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Angemessene Arbeit oder unangemessene Politik

DAVOS – Die Agenda 2030 für Nachhaltige Entwicklung verpflicht die Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen dazu, „niemanden zurückzulassen“.. Eine entscheidende Komponente dieser Verpflichtung ist angemessene Arbeit für alle – wie es auch in der Agenda der Internationalen Arbeitsorganisation (IAO) heißt. Zu einer Zeit, in der die Frustration und Enttäuschung der Arbeitnehmer bei den Wahlen in aller Welt Ausdruck findet, könnte dieses Ziel gar nicht wichtiger sein.

Heutzutage wird die Erwartung, dass es jeder Generation besser gehen soll als der vorherigen, sowohl in sozialer als auch in wirtschaftlicher Hinsicht nicht mehr automatisch erfüllt. Für viele ist der Rückschritt zum neuen Normalzustand geworden.

So wundert es nicht, dass jüngsten politischen Rückschläge durch die schon seit langem brodelnde Enttäuschung über den Umgang mit der Globalisierung und die unfaire Verteilung ihrer Gewinne nur noch verstärkt wurden. Diese Enttäuschung wird zumindest teilweise durch die eigene Erfahrung der Menschen mit ihrer Arbeit verursacht, ob nun der Ausschluss vom Arbeitsmarkt, schlechte Arbeitsbedingungen oder niedrige Einkommen die Ursache sind.

In den letzten Jahren herrschte in vielen Teilen der Welt, darunter auch in einigen europäischen Ländern, hohe Arbeitslosigkeit. Aber sogar ein Arbeitsplatz ist keine Garantie für finanzielle Sicherheit: Viele beschäftigte Menschen wissen, dass ihre Arbeitsplätze gefährdet sind, und sogar in Ländern, wo sich die wirtschaftlichen Indikatoren insgesamt verbessern, gab es keine ausreichenden Fortschritte bei der Arbeitsqualität.

Laut dem globalen Lohn- und Gehaltsbericht der IAO, Wage Inequality in the Workplace (Lohnungleichheit am Arbeitsplatz), der im letzten Monat veröffentlicht wurde, hat sich das globale Lohnwachstum seit 2012 von 2,5% jährlich auf 1,7% im Jahr 2015 verringert – auf seinen geringsten Stand in vier Jahren. Wenn man China nicht berücksichtigt, wo besonders hoher Lohnzuwachs herrschte, schrumpfte das weltweite Wachstum der Löhne und Gehälter sogar von 1,6% auf nur 0,9%.

Die Desillusionierung der Arbeitnehmer wird durch das Wissen verstärkt, dass das stagnierende Wachstum ihrer Durchschnittslöhne von steigendem Wohlstand der Reichen begleitet wird. Wie der Bericht der IAO zeigt, sind die Löhne in den meisten Ländern zwar über beinahe die gesamte Einkommenspyramide hinweg leicht gestiegen, aber bei den obersten 10% sind sie förmlich nach oben geschossen, und noch stärker bei den obersten 1%.

In Europa beziehen die am höchsten bezahlten 10% der Arbeitnehmer durchschnittlich 25,5% der Gesamtgehälter, während die am geringsten bezahlten 50% nur 29,1% bekommen. In einigen Schwellenländern wie in Brasilien (35%), Indien (42,7%) und Südafrika (49,2%) ist der Anteil der Einkünfte der obersten 10% sogar noch höher. In Europa verdient das oberste Prozent etwa 90 Euro pro Stunde – achtmal mehr als die Durchschnittsverdiener und das 22-fache der untersten 10%.

Heute stehen wir vor der doppelten Herausforderung, die Lage der Geringverdiener zu verbessern, während wir gleichzeitig für die jährlich zig Millionen neuen Arbeitsmarktteilnehmer genug hochwertige Arbeitsplätze schaffen müssen. Da sich die Weltwirtschaft immer noch nicht vollständig von der globalen Wirtschaftskrise des letzten Jahrzehnts erholt hat, wird die Lösung dieser Probleme nicht leicht sein.

In der Tat ist es wahrscheinlich, dass die Anzahl der Arbeitssuchenden weiterhin stärker zunimmt als diejenige der neuen Arbeitsplätze. Daher schätzt die IAO in ihrer Prognose World Employment and Social Outlook – Trends 2017, dass die Zahl der 201 Millionen Arbeitslosen weltweit bis 2018 noch um weitere 2,7 Millionen steigen wird.

Die Welt braucht eine Art von Wirtschaftswachstum, die nachhaltiger, gleichberechtigter und arbeitsplatzintensiver ist. Der Schlüssel zum Erfolg liegt in starken und wichtigen Arbeitsmarktinstitutionen zur Förderung international akzeptierter Prinzipien und Rechte für Arbeitnehmer.

Eine wichtige Rolle spielen in diesem Zusammenhang auch Mindestlöhne und öffentliche Verhandlungen. Ein bemerkenswerter Trend der letzten Jahre war die Einführung oder die Erhöhung von Mindestlöhnen durch Länder, die dadurch die Ungleichheit abmildern wollten, wofür das jüngste Beispiel Mexiko ist. Und dieser Trend scheint sich fortzusetzen: So denkt beispielsweise auch Südafrika über einen nationalen Mindestlohn nach.

Dies sind gute Nachrichten. Die jüngsten Daten, darunter auch diejenigen der Mindestlohnkommission in Deutschland, zeigen, dass gut geplante Mindestlöhne – die den Bedürfnissen der Arbeitnehmer und ihrer Familien entsprechen und auch die wirtschaftliche Lage in Betracht ziehen – am unteren Ende der Einkommenspyramide einen echten Unterschied machen können, ohne dabei der Beschäftigungslage erheblich zu schaden.

Durch die Einführung von Unterstützungssystemen zur Förderung angemessener Arbeit und wirtschaftlicher Integration kann auch auf internationaler Ebene gehandelt werden. Deshalb haben die IAO und die Weltbank eine Globale Partnerschaft für universalen sozialen Schutz ins Leben gerufen, die gewährleisten soll, dass die sozialen Sicherheitsnetze – einschließlich der Renten und der Zuwendungen für Eltern, Behinderte und Kinder – allen Menschen zugänglich gemacht werden, darunter auch den Hunderten von Millionen weltweit, die bisher ungeschützt sind.

Die Ausweitung des Zugangs zu angemessenen Arbeitsgelegenheiten ist die effektivste Methode, die Teilnahme am Arbeitsmarkt zu verbessern, Menschen aus der Armut zu befreien und das Wirtschaftswachstum anzukurbeln. Dies sollte im Mittelpunkt der Politik stehen. Die Alternative dazu wäre eine konkurrenzbetonte Welt, in der sich zu viele ausgeschlossen fühlen. Man muss sich nur die heutigen Schlagzeilen anschauen, um die Instabilität und Unsicherheit zu erkennen, die durch diesen Ansatz entsteht – und bereits entstanden ist.

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff