13

Polens Verbrechen gegen die Geschichte

JERUSALEM – Ein paar Monate vor Beginn des Zweiten Weltkriegs kamen meine Eltern und ich in Tel Aviv an. Der Rest der Familie und Verwandte – drei meiner Großeltern, die sieben Geschwister meiner Mutter und fünf meiner Cousins – blieben in Polen. Sie alle wurden im Holocaust ermordet.

Ich habe Polen viele Male besucht, immer begleitet von allgegenwärtiger jüdischer Abwesenheit. Von mir verfasste Bücher und Artikel wurden ins Polnische übersetzt. Ich unterrichtete an der Universität von Warschau und an der Jagiellonen-Universität in Krakau. Kürzlich wurde ich zu einem externen Mitglied der Polnischen Akademie der Wissenschaften und Künste gewählt. Trotz meiner spärlichen Kenntnisse der polnischen Sprache sind mir Geschichte und Kultur des Landes nicht fremd.

Erdogan

Whither Turkey?

Sinan Ülgen engages the views of Carl Bildt, Dani Rodrik, Marietje Schaake, and others on the future of one of the world’s most strategically important countries in the aftermath of July’s failed coup.

Aus diesen Gründen verstehe ich, warum die polnische Regierung jüngst Gesetze für historische Angelegenheiten verabschiedete. Aber ich bin auch wütend.

Die Polen betrachten sich verständlicherweise in erster Linie als Opfer der Nazis. Kein Land im besetzten Europa litt in ähnlicher Weise. Polen war das einzige Land, in dem unter deutscher Besatzung Regierungsinstitutionen sowie Armee aufgelöst und Schulen und Universitäten geschlossen wurden. Sogar der Landesname wurde von der Landkarte gelöscht. Wie eine Neuauflage der Teilungen Polens durch Russland und Preußen im 18. Jahrhundert führte der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt aus dem Jahr 1939 im Gefolge der deutschen Invasion zur sowjetischen Besetzung Ostpolens. Von polnischer Staatsmacht blieb keine Spur.

Die totale Zerstörung des polnischen Staates und seiner Institutionen ließen das Land zu einem idealen Ort für die deutschen Vernichtungslager werden, in denen sechs Millionen polnische Bürger – drei Millionen Juden und drei Millionen ethnische Polen – ermordet wurden. Überall sonst in dem von Deutschland kontrollierten Europa mussten sich die Nazis, wenn auch nur aus taktischen Gründen, in manchmal überaus komplizierter Art und Weise mit lokalen Regierungen auseinandersetzen.

Aus diesem Grund beharrt Polen zurecht darauf, dass diese Lager nicht als „polnische Vernichtungslager“ bezeichnet werden sollen (wie es sogar US-Präsident Barack Obama einst fälschlicherweise tat). Es handelte sich um deutsche Lager im besetzten Polen.

Mit ihrem Versuch, jeden Verweis auf „polnische Vernichtungslager“ zu kriminalisieren, begeht die derzeitige polnische Regierung jedoch einen schweren Fehler. Lediglich undemokratische Regime bedienen sich derartiger Methoden anstatt sich auf den öffentlichen Diskurs, historische Klarstellung, diplomatische Kontakte und Bildung zu verlassen.

Der Gesetzesentwurf der Regierung geht sogar noch weiter: darin wird nämlich jeder Verweis auf die Rolle ethnischer Polen im Holocaust zu einer Straftat gemacht. Hinsichtlich des während des Krieges in der Stadt Jedwabne an Juden von deren Nachbarn verübten Massakers bezieht sich die Regierung außerdem auf die von ihr so bezeichnete „historische Wahrheit“.

Als der Historiker Jan Gross seine Studie veröffentlichte, in der er darlegte, dass nicht Deutsche, sondern Polen hunderte Juden aus Jedwabne bei lebendigem Leib verbrannten, löste dies in Polen natürlich eine veritable Gewissenkrise aus. Zwei polnische Präsidenten - Aleksander Kwaśniewski und Bronisław Komorowski – akzeptierten die Erkenntnisse aus dieser Arbeit und baten die Opfer öffentlich um Vergebung. Komorowski formulierte, dass es „sogar in einer Nation der Opfer offenbar Mörder gibt.” Mittlerweile allerdings behaupten die Behörden, die Angelegenheit müsse erneut untersucht werden und sie fordern sogar die Exhumierung der Leichen aus den Massengräbern.

Ansichten und Ideologie der Regierung sind eine innere Angelegenheit Polens. Wenn man allerdings versucht, problematische Aspekte der polnischen Geschichte unter den Teppich zu kehren oder zu leugnen, werden auch diejenigen, die sich mit dem Schmerz Polens identifizieren, möglicherweise Fragen aufwerfen, die in Anerkennung der schrecklichen Leiden der Polen bislang weitgehend übersehen wurden. Diese Fragen sind weder trivial noch an das Verhalten von Einzelpersonen geknüpft. Es geht dabei vielmehr um nationale Entscheidungen.

Die erste Frage betrifft den zeitlichen Ablauf des Warschauer Aufstandes im August 1944. Die Polen verweisen mit Recht darauf, dass die Rote Armee, die bereits an der Weichsel stand, den polnischen Kämpfern nicht zu Hilfe kam und die Deutschen den Aufstand praktisch ungehindert niederschlagen ließ – einer der zynischsten Schritte Stalins.

Aber warum schlug der von der polnischen Exilregierung in London kontrollierte polnische Untergrund (die Armia Krajowa oder Heimatarmee) ausgerechnet in dem Moment zu, als sich die Deutschen bereits auf dem Rückzug befanden, Ostpolen bereits befreit war und die Rote Armee kurz vor der Befreiung Warschaus stand? Die offizielle polnische Erklärung lautet, dass der Aufstand gegen die Deutschen auch ein Präventivschlag gegen die Sowjetunion war, womit gewährleistet werden sollte, dass nicht sowjetische, sondern polnische Truppen Warschau befreiten.

Das mag vielleicht erklären (wenn auch offensichtlich nicht rechtfertigen), warum sich die Sowjets weigerten, den Polen zu Hilfe zu kommen. Dennoch bleiben Fragen: Warum wartete die Heimatarmee über vier Jahre, um sich gegen die deutsche Besatzung zu erheben? Warum wurde nichts gegen die systematische Vernichtung von drei Millionen Juden unternommen, bei denen es sich allesamt um polnische Staatsbürger handelte oder warum schlug man nicht während des jüdischen Aufstandes im Warschauer Ghetto im April 1943 zu?

Manchmal hört man Argumente darüber, wie viele Waffen die Heimatarmee an die Kämpfer im Ghetto schickte – oder nicht schickte. Das ist allerdings nicht die Frage. Die Niederschlagung des Aufstandes im Warschauer Ghetto durch die Deutschen dauerte Wochen; auf der „arischen Seite“ hörten und sahen die Polen was geschah – und sie taten nichts.  

Wir können nicht wissen, was geschehen wäre, hätte sich die Heimatarmee den Juden angeschlossen – nicht nur in Warschau, sondern im gesamten besetzten Polen, wo man tausende Armeeangehörige auf einen möglichen Aufstand vorbereitete. Sicher ist allerdings, dass es für die SS schwieriger geworden wäre, das Ghetto zu liquidieren. Außerdem wäre es ein starkes Zeichen der Solidarität mit den polnischen Juden gewesen, hätte man sich den als „jüdisch“ bezeichneten Aufstand angeschlossen. Der entscheidende Punkt ist: die Hervorhebung der moralischen Dimension der Entscheidung, einen Aufstand zu beginnen, um die Sowjets an der Befreiung Warschaus zu hindern und gleichzeitig außer Acht zu lassen, dass man untätig blieb, als es darum ging, den Mord an drei Millionen polnischer Juden zu verhindern, darf berechtigterweise in Frage gestellt werden.

Das wirft eine weitere lange Zeit unterdrückte Frage auf. Im März 1939 wussten die britische und die französische Regierung, dass die Appeasement-Politik gegenüber Hitler gescheitert war: nach der Zerstörung der Tschechoslowakei, wandte sich Nazi-Deutschland gegen Polen. In diesem Frühling gaben Großbritannien und Frankreich eine Garantie ab, Polen gegen eine deutsche Invasion zu verteidigen.

