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Wie Fake News Erfolg haben

WASHINGTON, DC – Nach der Welle von Fake News, die den jüngsten Präsidentschafts-wahlkampf in den Vereinigten Staaten begleiteten, richtete sich die Aufmerksamkeit auf diejenigen, die diese Meldungen in die Welt setzen und verbreiten. Die Annahme besteht darin, dass Leser und Seher stets zu den richtigen Schlussfolgerungen hinsichtlich einer Meldung gelangen, wenn die Medien ausschließlich über „Fakten“ berichten.

Allerdings berücksichtigt dieser Ansatz nur eine Seite der Gleichung. Ja, es bedarf Nachrichten-organisationen, die zuverlässige Information bieten; aber genauso bedarf es Empfänger, die sich als kluge und versierte Konsumenten erweisen.  

Jahrzehntelang unterstützte die US-Regierung in autoritären, dysfunktionalen oder unter Ressourcenmangel leidenden Ländern Programme zur Förderung unabhängiger Medien. Doch diese Programme gehen stillschweigend davon aus, dass die USA immun gegenüber jenen Problemen seien, mit denen Menschen in anderen Ländern konfrontiert sind, wenn sie Informationen erstellen oder konsumieren. Außerdem nehmen wir in den USA an, dass die mit Werbeeinahmen finanzierten amerikanischen Medien weiterhin florieren; dass unabhängiger Journalismus die Norm sei; und dass die meisten Menschen zu kritischem Denken fähig und in der Lage sind, sich fundierte Urteile zu den Informationen bilden, die sie erhalten. 

Tatsächlich sind einige der Lektionen, die wir im Ausland gelernt haben, als wir dort die dynamische Beschaffung und Verbreitung von Information unterstützten, für die USA gleichermaßen relevant. Bei den Wahlen 2016 beruhten die persönlichen Überzeugungen, aufgrund derer Millionen Wähler ihre Entscheidung trafen, nicht nur auf deren persönlichen Erfahrungen und der Information, die sie bezogen, sondern auch darauf, wie sie diese Erfahrungen und Information verarbeiteten. Ausschlaggebend dafür, wie die Wähler Informationen interpretierten und anschließend handelten, waren ihre Affinität zu Content-Produzenten; ihre Beweggründe, Fakten zu glauben oder auch nicht sowie die Fähigkeit zu kritischem Denken.  

Bei den Wahlen gelang es dem Großteil der Experten offenbar nicht, die Überzeugungen oder Standpunkte von Millionen von Amerikanern „mitzubekommen“, weswegen es auch nicht überrascht, dass diese Millionen Amerikaner eine Abneigung gegen das unablässige Gerede der Experten entwickelten. Für diese Wähler waren die Experten einfach nur Verbreiter von Informationen, die keine wirkliche Bindung zu den wichtigen Problemen erkennen ließen. Vor der Fernsehkamera diskutierende Männer und Frauen sind zu weit von Fabriken, Büros, Bars, Kirchen, Schulen und Krankenhäusern, wo die Zuseher jene Beziehungen knüpfen, die bestimmen, wie sie Information verarbeiten. Die Bedeutung sozialer Beziehungen hinsichtlich der Interpretation von Information und der anschließenden Reaktion ist durch die so genannte digitale Revolution um nichts geringer geworden.

Beziehungen gründen auf Vertrauen, das wiederum von entscheidender Bedeutung ist, wenn Konsumenten Informationen akzeptieren sollen, die ihren festen Überzeugungen zuwiderlaufen. Doch laut Gallup bringen lediglich 32 Prozent der Amerikaner traditionellen Medienunternehmen „großes“ oder „ziemliches” Vertrauen entgegen – ein Allzeit-Tiefstwert. Dabei handelt es sich um eine durchaus problematische Entwicklung und sie deutet darauf hin, dass viele Bürger im Hinblick auf Information das Kind mit dem Bade ausschütten.

Die Art, wie Information konsumiert wird, hängt - wie auch bei anderen Gütern - von wirtschaftlichen und politischen Chancen, persönlichen Anreizen sowie institutionellen oder kulturellen Normen ab. Arbeiter in Ohio, deren Löhne stagnierten oder arbeitslose Wähler in Michigan, deren Jobs nach Übersee abwanderten, werden Information vor dem Hintergrund ihrer wirtschaftlichen Situation aufnehmen. Wenig überraschend bedienen sie sich dabei oftmals Quellen – ob glaubwürdig oder nicht – die der Globalisierung sowie der aktuellen Haushalts- und Wirtschaftspolitik kritisch gegenüberstehen.

Ein umfangreiches Angebot an solider Information reicht nicht aus, um gute Entscheidungen zu treffen; die Nachrichtenkonsumenten müssen auch über die Fähigkeit zu kritischem Denken verfügen. Information ist vergleichbar mit der Nahrung, die wir zu uns nehmen: wir müssen über die Bestandteile, Herkunft, Produktionsweise sowie über die Auswirkungen übermäßigen Konsums Bescheid wissen. 

Es wird wahrscheinlich Jahrzehnte dauern, zwischen Konsumenten und Mainstream-Nachrichtenmedien wieder ein vertrauensvolles Verhältnis aufzubauen. Informationskonsumenten werden bei der Auswahl der Information immer Vorurteile oder Vorlieben aufweisen. Aber auch in diesem Fall ist es möglich, kritisches Denken zu fördern, so dass Bürger wissen, wie vertrauenswürdige Quellen zu finden sind und sie ihren eigenen Vorurteilen widerstehen können.

Die Kultivierung der Fähigkeit zu kritischem Denken braucht Zeit und Übung. Deshalb ist es wichtiger denn je, in Bildung zu investieren. Manche der in anderen Ländern erprobten Modelle könnten auch in den USA funktionieren. So mobilisierte man beispielsweise kürzlich im Rahmen einer von IREX durchgeführten Initiative in der Ukraine Bibliothekare, um die abträglichen Folgen der vom Kreml finanzierten Propaganda zu neutralisieren. Man vermittelte damit fünfzehntausend Ukrainern konkrete Fähigkeiten im Hinblick darauf, emotionale Manipulation zu vermeiden, Quellen und Referenzen zu verifizieren, bezahlte Inhalte und Hassreden ausfindig zu machen sowie falsche Videos und Fotos zu enttarnen.

Die Ergebnisse waren beeindruckend: die Teilnehmer verbesserten ihre Fähigkeit, zwischen vertrauenswürdigen und falschen Nachrichten zu unterscheiden um 24 Prozent. Und noch besser: diese Teilnehmer unterwiesen anschließend hunderte weitere Menschen darin, Desinformation zu erkennen, wodurch sich die Wirkung der Initiative vervielfachte.  

Mit durchaus bescheidenen Investitionen kann die Vermittlung dieser Fähigkeiten standardmäßig in Lehrpläne aufgenommen werden. Philanthropen können Basisorganisationen gründen oder unterstützen, damit diese mit Bürgern arbeiten und so deren Fähigkeit zum kritischen Konsum von Information schulen.  

Präzise Information und kritisches Denken sind in der Demokratie unerlässlich. Wir dürfen beides nicht als selbstverständlich erachten, auch nicht in Amerika. Denn das garantiert den Erfolg der Fake News.  

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier