Child obesity  in India Barcroft/Getty Images

Zu viel des Guten: der SDG-Index

BERMUDA – Eine neue Scorecard, die die Fortschritte von Ländern bei der Umsetzung von Entwicklungszielen bewerten soll, sagt wenig darüber aus, wie es uns mit den größten Herausforderungen der Menschheit ergeht. Stattdessen verdeutlicht sie die Schwächen der globalen Entwicklungsagenda.

The Year Ahead 2018

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Der umfassende neue Bericht, erstellt unter Leitung von Jeffrey D. Sachs und herausgegeben vom Sustainable Development Solutions Network der Vereinten Nationen und der deutschen Bertelsmann Stiftung, zeigt anhand eines Ampelsystems oder „Dashboards“, wie weit die Länder bei der Umsetzung der nachhaltigen Entwicklungsziele (Sustainable Development Goals, SDGs) sind. Diese ungemein wichtigen Zielsetzungen wurden vor 18 Monaten von den Vereinten Nationen verabschiedet und haben die äußerst effektiven Millenniums-Entwicklungsziele (MDGs) abgelöst. Grün bedeutet Erfolg bei allen Indikatoren eines Ziels; gelb, orange und rot verdeutlichen, wie weit ein Land von der Umsetzung entfernt ist.

Man könnte erwarten, dass anhand des Bewertung deutlich wird, wie gut reiche Länder ihre Entwicklungshilfe verwenden und wie erfolgreich ärmere Länder ihre eigenen Mittel einsetzen, um dafür zu sorgen, dass mehr Menschen Zugang zu Bildung, medizinischer Versorgung, Ernährungssicherheit und einer sichereren, sauberen Umwelt haben – den wesentlichen Herausforderungen der nachhaltigen Entwicklung auf unserem Planeten.

Stattdessen zeigt der SDG-Index, dass Kambodscha, wo über 20% der Bevölkerung von weniger als 1,90 Dollar pro Tag lebt, bei der Umsetzung von Ziel 1 – „Armut in allen ihren Formen und überall beenden“ – im grünen Bereich und damit besser abschneidet als das orange Spanien. Dem Bericht zufolge schneidet Italien in Bezug auf die Effektivität der Regierung schlechter ab als alle Länder außer Venezuela – viel schlechter als Burundi oder sogar Syrien – in einem Ranking, das von Singapur und, noch überraschender, Ruanda angeführt wird.

Die Vereinigten Staaten rangieren in überraschend vielen Vergleichen im roten und gelben Bereich und belegen unter insgesamt 157 Ländern Platz 42. Tatsächlich haben die USA bei keinem der 17 Ziele auch nur ein einziges grünes Ranking erreicht. In der Gruppe der OECD-Staaten teilen sie diese zweifelhafte Ehre lediglich mit Griechenland, Italien, Lettland, Mexiko, Spanien und der Türkei. (Der vom Krieg erschütterte Jemen hat sowohl für „Klimaschutz“ als auch „Partnerschaft für die Ziele“ eine grüne Bewertung bekommen.)

Amerika-Bashing ist weitverbreitet und einfach. Aber fast ein Viertel des gesamten Geldes, das von reichen Ländern für direkte Entwicklungshilfe ausgegeben wird, stammt von US-amerikanischen Steuerzahlern. In einem Bericht, in dem der weltweit größte Geber die niedrigstmögliche Bewertung für „Partnerschaft für die Ziele“ erhält, scheinen einige andere Aspekte eine Rolle zu spielen. (Myanmar, Usbekistan und Saudi-Arabien befinden sich in dieser Kategorie allesamt im grünen Bereich.)

Ein größeres Problem ist mit der besonderen Beschaffenheit des Berichts verbunden: Die gegenwärtige Entwicklungsagenda versucht es allen recht zu machen. Die MDGs haben funktioniert, weil es eine klare Fokussierung auf wenige Ziele gab. Die SDGs umfassen sage und schreibe 169 Unterziele und das bedeutet, dass es keine Prioritäten gibt.

Für Ziel 3, das den Themen Gesundheit und Wohlergehen gewidmet ist, bekommen die USA eine alles andere als herausragende gelbe Bewertung. Warum? Die Lebenserwartung in den USA ist relativ hoch und die Mütter- und Säuglingssterblichkeit ist relativ gering. Es stellt sich heraus, dass die hohe Zahl der Verkehrstoten in den USA die Gesamtbewertung des Landes verschlechtert. Dabei führt eine Verschmelzung von Autounfällen in Ohio mit Säuglingssterblichkeit und HIV-Prävalenz lediglich dazu, die Agenda für globale Entwicklung verworrener zu machen.

Und Australien rangiert beim Ziel den Hunger zu beenden im roten Bereich, weil der Anteil fettleibiger Australier zu hoch ist und seine extensive Landwirtschaft geringere Erträge aufweist, und nicht etwa weil ein erheblicher Mangel an Nahrungsmitteln oder Mikronährstoffen bestehen würde.

In reichen Ländern sind Fettleibigkeit und die Effizienz der Landwirtschaft zweifellos wichtige Aspekte. Aber durch den Versuch klarzustellen, dass sowohl in Entwicklungs- als auch in Industrieländern Entwicklungsbedarf besteht, verlieren wir aus den Augen, was wirklich wichtig ist: Rund 795 Millionen Menschen auf der Welt haben nicht genug zu essen, um ein gesundes, aktives Leben führen zu können. Das ist ungefähr jeder neunte Mensch auf der Erde. Die überwältigende Mehrheit lebt in Entwicklungsländern, wo 12,9 % der Bevölkerung unterernährt ist.

Eine Gruppe führender Experten, darunter mehrere Nobelpreisträger, hat im Auftrag des von mir geleiteten Thinktanks Copenhagen Consensus Center die SDGs dahingehend untersucht, auf welche Weise sich mit dem eingesetzten Geld ein möglichst hoher Nutzen für die Menschen, für den Planeten und für den Wohlstand erzielen lässt. Die Bekämpfung von Mangelernährung mit Mikronährstoffen war eines von 19 konkreten Zielen, die dabei identifiziert wurden. Ziele wie Zugang zu Verhütungsmitteln und Familienplanung für alle, die Ausrottung von Tuberkulose bis 2030, freierer Welthandel, die Abschaffung von Subventionen für fossile Brennstoffe und der Schutz von Korallenriffen würden der Umwelt helfen und das Leben von Millionen von Menschen verbessern.

Analysen haben gezeigt, dass eine Beschränkung auf die 19 ermittelten Ziele mit einem rund viermal so hohen Nutzen für den Wohlstand verbunden wäre wie eine Verteilung der Mittel auf alle 169 Ziele. Anstatt sich darauf zu konzentrieren, arbeiten sich die Regierungen an der schieren Anzahl der SDGs ab. Im SDG-Index wird eingeräumt, dass „Länder offenbar Schwierigkeiten haben, [die Indikatoren] im vollen Umfang umzusetzen“.

Inzwischen setzen die Länder selbst Prioritäten und holen nach, was die UN versäumt haben. Sie können unmöglich alle 169 Ziele auf einmal erreichen und konzentrieren sich daher nur auf einzelne. Die eigentliche Gefahr besteht darin, dass sie nicht die Ziele auswählen, die am meisten Gutes bewirken für jeden Dollar, jedes Pfund, jede Rupie oder jeden Peso, der ausgegeben wird, sondern Ziele, die besonders medienwirksam sind, denen NGOs besondere Aufmerksamkeit widmen oder die von großem geschäftlichen Interesse sind.

Wir müssen die Entwicklungsagenda wieder auf ihre Kernanliegen herunterbrechen und uns auf die Bereiche konzentrieren, in denen mit jedem ausgegebenen Dollar am meisten Nutzen für die Menschheit erzielt wird. Nur so kann uns eine Scorecard dabei helfen, Fortschritte in der Entwicklung zu maximieren.

Aus dem Englischen von Sandra Pontow.

http://prosyn.org/W2E3ET9/de;

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