Gleichzeitig schlug die Sowjetunion den Briten und Franzosen eine geeinte Front gegen die deutsche Aggression gegenüber Polen vor – der erste Versuch, eine Allianz der Sowjets und des Westens gegen die Nazis zu bilden. Im August 1939 reiste eine englisch-französische Delegation nach Moskau, wo der Vorsitzende der sowjetischen Delegation, Verteidigungsminister Kliment Woroschilow, den westlichen Vertretern eine simple Frage stellte: würde die polnische Regierung dem für die Zurückschlagung einer deutschen Invasion notwendigen Einsatz sowjetischer Truppen auf ihrem Territorium zustimmen?

Nach wochenlangem Hin und Her, verweigerte die polnische Regierung ihre Zustimmung. Ein polnischer Regierungsminister meinte angeblich: „Wer weiß, wann die Sowjetarmee im Falle eines Einsatzes in Polen wieder abzieht.“ Die Gespräche zwischen Briten, Franzosen und Sowjets scheiterten und ein paar Tage später wurde der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt unterzeichnet.

Man kann die polnische Position verstehen: nach Wiedererlangung der Unabhängigkeit im Jahr 1918 fand sich Polen in einem brutalen Kampf mit der Roten Armee wieder, die darauf aus war, Warschau zu besetzen. Nur mit militärischer Unterstützung Frankreichs gelang es, die Russen zu zurückzuschlagen und Polens Unabhängigkeit zu sichern. Im Jahr 1939 schien es, als ob Polen die Sowjetunion mehr fürchtete als Nazi-Deutschland. 

Niemand weiß, ob die deutsche Besetzung Polens zu verhindern gewesen wäre, wenn Polen dem Einsatz der Roten Armee im Falle einer Invasion zugestimmt hätte und noch viel weniger kann gesagt werden, ob der Zweite Weltkrieg oder der Holocaust hätten verhindert werden können.  Dennoch kann man vernünftigerweise behaupten, dass die Regierung eine der verhängnisvollsten und katastrophalsten Entscheidungen in der polnischen Geschichte traf. Auf die eine oder andere Weise ermöglichte ihre Haltung den deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt und der Warschauer Aufstand 1944 führte zur fast vollständigen Zerstörung der Stadt.

Keinesfalls soll dies als Versuch betrachtet werden, dem Opfer die Schuld zuzuweisen. Die moralische und historische Schuld gilt Nazi-Deutschland und parallel dazu der Sowjetunion. Wenn die derzeitige polnische Regierung allerdings die Geschichte einer Überprüfung unterziehen möchte, müssen auch diese allgemeineren Fragen beantwortet werden. Eine Nation und ihre Führung sind verantwortlich für die Folgen ihrer Entscheidungen.

Kürzlich besuchte ich POLIN, das auf Initiative des damaligen Präsidenten Kwaśniewski errichtete jüdische Museum in Warschau. Ich war tief beeindruckt, nicht nur von der Vielfalt und der Präsentation der Ausstellungsstücke, sondern auch von der Differenziertheit und historischen Integrität, die dem gesamten Projekt zugrunde liegen: ohne Juden, so stellt die Ausstellung klar, wäre Polen nicht Polen.   

Doch das Museum zeigt auch die dunklere Seite dieser verflochtenen Geschichte, insbesondere die Entstehung der radikal nationalistischen und antisemitischen Endecja-Partei Roman Dmowskis im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. Ein nicht-jüdischer Freund, der mich begleitete, sagte: „Jetzt ist es Zeit, ein polnisches Museum vergleichbaren Standards zu errichten.“

Support Project Syndicate’s mission

Project Syndicate needs your help to provide readers everywhere equal access to the ideas and debates shaping their lives.

Learn more

Mein Freund hat recht. Aber die derzeitige polnische Regierung verfolgt einen Kurs, der sowohl falsch als auch unklug ist. Wie Deutschland gezeigt hat, kann sich Polen am besten selbst schützen, indem man sich mit der Wahrheit auseinandersetzt.

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier