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Amerikas ungewöhnliche Konjunkturerholung ist jetzt auch seine längste

LONDON – Im Laufe der kommenden Monate zur Veröffentlichung anstehende Daten werden zeigen, dass die derzeitige wirtschaftliche Expansion in den USA die längste seit Beginn der Aufzeichnungen ist. Doch obwohl die Wirtschaftsentwicklung in den USA die anderer hochentwickelter Volkswirtschaften nach wie vor übertrifft, hat dieser Erfolg das von vielen Amerikanern empfundene anhaltende Gefühl wirtschaftlicher Unsicherheit und Frustration bisher nicht vertrieben, und auch die Sorgen über politischen Spielraum zur Reaktion auf die nächste Rezession oder finanzielle Erschütterung mildert es nicht.

Die aktuelle Wirtschaftsexpansion begann Mitte 2009 nach der Finanzkrise von 2008 und der „Großen Rezession“. Beflügelt zunächst durch außergewöhnliche fiskalpolitische Interventionen und eine zuvor undenkbare Geldpolitik, schuf die Konjunktur eine ausreichend starke Grundlage für die Rückkehr des Verbrauchervertrauens und die Erholung der Unternehmensbilanzen. Im Verbund mit sich beschleunigenden Fortschritten bei neuen Technologien ging die weitere Expansion dann weitgehend von Technologie- und Plattformunternehmen aus, die über eine neue „Gig Economy“ präsidierten. Einen zusätzlichen Schub erhielt sie durch wachstumsfreundliche Maßnahmen, zu denen Deregulierungsmaßnahmen und Steuersenkungen gehörten.

Angesichts einer US-Arbeitslosenquote von 3,6% ist bei den (inflationsbereinigten) Reallöhnen nun ein Wachstum von 1,6% zu verzeichnen. Und laut den jüngsten Quartalsdaten, die an annualisiertes BIP-Wachstum von 3,1% zeigen, übertrifft die US-Wirtschaftsaktivität jene in Europa und Japan erheblich. Bedingt durch diese Stärke verfolgt Amerika seine nationalen Ziele im Ausland zunehmend selbstbewusst, umgeht dabei auch langjährige Mechanismen der Zusammenarbeit und Konfliktlösung und droht mit Einfuhrzöllen und anderen protektionistischen Maßnahmen.

Um an diesen Punkt zu gelangen, mussten die USA beträchtlichen Gegenwind aus dem Ausland überwinden, darunter eine existenzbedrohende Schuldenkrise in Europa und ein sich verlangsamendes Wirtschaftswachstum in China. Im Inland hat die tiefe politische Polarisierung insbesondere seit 2011 die gesetzgeberischen Aktivitäten im Kongress behindert und mehrere tatsächliche oder angedrohte Regierungsstillstände (darunter den längsten seit Beginn der Aufzeichnungen) herbeigeführt. In Ermangelung neuer wachstumsfreundlicher Maßnahmen durch den Kongress entwickelte sich die Geldpolitik zum „einzigen Spiel in der Stadt“. Nachdem sie während der Krisenjahre gezwungen war, ihre Rolle innerhalb der Volkswirtschaft beträchtlich auszuweiten, flirtete die US Federal Reserve mit einigen beträchtlichen politischen Fehlern und wurde anfälliger für eine Einmischung durch die Politik.

Weil das jährliche Wachstum während des vergangenen Jahrzehnts häufig verhalten war und breite Schichten nicht daran teilhatten – ein Zustand, der inzwischen als „neue Normalität“ oder säkulare Stagnation bezeichnet wird –, besteht innerhalb der US-Wirtschaft noch immer ein gewisses Gefühl von unzureichender Wirtschaftsleistung und potenzieller Anfälligkeit. Laut einer viel zitierten Umfrage der Fed geben fast die Hälfte der US-Haushalte an, nicht über ausreichende Ersparnisse zu verfügen, um im Notfall eine Ausgabe von 400 Dollar bewältigen zu können.

Es ist daher kein Wunder, dass das Vertrauen in Institutionen und Expertenmeinungen so niedrig bleibt. Im Verbund mit der übermäßigen Ungleichheit (beim Einkommen, Vermögen und den wirtschaftlichen Chancen) bleiben Frustration und politische Verärgerung hoch. Verschlimmert wird die Lage noch durch Panikmache über die Auswirkungen der technologischen Entwicklung und der Globalisierung, die die Befürchtungen über die Verlagerung und den Abbau von Arbeitsplätzen weiter anheizt. Und außerhalb der USA haben inzwischen viele Menschen Angst, dass die für die Ausgabe der globalen Reservewährung verantwortliche Supermacht, die zudem eine entscheidende Rolle bei vielen multilateralen Interaktionen spielt, kein zuverlässiger und verlässlicher Anker für den Welthandel und das globale Finanzsystem mehr ist.

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Zudem haben die USA anders als bei früheren Wirtschaftsexpansionen bisher keine ausreichenden Puffer aufgebaut, um künftige wirtschaftliche und finanzielle Herausforderungen zu bewältigen. Oder um es, über den Umweg der Geschäftsführenden Direktorin des IWF Christine Lagarde, mit den Worten von US-Präsident John F. Kennedy zu sagen: Wir haben das Dach nicht repariert, während die Sonne schien.

Über den Mangel an Eigenabsicherung auf der Ebene der privaten Haushalte hinaus ist die Fähigkeit der Fed, wirtschaftlichen Rezessionen und Finanzstörungen entgegenzuwirken, relativ begrenzt. Während der aktuelle Leitzins bei 2,25%-2,5% liegt, waren bei früheren Abschwüngen normalerweise fünf Prozentpunkte oder mehr erforderlich. Zudem weist die Fed eine aufgeblähte Bilanz auf, und ihr Mechanismus zur Übertragung geldpolitischer Maßnahmen auf die Realwirtschaft ist relativ schwach. Und selbst wenn die fiskalpolitischen Entscheidungsträger reaktionsfreudiger werden sollten, wären relativ hohe Defizite und Schulden ihr Ausgangspunkt.

Die gegenwärtige Expansion weiter zu verlängern wird viel Sorgfalt erfordern. Die politischen Entscheidungsträger – insbesondere der Kongress – müssen größere Fehler vermeiden und das Risiko von Marktunfällen minimieren, gleichzeitig jedoch mehr tun, um das Wachstum zu fördern. Die USA brauchen einen zielführenden Ansatz zur Modernisierung und Ertüchtigung ihrer Infrastruktur.

Die Politiker und führenden Ökonomen müssen zudem sensibler darauf achten, wie die Früchte des Wirtschaftswachstums geteilt werden; unter anderem sollte es bessere Schutzmechanismen für die gefährdetsten Segmente der Gesellschaft und stärkere automatische Stabilisatoren geben. Die Unternehmen ihrerseits müssen mehr tun, um ihrer gesellschaftlichen Verantwortung gerecht zu werden, und sei es nur, um zu vermeiden, dass sie sich in derselben Position wiederfinden wie die Banken nach dem Crash von 2008. Es gibt bereits einen wachsenden Chor, der nach stärkeren regulatorischen Beschränkungen für die großen Technologieunternehmen ruft.

Zudem müssen die USA, nachdem sie den Welthandel durcheinander gerüttelt haben, nun sicherstellen, dass sie der Anker des regelbasierten internationalen Systems bleiben. Ansonsten wird ihre Fähigkeit leiden, das Wirtschafts- und Finanzgeschehen auf der Welt zu beeinflussen und zu gestalten.

Die USA werden – und sollten – bald ihre bisher längste Wirtschaftsexpansion überhaupt feiern. Aber sie dürfen die sich ihnen stellenden verbleibenden Herausforderungen nicht aus den Augen verlieren. Das Letzte, was die Welt derzeit braucht, ist, dass die derzeitige Expansion einer anhaltenden Phase niedrigeren Wachstums, größerer Finanzinstabilität und stärkerer grenzüberschreitender Spannungen weicht.

Aus dem Englischen von Jan Doolan

https://prosyn.org/74l7JgF/de;

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