Giant panda Mei Lun yawns at Chengdu Research Base of Giant Panda Breeding Wang Qin/Chengdu Economic Daily/VCG via Getty Image

Willkommen im 21. Jahrhundert

BERLIN – Nach und nach wird es auch im Alltag der Menschen der westlichen Welt spürbar, dass ein neues Jahrhundert eine andere Ordnung mit sich bringen wird. Der G7-Gipfel in diesem Monat musste auch den größten Berufsoptimisten klarmachen, dass der alte, der transatlantische Westen zerbricht, schon länger seine globale Bedeutung verloren hat und verschwinden wird.

Es ist kein geringerer als der amerikanische Präsident selbst, der sich als der große Zerstörer der amerikanischen Weltordnung, wie sie nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und des Kalten Kriegs geschaffen wurde, erweist.

Wo früher Ordnung war, scheint heutzutage sich das Chaos breitzumachen, und der alte Westen reagiert verängstigt und sucht sein Heil in der Vergangenheit, im Nationalismus, der allerdings schon weiland nicht funktioniert hatte und dies heute ganz sicher noch weniger tun wird.

Bei diesem Gipfel der wichtigsten westlichen Industrienationen und der EU, der noch vor wenigen Jahrzehnten die globale Wirtschaft dominierte, war nicht nur der Bedeutungsverlust des Westens mit den Händen zu greifen, sondern auch sein innerer Zerfall und die fundamentale Neuorientierung seiner bisherigen Führungsmacht USA.

Donald Trump ist nicht die Ursache dieser Entwicklung, sondern eher Symptom, aber er beschleunigt sie dramatisch. Die eigentlichen historischen Ursachen für diese Entwicklung finden sich im Ende des Kalten Krieges und seiner bipolaren globalen Ordnung und in der dadurch ausgelösten wirtschaftlichen Globalisierung, begleitet vom Aufstieg neuer Mächte, an erster Stelle Chinas.

Amerika hingegen empfindet seine jahrzehntealten Alliierten zunehmend als Last und nicht mehr als Gewinn, als notwendig zur Absicherung seiner globalen Rolle, und scheint sie loswerden zu wollen. Dies gilt nicht nur für Europa, sondern auch für Japan und die alte Sicherheitsarchitektur Ostasiens und für seine unmittelbaren Nachbarn Kanada und Mexiko. Auf dem jüngsten G7-Gipfel in Kanada kam es dann auch zum offenen Bruch in Handelsfragen. Dieser Bruch wird aber nicht beim Handel stehen bleiben, sondern auch politische Konsequenzen haben.

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Europa und der Nordatlantik bilden schon länger nicht mehr das Gravitationszentrum der Welt, der Macht und der Wirtschaft, wie es in den vergangenen vier Jahrhunderten wie selbstverständlich (aus westlicher Sicht!) der Fall gewesen war. Das Gravitationszentrum der globalen Ordnung ist vom Nordatlantik in den Pazifik, nach Ostasien verschoben worden.

Der Magnetismus der Macht richtet sich bereits seit geraumer Zeit nach neuen Kraftfeldern aus und nimmt wenig Rücksicht auf althergebrachte Ansprüche aus dem 20. oder gar dem 19. Jahrhundert.

Nirgendwo wird diese fundamentale Veränderung der Geographie der Macht sichtbarer als im Verhalten der letzten verbliebenen Supermacht USA. In Ostasien entsteht mit China eine neue und zugleich uralte Weltmacht in unserer Zeit, eine Nation mit 1,4 Mrd. Menschen und einem riesigen Binnenmarkt, die sich anschickt, die USA als globale Führungsmacht ökonomisch, politisch und technologisch erfolgreich herauszufordern oder gar abzulösen.

