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Falsche Vorstellungen bei der Hochschulbildung

CAMBRIDGE – Seit Ökonomen aufgezeigt haben, wie sehr Universitäten zum Wirtschaftswachstum beitragen, schenkt die Politik dem Hochschulwesen große Aufmerksamkeit. Jedoch verstehen die Politiker dabei die Rolle der Universitäten häufig falsch, und zwar in einer Weise, die ihre politischen Strategien untergräbt.

So hat US-Präsident Barack Obama wiederholt die Notwendigkeit betont, den Anteil junger Amerikaner, die einen Hochschulabschluss erwerben, zu erhöhen. Dies ist unzweifelhaft ein erstrebenswertes Ziel, das zum nationalen Wohlstand betragen und jungen Leuten helfen kann, den amerikanischen Traum Wirklichkeit werden zu lassen. Doch bestätigen mit der Beziehung zwischen Bildung und Wirtschaftswachstum befasste Ökonomen, was schon der gesunde Menschenverstand nahelegt: Die Anzahl der Hochschulabschlüsse ist nicht annähernd so wichtig wie die Frage, wie gut die Studenten ihre kognitiven Fähigkeiten – wie kritisches Denken und Problemlösefähigkeiten – entwickeln.

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Lässt man diesen Punkt außer Acht, kann das erhebliche Folgen haben. Wenn Länder sich für eine massenhafte Hochschulbildung entscheiden, erhöhen sich die Kosten für den Unterhalt der Universitäten gegenüber einem Elitensystem drastisch. Angesichts der Tatsache, dass der Staat noch viele andere Programme unterstützt – und dass die Bürger Steuererhöhungen ablehnen –, wird es immer schwieriger, das Geld für derartige Bemühungen aufzubringen. Die Universitäten müssen daher versuchen, mehr Studenten eine qualitativ hochwertige Bildung zu vermitteln und dabei so wenig Geld wie möglich auszugeben.

Alle drei Ziele – Qualität, Quantität und Kosteneffizienz – unter einen Hut zu bringen ist schwierig, und die Wahrscheinlichkeit, dass dabei Kompromisse eingegangen werden, ist groß. Und da sich Absolventenquoten und staatliche Ausgaben leicht berechnen lassen, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die schwer zu messende Bildungsqualität auf der Strecke bleibt. Es muss ja keiner wissen – und es kann also keiner dafür zur Rechenschaft gezogen werden –, wenn die Absolventenquoten steigen, aber der erhoffte wirtschaftliche Nutzen ausbleibt.

Eine zweite falsche Vorstellung der politischen Entscheidungsträger ist, dass der einzig wichtige Nutzen einer Hochschulbildung die davon ausgehende Chance für die Absolventen ist, einen bürgerlichen Beruf zu erlangen und zu Wirtschaftswachstum und Wohlstand beizutragen. Dieser Beitrag ist wichtig, aber er ist nicht das Einzige, was zählt.

Vom Berufseinstieg einmal abgesehen, scheinen sich Hochschulabsolventen problemloser als andere an wirtschaftliche Veränderungen und sich wandelnde Bedürfnisse des Arbeitsmarktes anzupassen. Sie gehen zudem häufiger zur Wahl, engagieren sich stärker für das Gemeinwohl, begehen weniger Straftaten, sorgen dafür, dass ihre Kinder eine bessere Schulbildung erhalten, und werden seltener krank, da sie einen gesünderen Lebensstil pflegen.

Forscher schätzen, dass diese zusätzlichen Vorteile sogar noch schwerer wiegen als das mit einem Hochschulabschluss einhergehende höhere Lebenseinkommen. Wenn die Politik diese Vorteile übersieht, läuft sie Gefahr, schnellere, billigere Bildungsformen zu fördern, die sowohl den Studenten als auch der Gesellschaft deutlich weniger bringen.

In den Reden der Regierungschefs der letzten beiden Jahrzehnte finden sich diese falschen Vorstellungen eindeutig wieder. Der frühere Präsident Bill Clinton etwa erklärte in seiner Rede zur Lage der Nation 1994: „[W]ir legen an jede Schule einen einzigen hohen Standard an: Lernen unsere Kinder, was sie wissen müssen, um sich in der Weltwirtschaft erfolgreich zu behaupten?“ Seitdem haben George W. Bush und Obama ähnlichen Gedanken Ausdruck verliehen, wenn sie über ihre bildungspolitischen Ziele sprachen.

