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Die Grenzen des Liberalismus

Bei der Frage, ob und wie die Wirtschaft zu regulieren sei, verfügen die westlichen Gesellschaften über ein traditionelles Korpus liberaler Theorien, auf die sie sich verlassen. Doch was die Einwanderung betrifft, gibt es kaum etwas an liberaler Tradition, auf das sie zurückgreifen können. Infolgedessen wird die Einwanderungsdebatte sowohl in Europa wie auch in den Vereinigten Staaten zu großen Teilen durch illiberale Stimmen dominiert. Die nachdrücklichsten hiervon gehören Politikern, die versprechen, die kulturelle Integrität des Heimatlandes gegen die vorgebliche Degeneration der Ausländer zu schützen.

Die Fremdenfeindlichkeit ist eine vom rechten Spektrum ausgehende illiberale Reaktion auf die Einwanderung, doch der Multikulturalismus der Linken ist kaum etwas anderes. Viele Theoretiker des Multikulturalismus fühlen sich zwar der Offenheit gegenüber Immigranten verpflichtet, nicht jedoch der Offenheit der Immigranten gegenüber ihrer neuen Heimat. Ihrer Meinung nach müssen die in einem ihrer Lebensart gegenüber feindlich eingestellten Umfeld lebenden Neuankömmlinge ihre mitgebrachten kulturellen Praktiken bewahren, selbst wenn einige dieser Praktiken – z.B. arrangierte Hochzeiten, Geschlechtertrennung, religiöse Indoktrination – mit den liberalen Grundsätzen in Konflikt stehen. Laut der moralischen Buchführung der Multikulturalisten zählt das Überleben der Gruppe mehr als die Rechte des Individuums.

Aleppo

A World Besieged

From Aleppo and North Korea to the European Commission and the Federal Reserve, the global order’s fracture points continue to deepen. Nina Khrushcheva, Stephen Roach, Nasser Saidi, and others assess the most important risks.

Eine Möglichkeit, sich beim Umgang mit der ärgerlichen Frage nationaler Grenzen ein Bekenntnis zur Offenheit zu bewahren, besteht darin, anzuerkennen, dass Weltoffenheit keine Einbahnstraße ist. Immanuel Kant lehrt uns, dass die Umstände, in denen wir uns befinden, immer anhand der Umstände beurteilt werden müssen, in denen wir uns, wenn es der Zufall nicht anders bestimmt hätte, befinden könnten .

Aus dieser Sicht ist es unfair, dass jemand, der zufällig in den USA geboren wurde, vermutlich ein längeres und besseres Leben führen wird als jemand, der in Kenia geboren ist. Aber es bedeutet, dass ein New Yorker sich bewusst sein sollte, dass die Vorteile, die er gegenüber jemandem aus Nairobi genießt, auf Zufall beruhen und nicht auf Leistung. Aus der Perspektive eines Kant’schen Weltbürgers ist das Mindeste, was ein Amerikaner tun kann, eine bestimmte Zahl von Immigranten aus Afrika in seinem Land willkommen zu heißen.

Weltbürgertum bedeutet aber auch, dass, nachdem eine Gesellschaft neue Mitglieder aufgenommen hat, diese verpflichtet sind, sich gegenüber dieser neuen Gesellschaft zu öffnen. Die Multikulturalisten zögern, diesen Teil der weltbürgerlichen Abmachung zu akzeptieren; aber wer wirklich liberal ist, muss dies tun.

Man kann verstehen, warum Einwanderer, die in einem fremden und aus ihrer Sicht feindlichen Land leben, sich diesem gegenüber abschotten, und einige Gastländer – Frankreich beispielsweise – sind zu hastig mit ihren Forderungen, dass die Einwanderer eine neue Lebensart annehmen müssten. Aber der Versuch, in einer offenen Gesellschaft ein in sich abgeschlossenes Leben zu führen, ist zwangsläufig selbstzerstörerisch und nichts, was eine liberale Gesellschaft ermutigen sollte.

Ein lehrreiches Beispiel, was die weltbürgerliche Abmachung angeht, entstammt dem Jahr 2006. Damals brachte der damalige britische Außenminister Jack Straw seine Bedenken bezüglich des von einigen muslimischen Frauen getragenen Vollkörperschleiers (Nijab) zum Ausdruck. Straw verteidigte das Recht der Frauen, weniger aufdringliche Kopftücher zu tragen; aber er argumentierte zugleich, dass etwas ernsthaft verkehrt laufe, wenn man im Gespräch mit einer anderen Person nicht von Angesicht zu Angesicht interagieren könne.

Straw argumentierte, dass das Tragen des Nijab eine Entscheidung sei, sich von allen einen umgebenden Personen abzusondern. Dies war keine fremdenfeindliche Argumentation, wonach Muslime nicht nach Großbritannien gehörten, oder ein multikulturalistisches Argument, wonach es den Muslimen erlaubt sein sollte, jegliche Art von traditioneller Bekleidung zu tragen, die ihrer Meinung nach ihre kulturellen und religiösen Sensibilitäten am besten zum Ausdruck bringt. Genauso wenig forderte Straw die vollständige Anpassung der Einwanderer an die britischen Gewohnheiten. Stattdessen veranschaulichte er anhand eines sorgsam gewählten Beispiels, was es bedeutet, anderen gegenüber offen zu sein und im Gegenzug Offenheit zu erwarten.

Einige haben argumentiert, das Straw, indem er vorschlug, was muslimische Frauen tragen sollten, in deren religiöse Freiheit eingegriffen habe. Tatsächlich stehen liberale Werte manchmal miteinander in Widerspruch. Der Islam beispielsweise gestattet traditionell bestimmte Formen der Vielehe, doch keine liberale Gesellschaft ist verpflichtet, die religiöse Freiheit auf eine Weise auszuweiten, die ihr Bekenntnis zur Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern untergräbt.

Glücklicherweise wirft Straws Beispiel kein derartiges Dilemma auf. Wie er hervorhob, wird das Tragen des Nijab nicht im Koran vorgeschrieben; es stellt eine kulturelle Entscheidung und keine religiöse Verpflichtung dar. Solange es für muslimische Frauen andere Möglichkeiten gibt, ihren Kopf zu bedecken, stellt die Einwilligung, keinen Nijab zu tragen, eine Methode dar, um unter minimalen Kosten für die eigenen religiösen Bindungen die Mitgliedschaft zu einer liberalen Gesellschaft kenntlich zu machen.

Für liberal denkende Menschen ist die Frage nie, ob Grenzen vollständig geöffnet oder geschlossen sein sollten; eine Gesellschaft, die allen gegenüber offen ist, hätte keine schützenswerten Rechte, während eine Gesellschaft, die allen gegenüber geschlossen ist, keine Rechte hätte, die es wert wären, dass man ihnen nacheifert. Nach einem abstrakten Prinzip, dem man in Fragen der Einwanderung folgen kann, sucht man es im Liberalismus vergebens.

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Doch eine liberale Gesellschaft wird Menschen einlassen und Ausnahmetatbestände festlegen, unter welchen sie nicht eingelassen werden dürfen, statt sie generell nicht einzulassen und Ausnahmen festzulegen, unter denen sie herein dürfen. Eine liberale Gesellschaft wird die Welt außerdem als einen Ort betrachten, der vor Potenzial überquillt, ganz gleich, wie bedrohlich dies für Lebensformen sein mag, die wir als selbstverständlich ansehen; sie zwingt Menschen, sich neuen Herausforderungen anzupassen, statt zu versuchen, sich vor dem Fremden und Unbekannten zu schützen.

Und schließlich wird eine offene Gesellschaft sich nicht darauf konzentrieren, was wir den Einwanderern anbieten können, sondern auf das, was sie uns zu bieten haben. Das Ziel der Offenheit, das die Einwanderung impliziert, ist es wert, bewahrt zu werden, insbesondere, wenn sowohl die Ansprüche, die es stellt, als auch seine Versprechen allgemein angewandt werden.