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Globalisierung für alle

LIMA – Gegenwärtig scheinen die Verteidiger der Globalisierung immer mehr von ihren Gegnern zurückgedrängt zu werden. Wenn letztere sich durchsetzen, könnte es leicht geschehen, dass die internationale Ordnung nach den Zweiten Weltkrieg – die, oft mit Erfolg, darauf abzielte, durch Güteraustausch und Verbindungen Frieden und Wohlstand zu fördern – zusammenbricht. Kann die Globalisierung gerettet werden?

Auf den ersten Blick scheinen die Aussichten düster zu sein. Momentan steht jeglicher Aspekt der Globalisierung – freier Handel, freier Kapitalfluss und internationale Migration – unter Beschuss. An der Spitze dieser Bewegung stehen antagonistische Kräfte – von populistischen politischen Parteien über Separatistengruppen bis hin zu Terrororganisationen – deren Aktionen meist eher auf das gerichtet sind, was sie ablehnen, als auf das, was sie unterstützen.

 1972 Hoover Dam

Trump and the End of the West?

As the US president-elect fills his administration, the direction of American policy is coming into focus. Project Syndicate contributors interpret what’s on the horizon.

In Russland und Asien sind es antiwestliche Gruppen, die an vorderster Front gegen die Globalisierung stehen. In Europa sind es meist die populistischen Parteien, die ihre Abneigung gegen die europäische Integration betonen. Die Rechte wendet sich dabei oft auch gegen die Einwanderung, während die Linke gegen steigende wirtschaftliche Ungleichheit kämpft. In Lateinamerika scheint die Angst vor ausländischen Einwirkungen jeglicher Art vorzuherrschen. In Afrika bekämpfen separatistische Stammesgruppen jeden, der ihrer Unabhängigkeit im Weg steht. Und im Nahen Osten führt der Islamische Staat (IS) einen bösartigen Feldzug gegen jegliche Modernität – und gegen die Gesellschaften, die diese verkörpern.

Trotz ihrer Unterschiede haben diese Gruppen eine Sache gemeinsam: eine tiefe Feindschaft gegen internationale Strukturen und Verbindungen (auch wenn natürlich eine mörderische Gruppierung wie der IS in eine andere Kategorie fällt als beispielsweise die europäischen Populisten). Dass die internationale Ordnung, die sie zerstören wollen, zum starken Wirtschaftswachstum nach 1945 geführt und damit Milliarden Bürger der Schwellenländer aus der Armut befreit hat, ist ihnen egal. Alles, was sie sehen, sind massive, unbeugsame Institutionen und unerträgliche Ungleichheit bei Wohlstand und Einkommen, wofür sie die Globalisierung verantwortlich machen.

In diesen Argumenten steckt eine gewisse Wahrheit. Die Welt ist ein sehr ungleicher Ort, und die Ungleichheit innerhalb der Gesellschaften hat sich in den letzten Jahrzehnten deutlich vergrößert. Aber dies liegt nicht am internationalen Handel oder an der Bewegungsfreiheit der Menschen. Immerhin gibt es grenzüberschreitenden Handel und Auswanderung schon seit Tausenden von Jahren.

Also macht der Lösungsvorschlag der globalisierungsfeindlichen Bewegung – die Schließung der nationalen Grenzen für Handel, Menschen und alles andere – wenig Sinn. Vielmehr würde ein solcher Ansatz nicht nur den reichen Eliten schaden, die von den globalisierten Märkten am meisten profitiert haben, sondern fast allen.

Was also sind die Gründe für die Ungleichheit? Um diese Frage zu beantworten, müssen wir berücksichtigen, welche Faktoren der Globalisierung den Reichen Gewinne verschaffen.

Ein zentraler Aspekt der Globalisierung besteht in der sorgfältigen Dokumentation des Wissens und der rechtlichen Werkzeuge, die zur Zusammenstellung der Eigentumsrechte scheinbar nutzloser Einzelteile (Elektronik, Produktionsrechte usw.) in komplexe Gesamtheiten (wie Smartphones) erforderlich sind und die den dadurch entstehenden Mehrwert verteilen. Entscheidend für das Funktionieren des Systems sind klare und zugängliche Register, die nicht nur genau beschreiben, wer wo was kontrolliert, sondern auch die Regeln für das mögliche Zusammenspiel vieler Faktoren umfassen, zu denen beispielsweise Sicherheiten, Komponenten, Produzenten, Unternehmer sowie Gesetze und Eigentumsregeln und ihre Kombinationen gehören.

Das Problem ist, dass weltweit fünf Milliarden Menschen nicht auf geordnete Weise in nationalen Registern dokumentiert sind. Statt dessen sind ihre unternehmerischen Talente und Besitzrechte in Hunderten von im Land verstreuten Aufzeichnungen und Regelsystemen festgehalten und damit international unzugänglich.

Unter diesen Umständen kann der größte Teil der Menschheit noch nicht einmal effektiv an ihrer nationalen Wirtschaft teilnehmen, ganz zu schweigen von der Weltwirtschaft. Ohne die Mittel zur Beteiligung am Produktionsprozess hochwertiger Endprodukte haben diese Menschen keine Chance, einen Teil des erzielten Mehrwerts für sich zu verbuchen.

Also ist es nicht der freie Handel, der die Ungleichheit in aller Welt verstärkt, sondern ein Mangel an konsolidiertem und dokumentiertem Wissen. Aber die Lösung dieses Problems wird nicht leicht sein. Allein zur Ermittlung der Anzahl der ausgeschlossenen Menschen musste meine Organisation, das Institut für Freiheit und Demokratie (ILD), in etwa zwanzig Ländern zwei Jahrzehnte lang über 1.000 Forscher einsetzen.

Das Hauptproblem liegt in der rechtlichen Verzögerung. Die Anwälte und Konzerneliten, die die Gesetze und Regulierungen zur Verwaltung der Globalisierung entwerfen und umsetzen, haben keine Verbindung zu denjenigen, die auf der lokalen Ebene die entsprechenden Maßnahmen treffen. Mit anderen Worten, in der rechtlichen Kette fehlen ein paar wichtige Glieder.

Erfahrungen in Japan, den Vereinigten Staaten und Europa zeigen, dass die Entwicklung eines überschaubaren rechtlichen Ansatzes zur Gewährleistung gleicher Rechte und Möglichkeiten hundert Jahre oder noch länger dauern kann. Aber es gibt einen schnelleren Weg: Man kann die fehlenden Glieder so betrachten, als fehlten sie nicht in der rechtlichen Kette, sondern in der Kette des Wissens.

Über Wissensketten wissen wir beim ILD gut Bescheid. In den letzten fünfzehn Jahren haben wir Millionen von Menschen einen Zugang zum globalisierten Rechtssystem verschafft, indem wir das in marginalen Registern enthaltene Wissen in den rechtlichen Mainstream überführt haben – und dies alles ohne die Hilfe von Computern. Aber zur Fortführung dieses Prozesses haben wir keine zusätzlichen Jahrzehnte mehr Zeit: Wir müssen Milliarden weitere Menschen einbringen, und zwar schnell. Dazu wird Automatisierung nötig sein.

Im letzten Jahr begann das ILD mithilfe kostenloser Unterstützung von Unternehmen aus dem Silicon Valley mit der Untersuchung, ob durch Informationstechnologie und insbesondere die „Blockkette“ (die transparente, sichere und dezentralisierte Online-Aufzeichnung, die die Grundlage für das Bitcoin-System darstellt) ein größerer Teil der Weltbevölkerung an der Globalisierung beteiligt werden könnte. Das Ergebnis war überwältigend positiv.

Durch die Übersetzung der Sprache der rechtlichen Kette in eine digitale Sprache – eine Errungenschaft, für die wir eine Gruppe von 21 Typologien entwickeln mussten – konnten wir ein System entwickeln, mit dem alle Register in der ganzen Welt gefunden, erfasst und veröffentlicht werden können. Darüber hinaus konnten wir die Fragen, die von Computern an erfasste Register gestellt werden müssen, um zu bestimmen, welche Vorschriften in Blockketten-Verträge zwischen globalisierten Unternehmen und nicht globalisierten Kollektiven eingefügt werden müssen, zu 34 binären Indikatoren verdichten.

Fake news or real views Learn More

Die Informationstechnologie hat bereits viele Elemente unseres Lebens demokratisiert. Durch die Demokratisierung des Rechtssystems kann sie vielleicht die Globalisierung retten – und die internationale Ordnung.

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff