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Wie man toxischen Stress bei Kindern vermeiden könnte

Cambridge, Mass.: Was wäre, wenn politische Führer weltweit die schulische Leistung und Berufsbereitschaft steigern, Verbrechensraten reduzieren und die gesunde Lebenserwartung verbessern könnten, man die Ergebnisse ihres Tuns jedoch erst nach ihrem Ausscheiden aus dem Amt würde sehen können? Hätten sie den politischen Mut, jetzt im langfristigen Interesse ihrer Bevölkerungen aktiv zu werden? Oder würden sie sich in unwirksame, unterfinanzierte Versuche verstricken, schnelle Ergebnisse zu erzielen, und anschließend behaupten, es wäre nicht zu schaffen?

Dank der bemerkenswerten Konvergenz neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse über die Entwicklung des Gehirns, das menschliche Genom und die Auswirkungen frühkindlicher Erfahrungen auf das spätere Lernen, Verhalten und die spätere Gesundheit sind dies keine hypothetischen Fragen. Wir verfügen über das Wissen, unsere Zukunft zu sichern, indem wir die Lebensaussichten all unserer kleinen Kinder verbessern. Was wir jetzt brauchen, sind politische Weitsicht und Führung.

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Die Wissenschaft kann heute glaubwürdig behaupten, dass im frühen Kindesalter – den ersten fünf Jahren nach der Geburt – das Fundament für unsere spätere wirtschaftliche Produktivität, verantwortliches staatsbürgerliches Handeln und ein körperlich und geistig gesundes Leben gelegt wird. Tiefe Armut, Missbrauch, Vernachlässigung und die Belastung durch Gewalt in der frühen Kindheit andererseits können alle toxischen Stress hervorrufen.

Anders als normaler oder erträglicher Stress, der eine Widerstandsfähigkeit aufbauen und das Stressreaktionssystem des Kindes richtig einstellen kann, wird toxischer Stress durch extreme, lang anhaltende Widrigkeiten bei gleichzeitigem Fehlen eines unterstützenden Netzes von Erwachsenen, die dem Kind bei der Anpassungsarbeit helfen, verursacht. Toxischer Stress kann die Architektur des sich entwickelnden Gehirns schädigen, was gestörte Schaltkreise und eine Schwächung der Grundlagen für das Lernen und die Gesundheit im späteren Leben bewirkt.

Die bleibenden neurobiologischen Auswirkungen von toxischem Stress auf kleine Kinder führen dazu, dass die Wahrscheinlichkeit asozialen Verhaltens, schlechterer schulischer und beruflicher Leistungen sowie einer schlechten körperlichen und geistigen Gesundheit deutlich zunimmt. All dies sind Probleme, die die Gesellschaft dann teuer zu lösen versucht. Tiefe Armut ist nur einer der Risikofaktoren für toxischen Stress und seine langfristigen Folgen.

Den größten Schaden rufen kumulative Belastungen durch mehrere Risikofaktoren wie Vernachlässigung, Alkohol- bzw. Drogenmissbrauch oder Geisteskrankheit der Eltern, Missbrauch und die Belastung durch Gewalt hervor. Mit jedem zusätzlichen Risikofaktor steigt die Gefahr einer langfristigen Schädigung der Gehirnarchitektur.

Neurowissenschaft und Stressbiologie helfen uns, besser zu verstehen, wie Armut und andere widrige Umstände im wahrsten Sinne des Wortes in unsere Körper eingebaut werden. Eine lang andauernde Aktivierung des körpereigenen Stresssystems während der frühen Entwicklungsphase kann die Bildung der Nervenverbindungen, die die Architektur unseres Gehirns ausmachen, schädigen und unser Stressreaktionssystem in ständige Alarmbereitschaft versetzen. Dies erklärt, warum Kinder, die in derartige Umstände hineingeboren werden, mehr Probleme in der Schule haben, mit größerer Wahrscheinlichkeit Verbrechen begehen und im späteren Leben anfälliger sind für Herzkrankheiten, Diabetes und eine Vielzahl weiterer körperlicher und geistiger Leiden.

Wenn sie die toxischen Stress hervorrufenden Umstände in Angriff nähmen – und sich dabei immer fragen würden: „Wie können wir unsere Kinder am besten schützen?“ –, würden unsere kommunalen, nationalen und globalen politischen Führer nicht nur die Lebensaussichten ihrer jüngsten Bürger verbessern, sondern auch ihren Gesellschaften insgesamt nutzen. Durch eine breite Palette von Strategien und Praktiken zur Unterstützung positiver Beziehungen und hochwertiger Lernerfahrungen – zu Hause, in Programmen zur frühkindlichen Betreuung und Bildung und im Rahmen zielgerichteter Interventionen – lässt sich eine positive Wirkung erzielen, vorausgesetzt, diese basieren auf soliden Belegen und sind an die jeweiligen Bedürfnisse angepasst, die sie ansprechen sollen.

Umfassende wirtschaftliche Analysen haben nachgewiesen, dass dies über den kurzfristigen Nutzen des Einzelnen hinaus auch für die Gesellschaft insgesamt über Jahre hinweg deutliche finanzielle Vorteile mit sich bringt. Die Wissenschaft hat drei Dinge aufgezeigt, die wir tun können, um fairere Voraussetzungen zu schaffen:

·        allen kleinen Kindern eine medizinische Versorgung sowie frühkindliche Betreuung und Bildung gewährleisten;

·        in Armut lebenden kleinen Kindern größere finanzielle Unterstützung und bessere Lernerfahrungen bieten;

·        für kleine Kinder, die aufgrund schwieriger Lebensumstände toxischen Stress erfahren, spezialisierte Leistungen anbieten.

Die wissenschaftlichen Prinzipien der frühkindlichen Entwicklung sind unabhängig von Familieneinkommen, Programmtyp oder Finanzierungsquellen dieselben. In den hoch entwickelten Ländern können Programme, die widrige Lebensumstände erfassen und auf die Gesundheits- und Entwicklungsbedürfnisse der einzelnen Kinder und Familien reagieren, einen die Kosten deutlich übersteigenden Nutzen erbringen. In Entwicklungsländern ist es vielversprechender, den exklusiven Fokus der internationalen Investitionstätigkeit auf das kindliche Überleben in Richtung eines integrierten Ansatzes zur Förderung der frühkindlichen Gesundheit und Entwicklung zu verlagern, der mehr verspricht, als sich durch Ansprache eines jeden dieser Bereiche allein erreichen ließe.

Unter erheblicher wirtschaftlicher Unsicherheit, Diskriminierung oder Misshandlung leidende Kinder profitieren von wirksamen Interventionen am stärksten. Neurowissenschaft, kindliche Entwicklung und die Ökonomie der Bildung von Humankapital ziehen alle denselben Schluss: Die Schaffung des richtigen Rahmens für die frühkindliche Entwicklung ist wesentlich effektiver als der Versuch, die Probleme später zu reparieren.

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Und schließlich: Es geht bei der Frage der Führung um mehr als um intelligente wirtschaftliche Entscheidungen. Es geht auch um moralische Verantwortung, Weisheit, Urteilsvermögen und Mut – und darum, vorhandenes Wissen zur Förderung eines positiven gesellschaftlichen Wandels zu nutzen.

Die negativen Folgen der Armut und anderer widriger Umstände sind nicht unvermeidlich. Die Kluft zwischen unserem Wissen und unserem Handeln jedoch wächst und ist durch zunehmende Gewissenlosigkeit geprägt. Wir müssen jetzt handeln – zum Wohle unserer verwundbaren Kinder.