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Kein Flüchtling darf vergessen werden

NEW YORK – Wir leben in einem Zeitalter, in dem Menschen in beispiellosem Ausmaß vertrieben werden. Im Jahr 2015 waren täglich 42.500 Menschen aufgrund von Konflikten und Verfolgung zur Flucht gezwungen, beinahe viermal mehr als 2010.Mittlerweile sind fast 60 Millionen Menschen gewaltsam vertrieben worden – eine Krise, wie sie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr eingetreten ist.

Diese Entwicklung ist inakzeptabel, aber nicht unvermeidlich. Im Jahr 1945 reagierte die Welt auf den tödlichsten Konflikt in der Menschheitsgeschichte mit der Gründung der Vereinten Nationen. Heute rufen wir als Chefs des UN-Flüchtlingskomissariats sowie des Entwicklungsprogramms die Welt auf, diesem monumentalen Umbruch zu begegnen, indem man den Menschen jene Instrumente in die Hand gibt, die sie brauchen, um ihr Leben wieder aufzubauen. Wir sind der Ansicht, dass der Weg in die Zukunft mit den nachhaltigen Entwicklungszielen 2030 beginnt, die von den Vereinten Nationen letzten September mit dem Versprechen, im Kampf gegen Armut und Ungleichheit „niemanden zu vergessen“ einstimmig verabschiedet wurden.

Aleppo

A World Besieged

From Aleppo and North Korea to the European Commission and the Federal Reserve, the global order’s fracture points continue to deepen. Nina Khrushcheva, Stephen Roach, Nasser Saidi, and others assess the most important risks.

Der aktuelle Ansatz der internationalen Gemeinschaft hinsichtlich Vertreibung besteht hauptsächlich aus humanitärer Hilfe, die rasche lebensrettende Maßnahmen vorsieht, während eine permanente Lösung erarbeitet wird. Doch diese Lösungen sind heute schwieriger zu erreichen als jemals zuvor. Lediglich 1 Prozent der Flüchtlinge konnte 2014 wieder in ihre jeweilige Heimat zurückkehren. Die große Mehrheit der Vertriebenen verbringen nicht nur Tage oder Monate im Exil, sondern Jahre oder Jahrzehnte und manchmal sogar ihr ganzes Leben. Sie laufen Gefahr, vergessen zu werden.

Man denke an Somaya, einen Flüchtling der dritten Generation in Kenia. Vor Jahrzehnten floh ihre Großmutter vor dem brutalen Konflikt in Somalia in das Flüchtlingslager Hagadera. Somayas Mutter wurde dort ebenso geboren wie sie selbst. Keine von ihnen hat je einen Fuß außerhalb des 13 Quadratkilometer großen Lagergeländes gesetzt. Sie leben noch immer aus den Koffern ihrer Großmutter und warten auf die Chance, weiterzuziehen.

Ebenso wie Somaya leben die meisten Flüchtlinge in Entwicklungsländern. Dennoch stehen Entwicklungsorganisationen, die diesen Flüchtlingen helfen können vor dem Problem unzureichender Finanzierung und strikter Regulierungen, die sie daran hindern, sich um die Bedürfnisse der Flüchtlinge zu kümmern.

Langfristige Vertreibung stellt für Menschen wie Somaya eine schwere Belastung dar. Allzu oft sind Flüchtlinge mit Einschränkungen hinsichtlich ihrer Arbeitsmöglichkeiten und ihrer Bewegungsfreiheit konfrontiert, wodurch es beinahe unmöglich wird, für ihre Familien zu sorgen oder einen Beitrag in ihren Aufnahmeländern zu leisten. Sie hängen in der Luft und es bleibt ihnen nichts anderes übrig, als auf humanitäre Hilfe angewiesen zu sein. Oder sie sind gezwungen, sich ihren Lebensunterhalt auf dem informellen Sektor zu verdienen, wodurch sie Gefahr laufen, verhaftet oder zu Opfern sexueller Ausbeutung, Kinderarbeit und anderem Missbrauch zu werden.

Man bedenke ein weiteres Beispiel: Anas, ein 13-jähriger syrischer Flüchtling im Libanon. Seine Familie kann ohne die 5 Dollar, die er jeden Tag verdient, nicht überleben. Anstatt zur Schule zu gehen, sortiert er Kohlestücke, die als Brennstoff verkauft werden. Flüchtlinge wie Anas ringen also um die Ausübung jener Rechte – auf Bildung, Gesundheitsversorgung, Reisefreiheit und Zugang zu Arbeit, Land und Unterkunft – die entscheidend sind, um der Armut zu entkommen.

Die Lösung dieser Probleme erfordert politische und wirtschaftliche Änderungen, die es den Entwicklungsorganisationen ermöglichen, mehr Unterstützung zur Verfügung zu stellen. Die Beziehung zwischen Entwicklung und Vertreibung liegt klar auf der Hand und wir müssen beginnen, diese Herausforderungen als Bereiche gemeinsamer Verantwortung zu betrachten.

Vertreibung in hohem Ausmaß belastet die öffentlichen Ressourcen auch in Ländern mittleren Einkommens. Ohne ausreichende Hilfe von außen können damit Jahre des Fortschritts zunichte gemacht werden. Bis den Aufnahmeländern und den dort lebenden Flüchtlingen mehr und bessere Unterstützung zur Verfügung gestellt werden, müssen wir damit rechnen, immer höhere Summen für humanitäre Programme auszugeben, die niemals auslaufen.

Aber es gibt auch eine andere Seite der Medaille. Ermöglicht man Vertriebenen, ihre Fähigkeiten zu entwickeln und ihre Ambitionen zu verfolgen, schaffen sie neue Wachstumschancen. Aus diesem Grund müssen die Entwicklungsorganisationen über mehr Flexibilität verfügen, wenn es darum geht, sich neuer Zyklen der Armut und Unsicherheit – wo immer diese auch auftreten -  anzunehmen, bevor diese außer Kontrolle geraten.

Es ist an der Zeit, sich von dem klischeehaften Image des Flüchtlings als untätig herumsitzenden handaufhaltenden passiven Hilfeempfänger zu verabschieden. Wenn überhaupt, ist dieses Image Ausdruck der Umstände, die man Flüchtlingen aufgezwungen und durch die unzureichenden Reaktionen der Welt noch verstärkt hat. Flüchtlinge sind Unternehmer. Sie sind Künstler. Sie sind Lehrer, Techniker und Arbeitskräfte aller Art.  Sie bilden eine ergiebige Quelle an Humankapital, die wir nicht erschließen.

Die internationale Gemeinschaft kann es sich nicht mehr leisten, dieses Potenzial außer Acht zu lassen oder untätig zu bleiben, während die Schwächsten an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden. Wenn in den Schlagzeilen die Aufmerksamkeit auf den hohen menschlichen Preis dieser Tragödien gelenkt wird, müssen wir uns daran erinnern, dass wir die Wahl haben, anders als nur geschockt zu reagieren.

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Wir können der wirtschaftlichen Ausgrenzung derjenigen eine Absage erteilen, die unter uns leben, aber anderswo geboren wurden. Wir können unsere Bemühungen um politische Lösungen für Konflikte und Verfolgung verstärken. Wir können Partnern im Bereich humanitärer Hilfe und Entwicklung die Zusammenarbeit ab dem Zeitpunkt ermöglichen, an dem eine Krise ausbricht. Kurzum: wir können unser Versprechen „niemanden zu vergessen“ einfach einhalten.

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier