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Warum Trump?

NEW YORK – Auf meinen Auslandsreisen der letzten Wochen wurden mir wiederholt zwei Fragen gestellt: Ist es vorstellbar, dass Donald Trump US-Präsident werden könnte? Und wie konnte seine Kandidatur überhaupt so weit voranschreiten?

Was die erste Frage angeht, so sind zwar politische Prognosen sogar noch schwieriger als Wirtschaftsprognosen, doch stehen die Chancen für Hillary Clinton deutlich besser. Trotzdem ist die Knappheit des Rennen (zumindest bis in allerletzter Zeit) unverständlich: Clinton gehört zu den qualifiziertesten und bestvorbereiteten Kandidaten, die die USA je hatten, während Trump einer der am wenigsten qualifizierten und am schlechtesten vorbereiteten Kandidaten ist. Darüber hinaus hat Trumps Kampagne ein Verhalten Trumps überlebt, das in der Vergangenheit die Chancen jedes Kandidaten zunichte gemacht hätte.

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Warum also spielen die Amerikaner russisches Roulette (denn genau das bedeutet selbst eine Wahrscheinlichkeit eines Wahlsiegs Trumps von eins zu sechs)? Die Menschen außerhalb der USA wollen die Antwort hierauf wissen, denn das Ergebnis betrifft auch sie, auch wenn sie es nicht beeinflussen können.

Und das bringt uns zur zweiten Frage: Warum hat die Republikanische Partei in den USA einen Kandidaten nominiert, den sogar die eigene Parteiführung abgelehnt hat?

Offensichtlich haben viele Faktoren Trump geholfen, die 16 anderen Republikanischen Kandidaten bei den Vorwahlen zu besiegen und derart weit zu kommen. Die Persönlichkeit spielt eine große Rolle, und einige Menschen scheinen ganz eindeutig auf Trumps Reality-TV-Persönlichkeit anzusprechen.

Doch scheinen noch mehrere andere Faktoren zur Knappheit des Rennens beigetragen zu haben. Zunächst einmal geht es vielen Amerikanern tatsächlich wirtschaftlich schlechter als vor einem Vierteljahrhundert. Das mittlere Einkommen vollzeitbeschäftigter männlicher Arbeitnehmer ist niedriger als vor 42 Jahren, und es fällt weniger gebildeten Arbeitnehmern zunehmend schwer, eine ordentlich bezahlte Vollzeitstelle zu bekommen.

Tatsächlich sind die realen (inflationsbereinigten) Löhne und Gehälter am unteren Ende der Einkommensverteilung heute etwa auf dem Stand von vor 60 Jahren. Insofern überrascht es nicht, dass Trump ein großes Publikum findet, das für seine Aussagen über den schlechten Zustand der Wirtschaft empfänglich ist. Aber Trump hat Unrecht sowohl was die Diagnose als auch was die Medizin angeht. Die US-Wirtschaft insgesamt hat sich in den letzten sechs Jahrzehnten gut entwickelt: Das BIP hat sich nahezu versechsfacht. Doch die Früchte dieses Wachstums sind an eine relativ kleine Gruppe ganz oben gegangen: Menschen wie Trump. Einer der Gründe hierfür sind massiven Steuersenkungen, die Trump noch ausweiten und vertiefen würde.

Zugleich haben die Reformen, von denen die Politik versprach, dass sie Wohlstand für alle bringen würden – wie etwa die Handels- und Finanzliberalisierung – ihre Versprechen nicht gehalten. Und zwar deutlich nicht gehalten. Und jene, deren Lebensstandard stagniert oder sinkt, haben eine einfache Schlussfolgerung gezogen: Amerikas politische Führung weiß entweder nicht, was sie redet, oder sie lügt (oder beides).

Trump möchte alle Probleme Amerikas auf den Handel und die Einwanderung schieben. Er hat Unrecht. Die USA sähen sich selbst ohne freieren Handel einer De-Industrialisierung gegenüber: Die Beschäftigung in der produzierenden Industrie nimmt weltweit ab, da die Produktivitätssteigerungen das Nachfragewachstum übersteigen.

Die Versäumnisse der bestehenden Handelsabkommen sind nicht dadurch bedingt, dass die USA von ihren Handelspartnern ausgetrickst wurden. Der liegen darin begründet, dass die US-Handelsagenda durch die Interessen der Konzerne bestimmt wurde. Amerikas Unternehmen haben profitiert, und es sind die Republikaner, die die Bemühungen blockiert haben, jene Amerikaner, denen es aufgrund der Handelsabkommen schlechter geht, an deren Vorteilen teilhaben zu lassen.

Viele Amerikaner fühlen sich daher durch Kräfte außerhalb ihrer Kontrolle gebeutelt, die zu eindeutig unfairen Ergebnissen führen. Langjährige Annahmen – dass Amerika das Land der unbegrenzten Möglichkeiten sei und dass es jeder Generation besser gehen würde als der davor – stehen nun in Frage. Die globale Finanzkrise könnte dabei einen Wendepunkt für viele Wähler dargestellt haben: Die reichen Banker, die die USA an den Rande des Ruins gebracht haben, hat die US-Regierung gerettet, während sie für die Millionen normaler amerikanischer Bürger, die ihre Arbeitsplätze und ihre Häuser verloren haben, scheinbar nichts getan hat. Das System produziert nicht nur unfaire Ergebnisse, sondern, so die Wahrnehmung, scheinen auch noch zu diesem Zweck manipuliert zu sein.

Die Unterstützung für Trump basiert zumindest teilweise auf der weit verbreiteten Wut, die aus dem Verlust des Vertrauens in die Regierung herrührt. Doch die von Trump vorgeschlagenen Maßnahmen würden eine ohnehin schon schlechte Situation noch deutlich verschlechtern. Die Ergebnisse einer weiteren Dosis „Trickle-down-Economics“, wie Trump sie verspricht – mit Steuersenkungen, die fast ausschließlich den reichen Amerikanern und den Konzernen zugutekämen –, wären nicht besser als beim letzten derartigen Versuch.

Tatsächlich würde der Beginn eines Handelskrieges mit China, Mexiko und anderen US-Handelspartnern, wie Trump ihn verspricht, alle Amerikaner ärmer machen. Und er würde die globale Zusammenarbeit, die nötig ist, um wichtige globale Probleme wie den Islamischen Staat, den weltweiten Terrorismus und den Klimawandel zu bekämpfen, zusätzlich erschweren. Geld, das man in Technologie, Bildung oder Infrastruktur investieren könnte, auf den Bau einer Mauer zwischen den USA und Mexiko zu verwenden, ist gleich zweifache Ressourcenverschwendung.

Es gibt zwei Botschaften, die die politischen Eliten in den USA beachten sollten. Die grob vereinfachenden neoliberalen marktfundamentalistischen Theorien, die die Wirtschaftspolitik in den letzten vier Jahrzehnten so stark geprägt haben, führen böse in die Irre, wobei das BIP-Wachstum auf Kosten steil steigender Ungleichheit geht. „Trickle-down-Economics“ hat nie funktioniert und wird es auch in Zukunft nicht tun. Die Märkte existieren nicht im luftleeren Raum. Die „Revolution“ von Thatcher und Reagan, die die Regeln neu schrieb und die Märkte zugunsten jener ganz oben neu strukturierte, war überaus erfolgreich dabei, die Ungleichheit zu verstärken, aber ist bei ihrer Mission, das Wachstum zu steigern, komplett gescheitert.

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Dies bringt uns zur zweiten Botschaft: Wir müssen die Regeln der Wirtschaft wieder umschreiben, und zwar diesmal, um sicherzustellen, dass die normalen Bürger profitieren. Jene Politiker in den USA und anderswo, die diese Lehre ignorieren, werden dafür zur Rechenschaft gezogen werden. Jeder Wandel ist mit Risiken verbunden. Doch das Trump-Phänomen und eine ganze Reihe ähnlicher politischer Entwicklungen in Europa zeigen, dass diese Botschaft zu missachten mit deutlich größeren Risiken verbunden ist: gespalteten Gesellschaften, untergrabenen Demokratien und geschwächten Volkswirtschaften.

Aus dem Englischen von Jan Doolan