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Trump, Korporatismus und Innovationsschwäche

CHICAGO –  In den USA scheint vielen eine innenpolitische Verschiebung von der Weltoffenheit zum Nationalismus und von den linksgerichteten „Eliten“ der Ballungsräume hin zu rechtsgerichteten ländlichen „Populisten“ im Gange zu sein. Die vorherrschende Wirtschaftsideologie verlagert sich ebenfalls, und zwar von einem auf Umverteilung und Regulierung setzenden Korporatismus hin zu so etwas wie dem alten interventionistischen Korporatismus.

Hinter beiden Veränderungen stehen unzufriedene Wähler. Jahrzehntelang waren die Amerikaner überzeugt, dass sie auf einem Zauberteppich wirtschaftlichen Wachstums dahinflögen, der durch Fortschritte in den Naturwissenschaften und später durch den Aufstieg des Silicon Valley beflügelt wurde. Tatsächlich wächst die Gesamtfaktorproduktivität seit den frühen 1970er Jahren nur langsam. Der Internetboom der Jahre 1996-2004 war lediglich eine vorübergehende Ausnahme von diesem Trend.

Im Laufe der Zeit haben die Unternehmen ihre Investitionen aufgrund der sinkenden Renditen, zurückgefahren; der Anstieg der Arbeitsproduktivität und der Stundenlöhne hat sich verlangsamt, und in vielen Haushalten sind Arbeitnehmer aus der Erwerbsbevölkerung herausgefallen.

Tatsächlich ist die Gesamtarbeitsvergütung (Löhne plus Zusatzleistungen) seit 1970 nur geringfügig langsamer gestiegen als die Gesamtprofite, und das durchschnittliche Lohnwachstum am unteren Ende der Einkommensskala hat sich im Verhältnis zur „Mittelschicht“ nicht verlangsamt. Doch ist die Durchschnittsvergütung pro Stunde der Arbeitnehmer im privaten Sektor (Produktion und Beschäftigte ohne Aufsichtsfunktion) deutlich langsamer gewachsen als die der restlichen Erwerbstätigen. Und die Beschäftigungsquote der Männer ist im Vergleich zu der der Frauen erheblich gesunken. Im Jahr 2015 lag der Anteil der produzierenden Industrie an der Gesamtbeschäftigung bei lediglich einem Viertel seines Niveaus im Jahr 1970.

Die Arbeitsplatzverluste in der produzierenden Industrie im amerikanischen Rostgürtel haben dazu geführt, dass der Lebensstandard weißer männlicher Arbeiter heute überwiegend kaum besser ist als der ihrer Eltern. Seit vielen Jahren haben diese Menschen, insbesondere in den Appalachen, das Gefühl, dass die Gesellschaft ihnen zu wenig Respekt erweist. Sie können nicht länger eine wichtige Rolle in ihrer Familie, ihrem Gemeinwesen oder ihrem Land ausfüllen, und der Eindruck, dass die Bezieher hoher Einkommen nicht ihren fairen Anteil bezahlen, während andere ohne zu arbeiten Sozialleistungen erhalten, hat ihr Gefühl, ungerecht behandelt zu werden, noch verstärkt.

Doch es gibt noch tiefer gehende Gründe für ihre Wut. Diese Männer haben die Chance verloren, sinnvolle Arbeit zu leisten und ein Gefühl von Handlungsmächtigkeit zu empfinden; und es wurde ihnen ein Raum genommen, in dem sie prosperieren können, indem sie die Zufriedenheit erlangen, bei etwas Erfolg zu haben und in einem erfüllenden Beruf zu wachsen. Sie wären gern in einer Position, sich Dinge vorzustellen und zu erschaffen, die etwas bedeuten. Die „guten Jobs“ in einigen Fertigungsbranchen boten diesen Männern die Aussicht auf neue Herausforderungen, Lernen und eine mögliche Beförderung. Arbeitsplätze auf der untersten Stufe des Einzelhandels und der Dienstleistungsindustrie bieten nichts dergleichen.

Mit dem Verlust ihrer „guten Jobs“ haben diese Männer die zentrale Bedeutungsquelle in ihrem Leben verloren. Der Anstieg der Selbstmorde und drogenbedingten Todesfälle unter Amerikanern, den Anne Case und Angus Deaton festgestellt haben, ist ein Beleg für diesen Verlust.

Bei der Ermittlung einer angemessenen Reaktion auf dieses Problem sollten wir zuerst einmal die grundlegenden Ursachen der Stagnation im Westen in Betracht ziehen. Hansen schrieb 1934 in einem Aufsatz: „Die säkulare Stagnation wird durch einen Mangel an neuen Erfindungen oder neuen Branchen verursacht.“ Und wie ich in meinem Buch Mass Flourishing: How Grassroots Innovation Created Jobs, Challenge, and Change zeige, begann die Innovation in Amerika bereits Ende der 1960er Jahre zurückzugehen oder sich zu verengen.

Damals war Amerikas innovativer Geist – die Liebe dazu, sich Dinge vorzustellen, auszuprobieren, zu experimentieren und Neues zu schaffen – durch eine korporatistische Ideologie geschwächt worden, die alle Ebenen des Staates durchdrang und die individualistische Ideologie, unter der der Kapitalismus floriert, ersetzte. Während das Privateigentum weiterhin groß ist, übt der Staat inzwischen die Kontrolle über weite Teile des privaten Sektors aus. Ein privater Akteur mit einer neuen Idee braucht häufig eine staatliche Erlaubnis, um ein Unternehmen zu gründen, und Firmen, die in eine bestehende Branche eintreten möchten, müssen mit etablierten Unternehmen konkurrieren, die normalerweise bereits über staatliche Unterstützung verfügen. Obwohl das Silicon Valley neue Branchen hervorgebracht und für eine kurze Zeit das Innovationstempo beschleunigt hat, stößt man auch hier an die Grenzen sinkender Renditen.

Um die Innovation neu zu beleben, müssen wir die Art und Weise des wirtschaftlichen Handelns ändern. Donald Trumps kommende US-Regierung sollte sich auf die Öffnung des Wettbewerbs konzentrieren und nicht bloß auf den Regulierungsabbau. Unglücklicherweise ist dies bisher nicht Trumps Fokus: Er hat Innovation bislang kaum erwähnt, und sein Team zieht derzeit einen gefährlichen Ansatz in Betracht, der sie tatsächlich untergraben könnte.

Zunächst einmal gibt Trump dem Handel und nicht der Innovationsschwäche die Schuld am schweren Schicksal der Arbeiter in den USA. Zwar scheinen einige sehr fähige Ökonomen diese Annahme zu teilen. Doch während traditionelle „Innovationsnationen“ wie die USA, Großbritannien und Frankreich einen großen Rückgang bei der männlichen Erwerbsbeteiligung verzeichnen, sind die Beteiligungsquoten in „Handelsnationen“ wie den Niederlanden und Deutschland tatsächlich gestiegen. Dies legt nahe, dass die Innovationsschwäche und nicht der Handel der Hauptschuldige ist.

Zweitens geht Trump davon aus, dass Maßnahmen auf der Angebotsseite zur Steigerung der Unternehmensgewinne nach Steuern die Einkommen erhöhen und Arbeitsplätze schaffen werden. Doch könnte ein derartiger Ansatz auch zu einem explosionsartigen Anstieg der Staatsverschuldung führen und letztlich eine tiefe Rezession herbeiführen.

Und schließlich glaubt Trump (was am schlimmsten ist), dass Druck auf einige Konzerne wie Ford und Carrier und die Unterstützung für andere wie etwa Google die Produktion und die Beschäftigung ankurbeln werden. Dies ist eine Ausweitung korporatistischer Politik, wie wir sie zuletzt bei den faschistischen Volkswirtschaften in Deutschland und Italien in den 1930er Jahren erlebt haben. Wenn dieses Denken Bestand hat, wird es mehr Einmischung in die Wirtschaft geben, um etablierte Unternehmen zu schützen und Newcomer zu blockieren. Dies wird die Arterien der Volkswirtschaft verstopfen und aller Wahrscheinlichkeit sehr viel mehr Innovation verhindern, als es bei den etablierten Insidern ankurbelt.

Die Politiker müssen aufwachen und sich die Gefahren eines wieder auflebenden Korporatismus unter Trump bewusst machen. Ein derartiger Ansatz gegenüber der heutigen wirtschaftlichen Stagnation und Deprivation droht, einen silbernen Pflock ins Herz der Innovation und der amerikanischen Arbeiterschaft zu treiben.

Aus dem Englischen von Jan Doolan