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Sheryl Sandbergs rühmlicher Kampf

NEW YORK – Ist es in jedem Falle ungehörig, Frauen zu raten, an sich etwas zu ändern, um sicherzustellen, dass sie ihre Ziele erreichen? Den Selbsterforschungsbedarf der Frauen in den Raum zu stellen, kommt dem Betreten eines Minenfelds gleich: sicherer ist da schon die Forderung, uns weiterhin nur auf den Kampf gegen die allzu offensichtliche Diskriminierung aufgrund des Geschlechts zu konzentrieren. Manchmal ist es allerdings notwendig, das Minenfeld zu überqueren.   

Sheryl Sandberg, die Geschäftsführerin von Facebook, hat einen sehr mutigen Schritt gesetzt.  Sie schrieb ein Manifest über das Durchbrechen der gläsernen Decke unter dem Titel Lean In: Frauen und der Wille zum Erfolg. Dafür ist sie nun unter Beschuss geraten, denn sie argumentiert, dass sich Frauen oftmals selbst im Weg stehen.

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Kritiker greifen Sandberg bereits an, weil sie angeblich den Opfern die Schuld zuschiebt. Anne-Marie Slaughter, die im letzten Jahr einen viel gelesenen Artikel zum Thema gläserne Decke verfasste, versucht eine offene Debatte darüber anzuregen, wo die Probleme liegen. Andere attackieren leider ad feminam: Sandberg ist reich und mächtig. Wie kann ihr Rat also für die sich durchwurstelnde, unterbezahlte Durchschnittsfrau von Nutzen sein?  

Sandberg versucht nicht nur, Bewusstsein zu bilden, sondern auch eine soziale Bewegung zu schmieden. Sie möchte Mitarbeiterinnen in so genannten „Lean-In-Gruppen“ – von Firmen zu unterstützenden Frauengruppen –Verhandlungstaktik, Rhetorik und andere Fähigkeiten in Kombination mit kollektiver positiver Unterstützung vermitteln.

Ich weiß, dass dieser scheinbar triviale Ansatz ein zuverlässiges Erfolgsrezept ist. Ich war nämlich Mitbegründerin eines ähnlichen Programms namens The Woodhull Institute.  Durch Vermittlung dieser Fähigkeiten und die wechselseitige Unterstützung in einem rein weiblichen Umfeld gelang es unseren Absolventinnen – ob sie nun aus Elendsvierteln oder von einer Eliteuniversität kamen – ihre Mitbewerberinnen in rascher und dramatischer Weise zu überflügeln.

Zunächst allerdings rangen sie darum, ihre vielfach bemerkenswerten Leistungen zu erkennen und in aller Öffentlichkeit für sich selbst zu sprechen. Das empfanden sie schon fast schmerzhaft als sozial regelwidriges Verhalten.  Die Gelegenheit, vor anderen sprechen zu lernen und zu üben sowie Verhandlungsgeschick vermittelt zu bekommen, ist für die Förderung von Frauen daher wohl kaum irrelevant.

Tatsächlich betont Sandberg völlig zu Recht, dass Frauen so einfache und doch entscheidende Dinge wie deutliches und selbstbewusstes Sprechen nirgends lernen können. Genau jene Tonfälle, die an weiblichen Stimmen (vor allem bei jungen Frauen) kulturell geschätzt werden, unterminieren vielfach ihre Autorität am Arbeitsplatz.  So beginnen sie Präsentationen oftmals mit einer Entschuldigung, sprechen in mädchenhaftem Tonfall und beenden ihre Äußerungen mit einem Fragezeichen. Doch die  Beschreibung einer Idee in charmant unsicherem Ton ist keine wirksame Möglichkeit sie einem potenziellen Investor, Verleger oder Wähler zu verkaufen.  

