4

Venezuelas unfreiwillige Rebellen

WASHINGTON, DC – Das Bild des weinenden Wuilly Arteaga, dessen Geige von venezolanischen Sicherheitskräften zerstört wurde, hat Millionen Menschen überall auf der Welt erreicht. Der 23-jährige Arteaga hatte sich Protesten gegen die Regierung des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro angeschlossen, indem er patriotische Lieder spielte. Sein verzweifelter Blick zeigt, was viele Menschen in Venezuela empfinden, die sich fragen, wie viel länger ihr Land noch unter Gewalt und Misswirtschaft leiden muss.

Mindestens 115 Demonstranten sind seit dem 1. April, dem Beginn der von der Opposition organisierten Straßenproteste, in Venezuela gestorben. Mehr als 50 der Getöteten waren unter 30, und viele waren bloße Teenager. Zu Letzteren gehört beispielsweise Neomar Lander, ein 17-jähriger Demonstrant, der laut Berichten aus nächster Nähe mit einem Tränengasbehälter beschossen wurde, und Yeison Mora, ebenfalls 17, der während der Teilnahme an einer Demonstration im Südwesten des Landes einen Schuss ins Gesicht erlitt.

Die Größe und demografische Zusammensetzung von Protesten einzuschätzen ist immer schwierig, doch zwei Dinge sind in Bezug auf die heutigen Proteste in Venezuela bereits jetzt klar. Erstens sind sie viel breiter angelegt und beziehen unterschiedlichere sozioökonomische Gruppen ein als die Proteste gegen Maduro im Jahre 2014, die zumeist aus Venezolanern aus der Mittelschicht zu bestehen schienen. Zweitens sind viele der heutigen Protestierenden jung.

Junge Leute bildeten die Speerspitze von drei Protestwellen gegen das von Maduros Vorgänger Hugo Chávez (… 2013) gegründete chavistische Regime. Im Jahr 2007 waren es junge Leute, die die Proteste gegen Chávez’ Regierung anführten, als diese den beliebten Fernsehsender Radio Caracas Televisión schloss und durch einen staatlichen Sender ersetzte. Im Jahr 2014 dann demonstrierten sie gegen die unter Maduro allgegenwärtigen Gewaltverbrechen und für ihr eigenes Recht auf Protest. Und nun hat sich eine neue Generation junger Leute den Veteranen jener früheren Wellen angeschlossen und verlangt gemeinsam mit diesen Wahlen und das Ende des Regimes.

Die aktuellen Proteste dauern bereits seit über 90 Tagen an. Die jungen Venezolaner wenden sich gegen die hohe Arbeitslosigkeit und den Mangel an wirtschaftlichen Möglichkeiten. Im Jahr 2016 waren 70% aller Proteste durch wirtschaftliche Sorgen angetrieben, wobei an erster Stelle die Forderung nach Arbeit stand. Die Regierung hat seit über einem Jahr keine offiziellen Arbeitslosenzahlen mehr veröffentlicht. Doch es ist klar, dass die Venezolaner – insbesondere junge Leute, die sich keine Lebensmittel und Wohnungen leisten können – mehr denn je unter der sich vertiefenden Krise ihres Landes leiden.

Junge Leute sind für das Regime besonders gefährlich, weil sie jetzt nichts und später alles zu verlieren haben. Ein Studentenführer hat es 2014 so formuliert: „Wir müssen protestieren, denn [die Regierung] stiehlt uns unsere Zukunft.“ Ältere Menschen dagegen machen tendenziell die gegenteilige Rechnung auf: Sie wollen den Besitz und die Lebensgrundlagen, die sie haben, nicht für eine unsichere Zukunft aufs Spiel setzen. Aber wenn ihre eigenen Kinder auf die Straße gehen, schließen sie sich diesen manchmal an.

Das Regime kann sich für die heutigen Proteste nur selbst die Schuld geben. Wie ein lateinamerikanischer Donald Trump kam Chávez 1998 mittels einer Welle des Populismus an die Macht und prahlte häufig mit seinen Bemühungen, die Arbeitslosigkeit zu verringern. Seine Regierung investierte viel Geld in die höhere Bildung, und im Jahr 2010 rangierte Venezuela bei der Immatrikulationsrate weltweit auf dem fünften Platz. Viele der während dieser Zeit gegründeten neuen staatlichen Universitäten waren dem Regime eng verbunden. In Interviews haben Studenten geäußert, dass das Regime ihre Teilnahme an Demonstrationen zur Unterstützung der Regierung verlangt, ihnen jedoch zugleich Arbeitsplätze für die Zeit nach dem Hochschulabschluss zugesichert habe.

Um dieses Versprechen zu erfüllen, zapfte das Regime die hohen Öleinnahmen der damaligen Zeit an, um den öffentlichen Sektor auszuweiten. Doch Öleinnahmen auszugeben, um Studenten für Arbeitsplätze auszubilden, die von künftigen Öleinnahmen abhängig sind, ist schwerlich ein nachhaltiges wirtschaftliches Modell. Dies wurde 2014 deutlich, als der steile Fall der Ölpreise einsetzte.

Der Zusammenbruch der Ölpreise im Verbund mit Jahren wirtschaftlichen Missmanagements hat bei den jungen Venezolanern hohe Erwartungen ohne echte Zukunftsaussichten hinterlassen. Die einzige Lösung der Regierung Maduro scheint eine Verschärfung der Repressionen zu sein.

Die Tränen, die Arteaga um sein Instrument und sein Land vergoss, illustrieren diese Dynamik perfekt, genauso wie die Bilder der Trauernden bei den Beerdigungen junger Demonstranten: Junge Leute gingen auf die Straße, um Wandel und Chancen einzufordern, und die Regierung – die auf Versprechen aufgebaut ist, die sie nicht erfüllen kann – reagierte mit Schlagstöcken und Schusswaffen. Nachdem sie es nicht geschafft hat, ihre Zusagen zu erfüllen, verrät sie die Kinder ihrer Anhänger durch Einsatz jener Gewalt, die sie einst für die Eliten des Landes reserviert hatte.

Die Frage ist nun, wer zuerst aufgeben wird. Das inoffizielle Motto der Proteste von 2014 lautete „El que se cansa, pierde“ („Wer müde wird, verliert“). Doch damals bekam die Opposition zuerst kalte Füße, und die Proteste verpufften mit Beginn der Fußballweltmeisterschaft.

Diesmal hat die Opposition konkretere Forderungen gestellt und geschworen, auf der Straße zu bleiben, bis diese erfüllt sind. Sie hat die Regierung aufgefordert, eine faire Präsidentschaftswahl abzuhalten, alle politischen Gefangenen freizulassen und einen humanitären Korridor zu öffnen, über den das Land dringend benötigte Lebensmittel und Medikamente erhalten kann.

Maduro gibt den Demonstranten die Schuld für die Unterversorgung im Lande. Doch er wird diesmal mehr brauchen als populistische Rhetorik, um die Bevölkerung zu besänftigen. Die Venezolaner haben sich laut und deutlich geäußert: Sie sind des Populismus müde, aber nicht der Straße.

Aus dem Englischen von Jan Doolan