Wer die Zentralen der Macht in Peking schon jemals von innen erlebt hat, der wird eine ganz andere Karte der Welt mit China – dem „Reich der Mitte“ – und dem Pazifik in ihrem Zentrum schon gesehen haben. Europa und der Atlantik versinken hier am linken Rand dieser Weltkarte und die USA an deren rechten Rand. Der alte Westen ist also bestenfalls randständig, und Europa, dieses komische Sammelsurium kleiner und mittelgroßer Nationalstaaten, droht in der Bedeutungslosigkeit zu verschwinden.

Es sind vor allem die USA, die auf diese geopolitischen Verschiebungen im 21. Jahrhundert mit feinem Gespür reagieren. Dies ist wenig verwunderlich, denn Amerika ist einerseits sowohl atlantisch als auch pazifisch ausgerichtet und reagiert andererseits als letzte verbliebene globale Macht entsprechend ihren Interessen, zumal wenn diese Veränderungen historischer Natur sind. Europa hingegen verdämmert diese historische Zäsur, schaut vor allem nach innen, pflegt seine gegenseitigen Animositäten und träumt die süßen Träume des 19. Jahrhunderts, als die Europäer noch die Welt beherrschten. Verstärkt wird diese Entwicklung noch durch innenpolitische Zäsuren, wie die Wahl von Präsident Donald Trump und seiner nationalistischen Politik des „America first!“ oder den Brexit.

Trump wirkt als Beschleunigungsfaktor für das Zerbrechen des Westens, aber für dessen Abstieg trägt er nicht die alleinige Verantwortung. Anstatt sich vor allem mit den bizarren Seiten des US-Präsidenten aufzuhalten, gilt es zu begreifen, dass die radikale Neuorientierung der USA bereits vor ihm begonnen hat. Es war Präsident Obama, der den strategischen Schwenk Richtung Asien („pivot to Asia“) verkündete. Trump hat ihn nun mit seinem Treffen mit Kim in Singapur lediglich praktisch vollzogen.

Die Risiken von Trumps Politik liegen eigentlich weniger in der strategischen Neuorientierung der USA, die objektiver Natur ist, als in den Widersprüchen und destruktiven Kraft seiner Politik.

Wie Obama möchte er im Nahen Osten das Engagement der USA militärisch reduzieren, erhöht aber gleichzeitig mit seiner Aufkündigung des Nukleardeals mit dem Iran das Kriegsrisiko in der Region dramatisch. Mit seinem Treffen mit Kim versucht der US Präsident Nordkorea aus der internationalen Isolation herauszuholen, was er aber zu wesentlich besser abgesicherten, weil kontrollierten Bedingungen Iran zugleich verweigert.

Trump beginnt einen großen Handelskrieg mit China, droht denselben Europa, Japan und NAFTA an, treibt aber mit seiner Politik seine engsten Alliierten in Fernost und Europa nachgerade China in die Arme, denn was sonst sind die Optionen der EU und Japans in einem Handelskonflikt mit den USA? Japan wird in der nahen Zukunft sich nolens volens dem chinesischen Schwergewicht anpassen müssen (das von Trump erledigte transpazifische Handelsabkommen war die letzte Möglichkeit, dies zu verzögern oder gar zu verhindern!), und Europa wird sich, ohne nordatlantisches Widerlager, Richtung Eurasien (sprich China) bewegen. Ohne Putins militante Politik in der Ostukraine wäre diese Entwicklung noch sehr viel dynamischer und offensichtlicher.

Der „pivot to Asia“ hat halt auf beiden Seiten des Atlantiks höchst unterschiedliche Konsequenzen. Ohne eine ausgleichende, auf Zusammenhalt des Nordatlantiks setzende Politik seitens Amerikas und Europas wird es sehr schnell um den Westen geschehen sein, wenn sich die USA Richtung Pazifik und Europa Richtung Eurasien davonmachen, und der alleinige Gewinner wird China heißen! Darin besteht die eigentliche strategische Gefahr der Politik des Donald Trump. Er macht, ohne Not, „China great again!“

http://prosyn.org/by0ZTCg/de;

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