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Priorität für Bildung

LONDON – Die Sache der Bildung für alle tritt schon viel zu lange hinter anderen großen internationalen Bewegungen für Veränderungen zurück. Nun ist die Bildung – aus zwei neuen Gründen, die im Kern der neuen Initiative „Education First“ von UN-Generalsekretär Ban Ki-moon liegen – auf ihren rechtmäßigen Platz ganz oben auf der weltpolitischen Tagesordnung zurückgekehrt.

Zunächst einmal haben sich viele junge Leute selbst zu den stärksten Fürsprechern einer Bildung für alle Jungen und Mädchen entwickelt. Diese jungen Leute – insbesondere Mädchen – weigern sich, weiter still zu halten, während man ihnen Chancen vorenthält, und haben einen der großen Bürgerrechtskämpfe unserer Zeit begonnen.

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Es gibt fast niemandem, der vom tapferen Kampf der jungen Pakistanerin Malala Yousafzai, die von den Taliban in den Kopf geschossen worden war, weil sie auf das Recht junger Mädchen auf Bildung pochte, nicht gerührt wäre. Kaum einem ist die enorme öffentliche Unterstützung in Pakistan und anderswo für die von ihr unterstützte Sache entgangen.

Genauso haben wir in den letzten Monaten die Schaffung von kinderheiratsfreien Zonen durch Schülerinnen in Bangladesch erlebt, die das Recht von Mädchen schützen sollen, weiter zur Schule zu gehen, statt gegen ihren Willen als Teenager zwangsverheiratet zu werden. In Indien hat der vom Kinderrechtler Kailash Satyarthi angeführte Globale Marsch gegen Kinderarbeit tausende von Jungen und Mädchen aus einem Sklavenleben in Fabriken, Werkstätten und als Haushaltshilfen befreit und ihre Rückkehr in die Schule sichergestellt.

Dank dieser Demonstrationen von Jungen und Mädchen, die ihr Recht auf Bildung einforderten, lässt sich der Kampf  um eine grundlegende Schulbildung nicht länger ignorieren. Infolgedessen fühlen sich heute Regierungen überall noch stärker unter Druck, das Zweite der globalen Millenniumziele („Erreichen einer universalen Grundschulbildung“) bis Ende 2015 umzusetzen.

Doch es gibt noch eine zweite weltweite Kraft, die die Bildung ins Zentrum der politischen Tagesordnung in den meisten Ländern gerückt hat: das zunehmende Bewusstsein der Wichtigkeit von Bildung bei jenen, die untersuchen, warum Länder scheitern oder Erfolg haben. Seit Jahren streiten Wissenschaftler darüber, ob Kultur, Institutionen, Ideologie oder Ressourcen dazu führen, dass einige Länder den anderen hinterherhinken. Inzwischen ist eine wachsende Zahl von Autoren, Wissenschaftlern und politischen Entscheidungsträgern der Ansicht, dass eine entscheidende Verbindung zwischen Bildung und dem wirtschaftlichen Erfolg eines Landes besteht.

Die Entwicklung des Humankapitals ist zu einem wichtigen Faktor dabei geworden, zu erklären, warum manche Länder in der „Falle des mittleren Einkommens“ stecken bleiben und andere es nicht schaffen, aus der unteren Einkommenskategorie auszubrechen. Untersuchungen zum Humankapital von Ländern konzentrieren sich inzwischen auf die Quantität und Qualität grundlegender Fertigkeiten, die Arbeitskraft qualifizierter Hochschulabsolventen und die Expertise im Bereich von Forschung und Entwicklung.

Der Bildung Priorität einzuräumen ist angesichts des Ausmaßes an verschwendetem Talent und Potenzial weltweit dringend erforderlich. Nach wie vor besuchen rund 57 Millionen Kinder keine Schule; 500 Millionen Mädchen werden die weiterbildende Schule, auf die sie Anspruch haben, nie abschließen, und noch immer sind 750 Millionen Erwachsene Analphabeten.

Die Beziehung zwischen Bildung und wirtschaftlichem Erfolg macht ein qualitativ hochwertiges Schul- und Fortbildungswesen auch für die Unternehmen zu einem enorm wichtigen Thema. Laut dem McKinsey Global Institute werden wir bis 2020 vor dem doppelten Problem eines Mangels von bis zu 40 Millionen gut ausgebildeten Arbeitnehmern und eines Überschusses von bis zu 95 Millionen gering qualifizierten Arbeitern stehen. Bis 2030 wird die weltweite Erwerbsbevölkerung von 3,5 Milliarden Menschen schätzungsweise eine Milliarde Arbeitnehmer ohne weiterführende Schulbildung umfassen, was die wirtschaftlichen Aussichten ihrer Länder erheblich beeinträchtigt.

Infolgedessen werden es die Unternehmen vermutlich mit einem enormen Fachkräftemangel zu tun bekommen, und zwar insbesondere in den Schwellenmärkten und Entwicklungsländern, wo sich der Großteil der Wirtschaftsaktivität konzentrieren wird. Tatsächlich beträgt der Anteil der erwachsenen Analphabeten in Somalia 63% und in Nigeria 39%. Im Südsudan sterben mehr Mädchen beim Gebären, als die Grundschule abschließen.

Sofern wir nicht handeln, wird die Weltwirtschaft in der Mitte des Jahrhunderts durch eine enorme Chancenungleichheit und Verschwendung von Talent gekennzeichnet sein. Laut neuen Zahlen in einem in Kürze erscheinenden Buch des Wittgenstein Centre, World Population and Human Capital in the 21st Century, werden 2050 voraussichtlich nur 5% der jungen Erwachsenen in Malawi und Madagaskar eine Hochschulbildung haben; in Niger, Liberia, Ruanda und Tschad beträgt der erwartete Anteil nur 4% und in Mali und Mozambique nur 3%. Während die Prognose für Gesamt-Nordamerika bei 60% liegt, sind es für Schwarzafrika 16%.

Diese Zahlen enthüllen eine Welt, die zwischen jenen mit und jenen ohne Bildungschancen aufgeteilt ist – mit enormen potenziellen Folgen nicht nur in Bezug auf Fachkräftemangel und volkswirtschaftliche Verschwendung, sondern auch im Hinblick auf die gesellschaftliche Stabilität. Die Worte des verstorbenen Vorsitzenden Richters am Obersten Gerichtshof der USA Earl Warren in der Urteilsbegründung im Fall Brown gegen Board of Education,die die Rechtsgrundlage für die Rassentrennung in Amerikas staatlichen Schulen für unwirksam erklärte, sind heute nicht weniger relevant als damals: „Es steht zu bezweifeln, dass man von einem Kind, dem man eine Chance auf Bildung vorenthält, vernünftigerweise erwarten kann, dass es im Leben Erfolg hat.“ Und weiter: „Eine derartige Chance ... ist ein Recht, das allen zu gleichen Bedingungen zugänglich gemacht werden muss.“

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Wir haben nur noch gut zwei Jahre Zeit, um eine Grundschulbildung von einem Privileg in ein Recht für alle zu verwandeln. Generalsekretär Ban und ich sind entschlossen, jeden Tag bis zum Stichtag im Dezember 2015 mit all unserer Kraft darauf hinzuarbeiten, dass jedes Kind zur Schule geht.

Aus dem Englischen von Jan Doolan