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Mädchen haben das Potenzial die Welt zu verändern

NEW YORK – Ich war unlängst im Distrikt Tonk im westindischen Bundesstaat Rajasthan und habe dort einen Mädchentreff besucht. Der „girls club“ ist ein sicherer Ort, an dem heranwachsende Mädchen zusammenkommen können, um begleitet von Mentoren soziale Kontakte zu knüpfen und Lebenskompetenzen zu entwickeln. Bei meiner Ankunft hüpfte mir eine Gruppe von Mädchen im Teenageralter entgegen, die so voller Energie und so fröhlich waren, dass ich mir ein Lächeln nicht verkneifen konnte. Für einen Moment versuchte ich mir das Potenzial von 600 Millionen solcher Mädchen vorzustellen.

Auf der Erde lebt heute die bislang zahlenmäßig stärkste Generation von Mädchen im Alter zwischen 10 und 19 Jahren und sie ist bereit, ihre Spuren auf der Welt zu hinterlassen. Regierungen, Entwicklungsorganisationen und private Institutionen sind bestrebt, diese Mädchen dabei zu unterstützen ihr jugendliches Potenzial in einen Motor der Kreativität, des Wirtschaftswachstums und des sozialen Fortschritts zu verwandeln. Doch auf dem Weg in eine solche Zukunft stehen Mädchen immer noch vor erheblichen Hindernissen.  

Rund 170 Millionen Mädchen – fast ein Drittel aller Mädchen auf der Welt – gehen nicht zur Schule. Hier wird eine gewaltige Chance verpasst: Mit jedem Jahr, in dem ein Mädchen keine Schulbildung erhält, sinkt ihr potenzielles Einkommen um 10-20%. Trotzdem gibt es große Hürden dabei, mehr Mädchen Zugang zu Bildung verschaffen – eine davon ist das immer noch weit verbreitete Phänomen der Kinderehe.

Jedes Jahr werden 15 Millionen Mädchen verheiratet bevor sie 18 Jahre alt sind – alle zwei Sekunden eines – und damit ist ein Viertel aller Mädchen weltweit von Kinder- oder Zwangsehen betroffen. Mit einer frühen Verheiratung steigt nicht nur die Wahrscheinlichkeit, dass Mädchen Gewalt erfahren, sondern auch das Risiko einer frühen Schwangerschaft erhöht sich um 90%. Die wahrscheinliche Folge ist eine größere Familie, die mehr unbezahlte Hausarbeit erfordert. Damit sinkt die Chance auf Bildung und das geschlechtsspezifische Lohngefälle verfestigt sich.

Mädchen, die verheiratet werden bevor sie 18 sind, erfahren außerdem eine erhebliche Einschränkung ihrer Mobilität. Eine Studie in Südafrika hat gezeigt, dass sich der Zugang von Mädchen insgesamt zum öffentlichen Raum drastisch verringert, wenn sie in die Pubertät kommen – das räumliche Umfeld, in dem sie sich bewegen dürfen, schrumpft von 16,3 km² auf lediglich 6,7 km². Im Gegensatz dazu wird die Welt, in der Jungen sich bewegen mehr als doppelt so groß, wenn sie zu jungen Erwachsenen werden: Ihr Radius im öffentlichen Raum vergrößert sich von 9,8 km² auf 20,2 km². Mädchen, die in ihrer Mobilität eingeschränkt werden, laufen Gefahr in die soziale Isolation zu geraten und ihre Möglichkeit soziales Kapital aufzubauen wird eingeschränkt.

Infolge dieser und anderer Faktoren sind gegenwärtig lediglich 47% der Frauen in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen erwerbstätig ‒ bei den Männern sind es 79%. Schätzungen meines Forschungsteams zufolge, würde das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der betroffenen Länder allein im ersten Jahr um 15% wachsen und dem weltweiten BIP vier Billionen US-Dollar hinzufügen, wenn wir die Kluft bei der Erwerbsbeteiligung von Frauen um nur die Hälfte verringern – von 32 Prozentpunkten auf 16%.

Wenn Mädchen Zugang zu den Fähigkeiten und Kenntnissen bekommen, die sie benötigen, um als produktive Individuen an der Wirtschaft des einundzwanzigsten Jahrhunderts zu partizipieren, werden sie in allen Aspekten ihres Lebens gestärkt. Sie werden ermächtigt selbst zu wählen, auf welche Weise sie zu ihren Familien, ihren Gemeinden und zur Wirtschaft beitragen wollen. Es ist das Richtige für die globale Entwicklung – und für die Mädchen und Frauen selbst.

Immer mehr Regierungen, Stiftungen, Unternehmen und Gemeinden haben das inzwischen erkannt und investieren in die Gesundheit, die Ausbildung und das Wohlergehen von Mädchen. Beträchtliche Mittel fließen jedoch in ineffektive Ansätze oder – schlimmer noch – Programme, die nachweislich nicht funktionieren. Außerdem betrachten zu viele wohlmeinende Entwicklungsakteure Mädchen als Opfer, die es zu retten gilt und nicht als die innovativen, energiegeladenen Game Changer, die sie sind.

Wie also können wir die Chancen für Mädchen am besten erweitern? Wir wissen zum Beispiel, dass die Investition in die Bildung von Mädchen die vielleicht kostenwirksamste Methode ist, wirtschaftliche Entwicklung zu fördern. Wir wissen auch, dass Mädchen ‒ einschließlich derer, die selbst Kinder haben ‒ erheblich vom Zugang zu Informationen über sexuelle und reproduktive Gesundheit sowie entsprechende Dienstleistungen profitieren, weil sie in die Lage versetzt werden zu entscheiden, wann und wie viele Kinder sie bekommen und für ihre eigene Gesundheit und ihr Wohlergehen zu sorgen.

Doch Akteure, die sie sich für Mädchen einsetzen – in Regierungen, Nichtregierungsorganisationen und Entwicklungs- und Förderorganisationen – kämpfen tagtäglich darum, diesen Bedürfnissen gerecht zu werden. Und obwohl wir erkennen, wie vielschichtig und miteinander verzahnt die Bedürfnisse von Mädchen sind, schauen wir oft nicht über den Tellerrand und arbeiten an den gleichen Problemen ohne miteinander zu kommunizieren. Dieser Mangel an wirksamer Koordinierung, Zusammenarbeit oder Wissensaustausch schlägt sich in Investitionen nieder, die häufig eng auf ein einzelnes Projekt, einen Sektor oder eine geographische Region fokussiert sind – und keine optimale Wirksamkeit entfalten können.

Aus diesem Grund hat der Population Council das Girl Innovation, Research, and Learning (GIRL) Center ins Leben gerufen, eine Art globales Wissenszentrum für Forschungsaktivitäten und Programme, die Mädchen in den Mittelpunkt stellen. Das von mir geleitete GIRL-Center hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Potenzial der weltweiten Investitionen in Mädchen optimal auszuschöpfen, indem zum einen evidenzbasierte Maßnahmen unterstützt werden und zum anderen die Ziele und Prioritäten verschiedener Akteure aufeinander abgestimmt werden.

Zu diesem Zweck bauen wir das weltweit größte offene Datenportal zum Thema Heranwachsende auf, in dem über 120.000 Datensätze des Population Council zu jungen Menschen in der Adoleszenz archiviert werden, sowie Daten von anderen Organisationen, deren Forschung und Programme schwerpunktmäßig Mädchen gewidmet sind. Dieses Datenportal wird genaue Analysen ermöglichen, die politischen Entscheidungsträgern ein tieferes Verständnis über die Entwicklung des Lebens und der Bedürfnisse von Mädchen während der Adoleszenz vermitteln, und es wird verdeutlichen, welche Maßnahmen für welche Gruppe (und unter welchen Bedingungen) am effektivsten sind. Es wird zudem den Austausch und Kontakt von Menschen aus unterschiedlichen Disziplinen und Bereichen ermöglichen, die das gemeinsame Ziel verbindet, systemische Veränderungen zu fördern, die Heranwachsenden, und vor allem Mädchen, die Möglichkeit geben ihr Potenzial zu entfalten.

Es wird nicht einfach sein, Mädchen zu ermächtigen, ihre Energien und Talente zu nutzen, um die Gesellschaften zu verändern, in denen sie leben. Deshalb gilt es einen übergreifenden Ansatz zu verfolgen, der den grundlegenden Gemeinsamkeiten der Programme und Zielsetzungen Rechnung trägt, der von bewährten Lösungen profitiert und der eine langfristige Perspektive einnimmt.

Aus dem Englischen von Sandra Pontow.