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Mythos Leistung

NEW YORK – Ende September veröffentlichten amerikanische Zeitungen in Hülle und Fülle Daten über die Zufriedenheit von Frauen. Der Unternehmensberater Marcus Buckingham stellte anhand der Daten die These auf, Frauen seien im Lauf der vergangenen 40 Jahre weniger zufrieden geworden. Blogs, Nachrichtenmagazine und Talkshows im Tagesprogramm zermarterten sich den Kopf über die Vorstellung, dass Feminismus – all die Freiheit, all die Wahlmöglichkeiten – Frauen tatsächlich unglücklicher macht.

Die Frauen hatten den von Buckingham zitierten Wissenschaftlern berichtet, dass sie mit vielen Bereichen ihres Lebens ‚unzufrieden‘ sind. Wenn Frauen in der westlichen Welt im Verlauf der vergangenen 40 Jahre etwas gelernt haben, dann, wie man mit dem Status Quo unzufrieden ist – eine wichtige Erkenntnis für den Rest der Welt, während wir bestrebt sind Feminismus im westlichen Stil zu exportieren.

 1972 Hoover Dam

Trump and the End of the West?

As the US president-elect fills his administration, the direction of American policy is coming into focus. Project Syndicate contributors interpret what’s on the horizon.

Zum Guten wie zum Schlechten ist etwas dran an der Ansicht, dass es bei der „Bewusstseinsbildung“ im westlichen Stil auch darum geht, Frauen beizubringen unzufrieden zu sein.

Die moderne westliche Frauenbewegung kündigte sich 1963 mit Betty Friedans Der Weiblichkeitswahn und dem in diesem Buch erteilten Recht an, sich zu beklagen – um in vielfältiger Weise „das Problem ohne Namen“ aufzuzeigen. Diskussionen entbrannten, die westlichen Frauen dabei halfen zu erkennen, was in vielen Bereichen ihres Lebens „nicht genug“ war, wie etwa die schlecht bezahlten Jobs, bei denen Männer die Lorbeeren ihrer Arbeit für sich beanspruchten – und ihnen in den Hintern kniffen.

Die Bewegung legte auch sexuell neue Maßstäbe an: 1973 ließ Shere Hite die Frauen wissen, dass sie nicht anomal sind, wenn sie allein durch Geschlechtsverkehr keinen Orgasmus bekommen – sie könnten mehr und subtilere sexuelle Zuwendung fordern. Willst du dein eigenes Geschäft eröffnen? Nur zu, trau dich! Träumst du von gleichberechtigt aufgeteilter Kindererziehung oder von einer Stelle als Richterin am Obersten Gerichtshof? Recht so, Schwester! Alle, die westlichen Feminismus artikulierten, forderten Frauen auf, in jedem Bereich ihres Lebens mehr zu fordern.

Doch die Kehrseite dieser ehrgeizigen Sprache und Philosophie kann eine immerwährende, persönliche Unruhe sein. Viele Männer und Frauen in der übrigen Welt – insbesondere in den Entwicklungsländern – beobachten das an uns und stehen dem zwiespältig gegenüber.

Die Definition des westlichen Feminismus als „immer mehr“ hat tatsächlich zu einem Paradox geführt. Unsere Mädchen und jungen Frauen können sich nicht entspannen. Neue, im Westen erhobene Daten lassen erkennen, dass wir nicht zwangsläufig eine Generation von Töchtern großgezogen haben, die Selbstachtung und Selbstwertgefühl verströmen. Wir ziehen eine Generation von Mädchen groß, die mit sich selbst ausgesprochen hart ins Gericht gehen – die ihre eigenen persönlichen Ansprüche unglaublich, ja sogar gnadenlos hoch ansetzen – und die sich selbst keine Gelegenheit geben zu ruhen und zu denken „es ist genug“.