Dieselben Einstellungen treten auch in anderen Ländern zutage. Ein aufschlussreiches Beispiel ist die Verlagerung der Zuständigkeit für die britischen Universitäten 1992 vom Bildungs- und Wissenschaftsministerium auf das Ministerium für Bildung und Beschäftigung und dann 2009 auf das neue Ministerium für Wirtschaft, Innovation und Fertigkeiten.

Diese verengte Vorstellung der Rolle des Hochschulwesens ist etwas nie Dagewesenes. Sie ignoriert andere Ziele, die lange als zentralste Ziele von Bildung betrachtet wurden: den moralischen Charakter der Studenten zu stärken und sie auf ein Leben als aktive, informierte Bürger vorzubereiten. Vor dem Hintergrund dieser Tradition ist die jüngste Verlagerung auf materielle Ziele etwas überraschend. John Maynard Keynes prophezeite in den 1920er Jahren, dass die Konzentration der Menschen auf Geld und Besitz mit zunehmendem Wohlstand ihrer Länder abnehmen würde. Eingetreten jedoch ist das Gegenteil.

Natürlich müssen demokratische politische Führungen auf die Bürger eingehen, und für diese haben Geld und Arbeitsplätze eindeutig einen hohen Stellenwert. In einer aktuellen Studie unter Studienanfängern in den Vereinigten Staaten aus dem Jahr 2012 gaben 88% als wichtigen Grund für ihren Hochschulbesuch an, dass sie einen guten Arbeitsplatz anstrebten, und 81% führten als „zentrales“ oder „sehr wichtiges“ Ziel an, sie wollten, dass es ihnen „finanziell sehr gut gehe“.

Es stimmt aber auch, dass 82,5% dieser Studienanfänger als wichtigen Grund für den Hochschulbesuch nannten, „mehr über Dinge, die mich interessieren“ lernen zu wollen, und 73% wollten „eine Allgemeinbildung und ein Verständnis für Ideen erlangen“. Unter den Zielen, die sie für „zentral“ oder „sehr wichtig“ erachteten, erwähnten 51%, dass sie „andere Länder und Kulturen besser verstehen“ wollten, 45,6% wollten „eine sinnvolle Lebensphilosophie entwickeln“, und wesentliche Teilgruppen nannten Ziele wie „eine führende Persönlichkeit in der Gemeinschaft zu werden“, „zum Verständnis zwischen den Rassen beizutragen“ und „die Beteiligung an Programmen zur Säuberung der Umwelt“.

Letztlich legt die Studie nahe, dass was die Menschen am meisten wollen nicht Wohlstand per se ist, sondern Glück und die Zufriedenheit, die mit einem erfüllten, sinnvollen Leben einhergeht. Geld trägt dazu bei, aber das tun andere Dinge wie enge zwischenmenschliche Beziehungen, Akte der Nächstenliebe, fesselnde Interessen und die Chance, in einer freien, ethischen und gut regierten demokratischen Gesellschaft zu leben, auch. Eine stagnierende Wirtschaft und ein Mangel an Chancen sind unzweifelhaft Probleme, aber dasselbe gilt für eine geringe Wahlbeteiligung, apathische Bürger, die weit verbreitete Missachtung ethischer Normen und die Gleichgültigkeit gegenüber Kunst, Musik, Literatur und Ideen.

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Es liegt in der Verantwortung aller Lehrenden, ihren Studenten zu helfen, ein befriedigendes, verantwortliches Leben zu führen. Egal, wie gut oder schlecht die Universitäten diese Aufgabe ausführen: Ihre Bemühungen darum sind es wert, dass wir um sie kämpfen, und verdienen die Anerkennung und Ermutigung ihrer Regierungen. Schließlich ist, wie Louis Brandeis bemerkte, „unsere Regierung der mächtige, omnipräsente Lehrer“ – im Guten wie im Schlechten. Wenn unsere Führer Bildung lediglich als ein Mittel betrachten, Geld und Arbeitsplätze zu erreichen, sollte niemand überrascht sein, wenn irgendwann auch unsere jungen Leute so denken.

Aus dem Englischen von Jan Doolan