2

Die Erfassung von Afrikas unsichtbaren Arbeitern

YAMOUSSOUKRO – Die Entwicklungshilfe in Milliardenhöhe, die Afrika jährlich erhält, mag dem Kontinent viel Gutes tun, doch das Problem der Armut kann sie nicht lösen. Das können nur zusätzliche hochwertige Arbeitsplätze. Die Frage ist, wie.

Dank seiner jungen Bevölkerung, die sich bis 2050 auf über 830 Millionen verdoppeln dürfte, verfügt Afrika über ein großes Reservoir kreativer Arbeitskräfte. Für die Volkswirtschaften auf dem Kontinent sollte dies ein Segen sein. Doch stehen Afrikas Politiker vor einem ernsten Problem: Sie wissen nicht, mit wie vielen Menschen sie es zu tun haben, wo diese leben oder wie sie sich ihren Lebensunterhalt verdienen. Kurz gesagt, sie haben nicht genügend Daten.

 1972 Hoover Dam

Trump and the End of the West?

As the US president-elect fills his administration, the direction of American policy is coming into focus. Project Syndicate contributors interpret what’s on the horizon.

In 46 der 54 afrikanischen Länder werden Bevölkerungsstatistiken wie Geburt, Heirat und Tod nur in gegrenztem Umfang offiziell erfasst. So lebt laut Angaben der Mo Ibrahim Foundation nur „ein Drittel aller Afrikaner in einem Land, wo seit 2010 eine Volkszählung durchgeführt wurde“, und wo doch Volkszählungsprogramme bestehen, sind sie häufig unterfinanziert und unzuverlässig. Mehr als die Hälfte aller Afrikaner lebt in Ländern, in denen seit mindestens einem Jahrzehnt keine Erhebungen zur Erwerbsbevölkerung durchgeführt wurden.

Zudem arbeiten junge Afrikaner überwiegend in der informellen Wirtschaft, wo sie Ad-hoc-Arbeitsverhältnisse schließen, die weder staatlich reguliert noch besteuert werden. Sie mögen produktive Arbeit leisten, aber sie tun dies in Volkswirtschaften, in denen die informelle Beschäftigung aufgrund fehlender Mechanismen zur Datenerhebung quasi institutionalisiert ist.

Ohne ein genaues Bild vom Zustand des Arbeitsmarktes sind die Regierungen in ihrer Fähigkeit, auf die sich ihnen stellenden Herausforderungen zu reagieren, stark eingeschränkt. Auf die Verringerung der Jugendarbeitslosigkeit zielende Initiativen gibt es viele, doch ihre Wirksamkeit ist beschränkt, da unklar ist, welche Arten von Jobs bereits existieren und welche gebraucht werden. Und angesichts der schätzungsweise 122 Millionen Menschen, die bis 2022 zusätzlich auf den afrikanischen Arbeitsmarkt drängen werden, dürfte es zunehmend schwieriger werden, die Beschäftigungstrends zu verfolgen und ausreichend gute Arbeitsplätze zu schaffen.

Das Bild durch Verbesserungen bei der Datenerfassung schärfer in den Fokus zu rücken, bedeutet nicht, dass man die Methoden zur Verfolgung der Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt in den OECD-Ländern imitiert, wo kein derart großer Anteil auf informelle Beschäftigungsverhältnisse entfällt. Stattdessen müssen die afrikanischen Regierungen mithilfe des privaten Sektors Methoden entwickeln, um besser zu verstehen, wie die informelle Wirtschaft funktioniert und wie sie sich verbessern lässt. Erst dann wird es möglich sein, Arbeitslosigkeit und Armut wirksam zu bekämpfen und das Potenzial der jungen Bevölkerungen Afrikas auszuschöpfen.

Sicherlich sind bereits einige Ansätze mit hohem Potenzial erkennbar. So berichtet die Alliance for a Green Revolution in Africa, dass der Kontinent zwar 60% des weltweit landwirtschaftlich ungenutzten Landes umfasst, aber 60 Milliarden Dollar jährlich für Lebensmittelimporte ausgibt. Der Sinn von Investitionen in den Ausbau von Afrikas landwirtschaftlichen Ressourcen steht daher außer Frage.

Junge Leute könnten bei diesen Bemühungen eine zentrale Rolle spielen. Durch Ermittlung und Untersuchung derjenigen Teile der landwirtschaftlichen Wertschöpfungskette, in der junge Leute einen Beitrag leisten können, können die afrikanischen Regierungen ordentliche formelle Beschäftigungsverhältnisse für relativ gering qualifizierte Arbeitnehmer etwa in der Leichtindustrie schaffen. So wären lediglich Schulungen geringen Umfangs erforderlich, um Arbeitnehmern – wie etwa den 120 neuen Beschäftigten in einer Tomatenmarkfabrik in Nigeria – den Aufstieg vom unteren Ende der Wertschöpfungskette zu ermöglichen.

Beispielhaft für einen weiteren vielversprechenden Ansatz ist das Johannesburger Programm Vulindlel’ eJozi, das darauf abzielt, Barrieren für den Einstieg in den Arbeitsmarkt zu abzubauen, indem es jungen Leuten Fertigkeiten wie etwa grundlegende digitale Kompetenzen vermittelt. Diese Fertigkeiten ermöglichen ihnen nicht nur den Ausstieg aus dem informellen Sektor, sondern auch aus ungeliebten Jobs im formellen Sektor, etwa in der privaten Sicherheitsbranche Südafrikas, die mehr als 412.000 Menschen beschäftigt. Die Branche steht wegen schlechter Arbeitsbedingungen in der Kritik, doch selbst dort, wo dies nicht der Fall ist, trägt sie nicht zur Entwicklung der Art von Fertigkeiten bei, die ein stabiles, nachhaltiges Wirtschaftswachstum stützen können.

Je mehr Menschen die Fertigkeiten erwerben und die Gelegenheit erhalten, produktive Arbeitsplätze im formellen Sektor zu füllen, wo sie angemeldet und anerkannt werden, desto besser werden die Regierungen den Arbeitsmarkt einschätzen können. Doch um die Wirksamkeit von Maßnahmen zu steigern, die ihnen diese Fertigkeiten und Chancen verschaffen, und um sicherstellen, dass diejenigen, die im informellen Sektor verbleiben, nicht unsichtbar sind, bedarf es zugleich Initiativen zur Verbesserung der Datenerhebung.

Eine derartige Initiative ist das Africa Programme on Accelerated Improvement of Civil Registration and Vital Statistics, das 2011 offiziell ins Leben gerufen wurde. Auch wenn es keine sofortigen Ergebnisse liefert, ist diese Initiative dabei, die Grundlagen für die Entwicklung und Umsetzung von Programmen zu legen, die auf belastbaren Daten über die afrikanischen Bevölkerungen beruhen.

Für die Verringerung von Arbeitslosigkeit und Armut sind nicht allein die Regierungen verantwortlich. Auch Akteure aus dem privaten Sektor und ganz normale Bürger können ihren Beitrag leisten. So können wir beispielsweise informelle Aktivitäten wie das Abfallrecycling unterstützen, die jungen Leuten eine Chance bieten, Geld zu verdienen. Und wir können Lehrverhältnisse unterstützen und fördern, die den Lehrlingen technische Fertigkeiten vermitteln und ihnen Chancen auf eine staatsbürgerliche Bildung bieten.

Afrika hat sich schon früher komplexen und weitreichenden Problemen gestellt. So wurde die HIV/AIDS-Epidemie, die einst unüberwindlich schien, inzwischen weitgehend unter Kontrolle gebracht. Der Schlüssel zur Bewältigung dieser Herausforderung bestand in der Zusammenarbeit zwischen Regierungen, Entwicklungspartnern und örtlichen Gemeinschaften bei der Erhebung, Verarbeitung und Nutzung von Daten zur Anpassung von Strategien.

Fake news or real views Learn More

Wir sollten dasselbe tun, um den Mangel an Arbeitsplätzen zu bekämpfen. Wenn Afrikas Volkswirtschaften jene 122 Millionen jungen Leute aufnehmen sollen, die laut Prognosen in den nächsten Jahren auf den Arbeitsmarkt drängen werden, müssen wir dafür sorgen, dass unsere Zahlen stimmen – und zwar jetzt.

Aus dem Englischen von Jan Doolan