Das gleiche schwer lösbare Problem besteht hinsichtlich der Körpersprache, der sich Sandberg ebenfalls zu Recht widmet (wie auch im englischen Teil des Buchtitels zum Ausdruck kommt). Die talentierten jungen Frauen, die ich unterrichtete, hatten zunächst große Schwierigkeiten einfach einmal gerade und aufrecht zu stehen. Vielfach vermittelten sie physisch einen Mangel an Selbstvertrauen oder hatten einen Gesichtsausdruck, als wollten sie überall sein, nur nicht im Rampenlicht. Im Gegensatz dazu lernen junge Männer mit Elite-Hintergrund Selbstvertrauen  schon physisch als Teil ihres Geburtsrechts zu vermitteln – ebenso wie sie lernen, mit durchsetzungkräftiger, deutlicher Stimme zu sprechen und ihre Leistungen selbstbewusst darzustellen.  

Daraus ergibt sich eine weitere unumstößliche Tatsache: Institutionelle Auseinandersetzungen zur Beseitigung der Unterrepräsentation von Frauen hinsichtlich Landbesitz, Politik und so weiter müssen mit individuellem Führungs- und Qualifikationstraining für Frauen einhergehen, das idealerweise in einer Atmosphäre der wechselseitigen Unterstützung stattfinden sollte, in der Frauen von ihresgleichen lernen, wie man die eigenen Ziele erreicht und ausweitet.

Dieses Modell zeitigt für Frauen überraschende Ergebnisse und zwar in verschiedenen Kontexten, deren Bogen sich vom Smith College über die Grameen Bank bis hin zu beruflichen Weiterbildungsprogrammen für Frauen wie Nontraditional Employment for Women spannt, wo Frauen lernen, wie man in hochqualifizierte und gut bezahlte, aber traditionell männlich dominierte Arbeitsbereiche vordringt. Ebenso versucht der Frauenclub Grace Belgravia, dem Einfluss der männlichen Londoner Elite-Clubs Konkurrenz zu machen.

Der Schwerpunkt weiblicher Peer-Gruppen auf Unterstützung, wenn es darum geht, stark zu sein und Ziele zu erreichen, ist von entscheidender Bedeutung, wie zwei junge Führungskräfte, Courtney Martin und Katie Orenstein (beide Absolventinnen des Woodhull Institute) kürzlich anmerkten. Um allerdings Sandbergs Vision einer sozialen Bewegung umzusetzen, in der Frauengruppen die Bemühungen ihrer Mitglieder zur erfolgreichen Bewältigung ihrer Lebenswege unterstützen, müssen wir Barrieren in unserem eigenen Denken überwinden.

Die „post-feministische“ Ansicht, wonach es keinen Bedarf an rein weiblich ausgerichteten Räumen gebe, muss hinterfragt werden.  Überdies stellt sich die Frage, wie man in Firmen reagieren soll, wenn sich auch reine Männergruppen treffen wollen. Meiner Ansicht nach spricht nichts gegen rein männlich oder weiblich besetzte Zusammenkünfte im privaten Umfeld, wohingegen im öffentlichen Kontext Diskriminierung eben Diskriminierung bleibt. Sandberg wird ihre Haltung zu diesem Thema erklären müssen.

Ein noch größeres Hindernis ist in gewisser Weise der institutionalisierte Feminismus, der es oftmals bequemer findet, bekannten Übeltätern die Schuld zu geben und diejenigen anzugreifen die es wagen, die Aufmerksamkeit der Frauen auf die Notwendigkeit zu lenken, Fähigkeiten zur Sicherung und Ausübung von Macht zu erlernen.  

Fake news or real views Learn More

Es ist Zeit, Fortschritte zu erzielen. Mit Sicherheit brauchen wir sowohl die breite gesellschaftliche Analyse als auch Führungspersönlichkeiten, die es auf sich nehmen, der nächsten Generation von Unternehmerinnen und Arbeitnehmerinnen beizubringen, für sich selbst zu sprechen und auch zu bekommen, was sie verdienen.

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier