Female students in Nigeria school AFP/Getty Images

Gleiche Bildungschancen für Frauen und Mädchen

WASHINGTON, DC – Dass Aishetu Mahmoudu Hama aus Niger jemals einen Grundschulabschluss haben würde, war angesichts der Hindernisse auf ihrem Weg alles andere als gewiss. „Es war schwierig zu lernen“, erinnert sie sich. „Wir saßen auf dem Boden – manchmal auf einer Matte und manchmal einfach im Dreck.“

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Aber Aishetu hat durchgehalten und studiert heute, mit 23 Jahren, an der Universität. Sie weiß, dass sich ihre Lebenschancen ohne die Schule wahrscheinlich darauf beschränken würden, Vieh zu hüten, Ackerbau zu betreiben, zu heiraten und viele Kinder zu bekommen. Es gäbe schlicht und einfach keine anderen Möglichkeiten, die sie verfolgen könnte.

Aishetu möchte den Lehrerinnen nacheifern, die sie bewogen haben zu lernen und jüngeren Mädchen und ihren eigenen Geschwistern ein Vorbild sein. Sie hofft, dass ihre Geschichte die Kinder ebenfalls motivieren wird, einen Schulabschluss zu erlangen.

An diesem Weltmädchentag ist Aishetu der Beweis für den Unterschied, den Bildung für Mädchen und für die Menschen in ihrem Umfeld machen kann. Aber die Schwierigkeiten, mit denen Aishetu zu kämpfen hatte, erinnern uns auch daran, dass Bildung für viel zu viele Mädchen immer noch unerreichbar ist.

Die folgende Statistik ist nur ein haarsträubendes Beispiel: Die Zahl der Mädchen, die nicht zur Schule gehen, ist zwar seit 2000 um 40 Prozent gesunken, liegt aber immer noch bei 130 Millionen. Das erklärt auch, warum Frauen es schwerer haben als Männer sinnvolle, gutbezahlte Arbeit zu finden und warum der Anteil der erwerbstätigen Frauen weltweit hartnäckig hinter dem der Männer zurückbleibt.

Erschwerend kommt hinzu, dass selbst dort, wo das Bildungsniveau von Mädchen schnell gestiegen ist, entsprechende Verbesserungen für erwerbstätige Frauen auf sich warten lassen. „Obwohl in 97 Ländern mehr Frauen als Männer studieren“, so eine Studie des Weltwirtschaftsforums aus dem Jahr 2015, „machen sie in nur 68 Ländern die Mehrheit an Fachkräften aus und in nur vier Ländern haben sie die Mehrheit bei Führungspositionen.“

Dieses Geschlechtergefälle stellt kleine ebenso wie große Unternehmen über Generationen hinweg vor eine große Herausforderung. Firmen auf aller Welt haben heute schon Probleme, genügend qualifizierte Arbeitskräfte für ihre zunehmend automatisierten Arbeitsprozesse zu finden. Einem Bericht der Internationalen Kommission zur Finanzierung globaler Bildungsmöglichkeiten aus dem vergangenen Jahr zufolge, haben fast 40 Prozent der Arbeitgeber Schwierigkeiten Arbeitskräfte mit den richtigen Qualifikationen zu finden.

Unternehmen, die in Ländern mit niedrigerem Einkommen investieren, sind außerdem auf gesunde Arbeitskräfte angewiesen. Dies ist am ehesten zu erwarten, wenn Mütter gebildet sind: Diese Frauen und ihre Familien sind in der Regel gesünder als es bei Müttern mit einem geringeren Bildungsstand der Fall ist. Forschungen haben gezeigt, dass jedes Jahr rund 350.000 Kinder weniger vor ihrem fünften Geburtstag sterben würden, wenn alle Frauen im gebärfähigen Alter einen Sekundarschulabschluss hätten

Folglich ist es im Interesse von Unternehmen, die in Entwicklungs- und Schwellenländern und somit dort investieren, wo die meisten Mädchen zu Hause sind, die nicht zur Schule gehen, dazu beizutragen, dass Mädchen die Bildung erhalten, die sie verdienen. Wenn der Zugang und die Qualität der Bildung verbessert werden, können wir davon ausgehen, dass sich deutlich mehr Frauen zu den Fachkräften weiterbilden, die in der Arbeitswelt von heute gefragt sind.

Um 130 Millionen mehr Mädchen Zugang zu Bildung zu verschaffen, werden wir eine ganze Reihe von hartnäckigen Hindernissen überwinden müssen. In vielen Ländern wird der Bildung von Mädchen keine Bedeutung beigemessen, weil davon ausgegangen wird, dass sie ausschließlich im Haushalt oder im Familienbetrieb arbeiten werden. Frühehen, sexuelle Übergriffe, fehlende sanitäre Einrichtungen für Mädchen, die ihre Menstruation haben und humanitäre Krisen sind nur einige Faktoren, die es für Mädchen schwieriger machen als für Jungen einen Bildungsabschluss zu erlangen. Vor allem in abgelegenen Gegenden kommen noch das Schulgeld und beschwerliche Schulwege hinzu.

Auch wenn es gelingen sollte diese kulturellen, politischen und geografischen Hindernisse auszuräumen, werden reichere Länder deutlich mehr Mittel bereitstellen müssen als bisher, um Mädchen in Entwicklungsländern Zugang zu Bildung zu ermöglichen. Es ist bestürzend, dass der Anteil der Entwicklungshilfe der von Geberländern für Bildung bereitgestellt wird in den vergangenen sechs Jahren geschrumpft und heute kleiner ist als 2010. Die Geberländer müssen diesen Trend dringend umkehren.

Die Globale Bildungspartnerschaft (Global Partnership for Education, GPE) hat sich in den vergangenen 15 Jahren maßgeblich dafür eingesetzt, die Bildungschancen für Mädchen zu verbessern. Dank der finanziellen Mittel, die von der GPE bereitgestellt wurden, haben 38 Millionen mehr Mädchen in Entwicklungsländern von 2002 bis 2014 eine Grundschule besuchen können.

Um auf diesem Fortschritt aufzubauen, wird die GPE gemeinsam mit der senegalesischen und der französischen Regierung am 8. Februar 2018 eine Finanzierungskonferenz in Dakar ausrichten. Wir appellieren an Geber auf aller Welt, die Globale Bildungspartnerschaft bis 2020 mit Mitteln in Höhe von zwei Milliarden US-Dollar jährlich auszustatten.

Wenn das Finanzierungsziel erreicht wird, kann die GPE die Bildung und Chancengleichheit von 870 Millionen Kindern in über 80 Ländern verbessern. Und sie kann Entwicklungsländer dabei unterstützen Bildungssysteme aufzubauen, die Mädchen wie Aishetu die Möglichkeit geben ihr Potenzial zu entfalten. Wenn Frauen und Mädchen durch Bildung ermächtigt werden, können sie die Welt zum Besseren verändern und das tun sie auch. Eine Investition in ihr Potenzial ist ohne jeden Zweifel gut angelegtes Geld.

Aus dem Englischen von Sandra Pontow.

http://prosyn.org/3WNxWvh/de;

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