Was ist, wenn wir im Westen, indem wir eine Definition des Feminismus als immer mehr machen, besser machen und besser als andere machen zuließen, es versäumt haben unseren Töchtern eine Definition von Erfolg zu geben, die sie manchmal einfach nur sein lässt? Bedauerlicherweise für uns im Westen wurde die zweite Welle des Feminismus von ehrgeizigen, hoch gebildeten Frauen artikuliert, die Eliteuniversitäten besuchten und beruflichen Erfolg als Gipfel der Leistungen und Fähigkeiten überhaupt betrachteten. Für andere Formen von Leistung wurde kaum Platz eingeräumt, etwa die Pflege betagter Eltern, beziehungspflegendes Wirken als Mitglied einer Gemeinschaft oder – ausgesprochen un-westlich! – das Erlangen einer gewissen inneren Weisheit, Erkenntnis oder inneren Friedens.

Was ist, wenn wir das feministische Ideal als eine Reihe von Leistungen und Härten externalisiert haben, anstatt es als eine Ausweitung aller Arten von Freiheit anzunehmen – zu der manchmal auch die Loslösung vom ewigen Streben zählen kann?

Die Neudefinition des Feminismus als „nach immer mehr streben“ erfüllt die Anforderungen des Konsumkapitalismus und der postindustriellen Arbeitsmoral. Es ist nicht unbedingt ein Sieg für die Frauen – oder Männer –, dass berufstätige Frauen 40 Jahre später genauso erschöpft sind, wie es berufstätige Männer es seit jeher waren. Als Kinder von berufstätigen Frauen in einer aktuellen Umfrage gefragt wurden, was sie an ihrer Lebenssituation ändern würden, haben sie nicht geantwortet, dass sie mehr Zeit mit ihren Müttern verbringen wollen. Sie sagten, sie wünschten ihre Mütter könnten weniger erschöpft und gestresst sein.

Meine Tante Anasuya, die eines meiner wichtigsten Vorbilder ist, hat die herkömmlich definierten Leistungen der Berufswelt auf später verschoben und sich darauf konzentriert Kinder aufzuziehen. Jetzt, da ihre Kinder erwachsen sind, ist sie für mehrere Monate nach Tibet gereist, um dort ihren Traum zu verwirklichen Ärztin für tibetische Medizin zu werden. Feminismus hat ihr ganz sicher den Weg dafür bereitet, ein Leben der Wahlmöglichkeiten zu führen und jetzt dieses ungewöhnliche Ziel anzustreben.

Ich wüsste jedoch nicht, dass Feminismus ihr ausdr��cklich Raum dafür gegeben hat das zu würdigen, was ich an ihr am meisten bewundere: ihre offene Tür. Sie nimmt immer wieder Studenten auf, die eine Unterkunft brauchen oder gewährt alleinerziehenden Müttern Zuflucht, die wirtschaftlich in Not sind oder stellt einfach noch einen Teller mehr für Teenager auf den Tisch, deren Eltern gerade mit ihren eigenen Problemen kämpfen. Mit der Art und Weise, wie sie das Leben anderer erweitert, ist ihr Leben für mich eine der erfolgreichsten „Karrieren“, die ich kenne – und sie führt dieses Leben während sie Ruhe, Gelassenheit und Frieden ausstrahlt.

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Sollte westlicher Feminismus seine Definition eines erfolgreichen Frauenlebens ausdehnen, um eine gut getroffene Wahl anders als nur durch Zeugnisse darlegen zu können? Ich glaube es ist die rechte Zeit dafür. Die gegenwärtige Zeit, in der Märkte einbrechen, die Arbeitslosigkeit in die Höhe schnellt und die Grundfesten unserer Institutionen erschütternden Verlagerungen unterworfen sind, könnte eine große Chance für Frauen und diejenigen darstellen, um die sie sich kümmern

Die Erkenntnis, wie vergeblich es ist sein Selbstverständnis auf externalisierte, berufsbezogene Leistungen zu stützen, ist ein Weckruf – und ein erster Schritt hin zu einer tieferen Freiheit und einem sogar noch tieferen Verständnis des weiblichen Schicksals.