Die Grenzen des Liberalismus

Bei der Frage, ob und wie die Wirtschaft zu regulieren sei, verfügen die westlichen Gesellschaften über ein traditionelles Korpus liberaler Theorien, auf die sie sich verlassen. Doch was die Einwanderung betrifft, gibt es kaum etwas an liberaler Tradition, auf das sie zurückgreifen können. Infolgedessen wird die Einwanderungsdebatte sowohl in Europa wie auch in den Vereinigten Staaten zu großen Teilen durch illiberale Stimmen dominiert. Die nachdrücklichsten hiervon gehören Politikern, die versprechen, die kulturelle Integrität des Heimatlandes gegen die vorgebliche Degeneration der Ausländer zu schützen.

Die Fremdenfeindlichkeit ist eine vom rechten Spektrum ausgehende illiberale Reaktion auf die Einwanderung, doch der Multikulturalismus der Linken ist kaum etwas anderes. Viele Theoretiker des Multikulturalismus fühlen sich zwar der Offenheit gegenüber Immigranten verpflichtet, nicht jedoch der Offenheit der Immigranten gegenüber ihrer neuen Heimat. Ihrer Meinung nach müssen die in einem ihrer Lebensart gegenüber feindlich eingestellten Umfeld lebenden Neuankömmlinge ihre mitgebrachten kulturellen Praktiken bewahren, selbst wenn einige dieser Praktiken – z.B. arrangierte Hochzeiten, Geschlechtertrennung, religiöse Indoktrination – mit den liberalen Grundsätzen in Konflikt stehen. Laut der moralischen Buchführung der Multikulturalisten zählt das Überleben der Gruppe mehr als die Rechte des Individuums.

Eine Möglichkeit, sich beim Umgang mit der ärgerlichen Frage nationaler Grenzen ein Bekenntnis zur Offenheit zu bewahren, besteht darin, anzuerkennen, dass Weltoffenheit keine Einbahnstraße ist. Immanuel Kant lehrt uns, dass die Umstände, in denen wir uns befinden, immer anhand der Umstände beurteilt werden müssen, in denen wir uns, wenn es der Zufall nicht anders bestimmt hätte, befinden könnten .

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