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Der Dividenden-Geldhahn muss zugedreht werden

NEW YORK – Hohe Prozess- und Restrukturierungskosten haben bei europäischen Banken für herbe Verluste in den Büchern und für eine katastrophale Entwicklung ihrer Aktienkurse gesorgt. Nun, da die Branche und auch europäische Regulierungsbehörden die düstere Lage analysieren und nach Lösungen suchen, sollten sie auch die Gewinnverteilung der Banken – einschließlich Mitarbeiterboni und Dividenden für Aktionäre – als Teil des Problems berücksichtigen.

Die Gewinnverteilung ist ein Hauptgrund für die Kapitalengpässe europäischer Banken. Um zu verstehen, warum das so ist, müssen wir in den Oktober 2014 zurückgehen, als die Europäische Bankenaufsichtsbehörde (EBA) die 123 größten Banken der Eurozone einem Stresstest ihrer Bilanzen unterzog und insgesamt Kapitallücken im Ausmaß von 25 Milliarden Euro feststellte.

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Zu dieser Zeit forderte die EBA die Banken auf, innerhalb von 6 bis 9 Monaten Pläne zu erarbeiten, wie sie ihre jeweiligen Kapitallücken zu schließen gedenken. Einige Banken traten in Aktion und erhöhten ihre Eigenkapitalausstattung durch Bezugsrechtemissionen, in manchen Fällen mit beträchtlicher staatlicher Hilfe. Die meisten Banken allerdings besänftigten die Regulierungsbehörden einfach, indem sie risikoreichere Aktiva abstießen, um ihre Kapitalquoten zu verbessern.

Diese Bemühungen erwiesen sich freilich als wirkungslos und so fiel der Kurs europäischer Bankaktien seit der ursprünglichen Bewertung im Jahr 2014 im Durchschnitt um 50 Prozent. Schuld daran sind teilweise Banken, die den Stresstest nicht bestanden und diese Ergebnisse nicht ernst genug nahmen. Aber auch die Aufsichtsbehörden tragen einen Teil der Verantwortung, weil sie den Banken die Daumenschrauben nicht fest genug anzogen, um sie zu einer Verbesserung ihrer Bilanzen zu bewegen und weil sie möglicherweise mit Stresstests operierten, die zu schwach waren, um die Finanzschwächen offenzulegen.

Die EBA führte eine Reihe weiterer Stresstests durch und veröffentlichte die Ergebnisse Ende Juli. Im Rahmen dieser jüngsten Untersuchungen nahm man 51 Banken unter die Lupe und im Gegensatz zu früheren Tests war dieser nicht dazu bestimmt, Kapitallücken ausfindig zu machen, sondern „einen gemeinsamen analytischen Rahmen zu erstellen, um die Widerstandskraft großer Banken in der EU im Falle adverser wirtschaftlicher Entwicklungen einheitlich zu vergleichen und zu beurteilen.“

Die Aufsichtsbehörden gehen mittlerweile davon aus, dass der europäische Bankensektor adversen Schocks widerstehen kann. Am Tag, als die EBA ihre Ergebnisse verlautbarte, kündigte das Schlusslicht der Rangliste, die italienische Banca Monte dei Paschi di Siena, entsprechend ihres Kapitalbedarfs von 5,6 Milliarden Euro eine Kapitalerhöhung im Ausmaß von 5 Milliarden Euro an.

Die Marktreaktion auf diese Ankündigung fiel dennoch negativ aus (der EuroStoxx-Bankindex fiel in zwei Tagen um 7,5 Prozent). Dies höchstwahrscheinlich deshalb, weil die EBA keine spezifischen Angaben zu den Kapitallücken europäischer Banken machte oder einen Rekapitalisierungsplan skizzierte.

In unserer neuen wissenschaftlichen Arbeit über diese Marktreaktion schätzen wir - auf Grundlage der in den USA geltenden Kapitalanforderungen - den gesamten Kapitalbedarf aller 51 Banken, die an diesem Stresstest teilnahmen, auf 123 Milliarden Euro. Doch trotz dieser enormen Kapitallücke schütteten 28 der 34 an diesem Stresstest teilnehmenden börsennotierten Banken im Jahr 2015 etwa 40 Milliarden Euro an Dividenden aus. Das heißt, sie verteilten im Durchschnitt mehr als 60 Prozent ihrer Erträge an Aktionäre.

Dividenden-Ausschüttungen durch unterkapitalisierte Banken kommen einem beträchtlichen Vermögenstransfer von nachrangigen Gläubigern zu Aktionären gleich, weil diese nachrangigen Gläubiger die Verluste in einer Krise zu tragen haben. Außerdem handelt es sich dabei potenziell um einen Vermögenstransfer von den Steuerzahlern zu privaten Aktionären, denn auf Grundlage der neuen Bankenregelungen sind staatliche Rettungen möglich, wenn 8 Prozent des Eigenkapitals und der Verbindlichkeiten einer Bank durch Obligationäre gedeckt sind.

Im Gegensatz dazu sind unterkapitalisierte Banken in den USA gezwungen, sämtliche Formen der Gewinnausschüttung einzustellen, wenn sie einen Stresstest nicht bestehen. Nach den Stresstests 2016 zieht die EBA glücklicherweise diese Art regulierungstechnischer Sanktionen mittlerweile ebenfalls in Erwägung. Demzufolge wäre es möglich, dass „die zuständigen Behörden Änderungen des Kapitalplans einer Institutionen fordern”, wobei diese Änderungen „auch in Form möglicher Beschränkungen der Dividenden vorgenommen werden können, um den vereinbarten Kurs der Kapitalplanung im Falle eines adversen Szenarios aufrecht zu erhalten.“

Hätten die europäischen Regulierungsbehörden diesen Ansatz schon 2010 – zu Beginn der Staatsschuldenkrise in Europa - verfolgt und die Banken zur Beendigung der Dividendenausschüttung gezwungen, würde das derart einbehaltene Eigenkapital über 50 Prozent der Kapitallücken des Jahres 2016 decken, so unsere Schätzung.

Nachstehende Abbildung zeigt die von uns berechneten Kapitallücken - entsprechend der unter Annahme eines „adversen Szenarios“ ausgewiesenen Verluste im EBA-Stresstest – sowie die kumulierten Dividenden, die von den Banken seit 2010 ausgeschüttet wurden. In manchen Fällen wie bei BNP Paribas und Barclays übersteigen die Dividenden das Ausmaß der aktuellen Kapitallücken, während im Falle anderer Banken – wie etwa Deutsche Bank, Commerzbank sowie Société Générale – die Kapitallücken weit größer ausfallen als die Dividenden, die man hätte zurückhalten können. Bei letzteren Banken wären zusätzlich zu Dividendenbeschränkungen noch weitere beträchtliche Kapitalerhöhungen nötig, um die Differenz auszugleichen.

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Dennoch legen unsere Erkenntnisse einen einfachen ersten Schritt in Richtung Vermeidung einer Erosion des Bankkapitals nahe: Banken mit Kapitallücken sollen keine Dividenden mehr auszahlen dürfen (auch keine unternehmensinternen Dividenden wie Mitarbeiterboni). Eine derartige Politik würde nicht einmal erfordern, dass Regulierungsbehörden Fragen wie Kapitalerhöhungen, Rettungsmaßnahmen oder die Einbeziehung von Gläubigern aufs Tapet bringen und einige Banken haben auch bereits begonnen, Dividendenausschüttungen auszusetzen. Jetzt muss nur noch die Europäische Zentralbank diese Praxis in der gesamten Eurozone durchsetzen.

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier