American University als „Waithood“ bezeichnet hat – ein Begriff, der die langanhaltende Adoleszenz beschreibt, die junge Menschen erdulden müssen, bis sie es sich leisten können, zu heiraten – was in der Region das institutionelle und kulturelle Tor zu gesellschaftlicher Anerkennung ist, von sexueller Aktivität ganz zu schweigen.

Unglücklicherweise betrachten Regierungen und internationale Institutionen Bildung und Arbeitslosigkeit als Entwicklungsfragen und nicht als politische oder Sicherheitsprobleme. Die USA geben Ägypten jährlich 1,3 Milliarden Dollar an Militärhilfe (nur Israel bekommt mehr), aber nur 250 Millionen Dollar für zivile Projekte und Programme.

Die Befürworter dieser Militärunterstützung argumentieren, dass Waffensysteme nötig seien, um der Al Qaeda verbundene Gruppierungen und den sogenannten Islamischen Staat auf dem Sinai zu bekämpfen und Amerikas Einfluss auf die ägyptischen Generäle zu bewahren. Doch ohne Hoffnung und Chancen für Ägyptens Jugendliche ist die Sicherheitsunterstützung nur ein Heftpflaster. Langfristige Sicherheit ist von der Bereitschaft einer Regierung abhängig, ausreichende öffentliche Güter und Dienstleistungen zur Verfügung zu stellen.

Man stelle sich vor, die USA und der Internationale Währungsfonds machten die militärische und finanzielle Unterstützung für Ägypten von klar messbaren Bildungsfortschritten abhängig. Insgesamt könnte Ägypten so sein Abschneiden in den weltweiten Ranglisten verbessern. Im aktuellen Bericht zur globalen Wettbewerbsfähigkeit des Weltwirtschaftsforums steht Ägypten, was die Qualität der Grundschulbildung angeht, auf Rang 139 unter 140 Ländern.

Andere Veränderungen wie die Verringerung der Notwendigkeit und der Kosten privater Nachhilfe hätten deutliche Auswirkungen auf das Leben der ägyptischen Normalbürger. In Manshiyat Naser, einem von Kairos ärmsten Bezirken, lernen junge Menschen wie der 18-jährige Ashraf für die Thanaweya Amma, die berüchtigte staatliche Abschlussprüfung, die die Hochschulreife verleiht. Wie sie dabei abschneiden, macht den Unterschied zwischen einem begehrten Studienplatz an einer Universität und einem Leben als Bürger zweiter Klasse in einem Land, in dem es praktisch keine gesellschaftliche Mobilität gibt.

„Die Lage hat sich seit der Revolution tatsächlich verschlimmert“, sagte Khalil, während er einen Minibus zu einer nahegelegenen Wohnanlage für wohlhabende Bürger bestieg, wo er als Gärtner arbeitet. Er versucht, genug Geld zu verdienen, um sich einen privaten Tutor zur Vorbereitung auf die Prüfung leisten zu können. Tatsächlich sind private Tutoren inzwischen faktisch das ägyptische Bildungssystem.

Inoffiziell geben einige Lehrer zu, dass sie in der Schule gerade mal das Minimum unterrichten, damit sie von Privatstunden mit ihren Schülern profitieren können. Einigen Schätzungen zufolge geben ägyptische Familien mehr als eine Milliarde Dollar für private Nachhilfestunden aus, die die schlechte Schulbildung kompensieren sollen – Kosten, die häufig fast ein Viertel des Haushaltseinkommens verschlingen.

Die Regierungen der USA und Europas, die ein zentrales Interesse an der Stabilität und dem Wohlstand im Mittleren Osten und in Nordafrika haben, könnten außerdem Konsortien privater Investoren nutzen und unterstützen.

Vor ein paar Jahren startete der ägyptische Investor Ahmed Alfi eine virtuelle Schule namens Nafham (arabisch für „wir verstehen“). In dem Bemühen, die Abhängigkeit des Landes vom privaten Tutorenwesen zu verringern, stellt dieses webgestützte Start-up-Unternehmen per Crowdsourcing finanzierte Bildungsvideos zur Verfügung. Der Dienst hat inzwischen 500.000 Nutzer und bietet ein syrisches Kurrikulum an, um jene 50% jugendlicher Flüchtlinge dieses Landes zu betreuen, die keine Schule besuchen.

Doch ist es laut Alfi schwierig, externe Geldgeber zu finden – und er steht damit nicht allein. Im vergangenen April startete Abdul Aziz al-Ghurair, ein milliardenschwerer Geschäftsmann aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, den größten Bildungsfonds der arabischen Welt, der 1,14 Milliarden Dollar an Zuwendungen für die schlecht betreuten Jugendlichen der Region zur Verfügung stellt. Laut Maysa Jalbout, CEO der Abdulla al-Ghurair Foundation for Education, hofft der Fonds, während der nächsten zehn Jahre Stipendien für 15.000 mittelöstliche Studenten zur Verfügung zu stellen. Ab September werden die Studenten die finanzielle Unterstützung erhalten, um die vier führenden Universitäten der Region zu besuchen; irgendwann soll dann auch das Studium an internationalen Universitäten gefördert werden.

Fake news or real views Learn More

Aber Einzelinitiativen sind nicht genug. „Die Bemühungen müssen systematisch und institutionalisiert sein“, erklärt Jalbout. „Ein einziger Fonds kann diese Probleme nicht lösen …. [W]ir brauchen alle Mann an Deck.“ Doch damit das passiert, muss die Ausbildung der Jugend des Mittleren Ostens als strategisches Problem betrachtet werden, das genauso viel weltweite außenpolitische Aufmerksamkeit verdient wie der Kampf gegen extremistische Gruppen. Die Feder ist mächtiger als das Schwert – man sollte die Region mit Kugelschreibern bewaffnen, nicht nur mit Schwertern.

Aus dem Englischen von Jan Doolan