A GrabBike rider uses his mobile phone Bay Ismoyo/Getty Images

Die Platform Economy

WASHINGTON, DC – Es vergeht kaum ein Tag ohne einen Artikel, eine neue Konferenz oder Forschungsinitiative über die Zukunft der Arbeit. Die Roboter kommen, oder sie kommen weniger schnell als gedacht; wenn sie tatsächlich kommen, werden sie alle arbeitslos machen, oder sie werden ebenso viele neue Arbeitsplätze schaffen wie vernichten – so geht die Diskussion hin und her. Wie jedoch wäre es, wenn wir, statt zu versuchen, die Zukunft vorherzusagen, uns die Realität ansähen, wie sie Milliarden Menschen heute erleben?

The Year Ahead 2018

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Rund 80% der Weltbevölkerung leben in Schwellenvolkswirtschaften, die durch informelle Märkte und fließende Beschäftigungsstrukturen gekennzeichnet sind. Die SHIFT Commission on Work, Workers, and Technology hat Gruppen in fünf Großstädten der USA eingeladen, sich vier Szenarien entlang von zwei Veränderungsachsen vorzustellen – mehr bzw. weniger Arbeit, und mehr Arbeitsplätze oder mehr Auftragsarbeiten. Die Teilnehmer waren unterschiedlicher Ansicht bezüglich der Menge der künftigen Arbeit, doch fast alle prognostizierten die kontinuierliche Auflösung von Arbeitsplätzen zu Auftragsarbeiten, und zwar sowohl bei schlecht wie bei gut bezahlten Tätigkeiten: von der Arbeit als Kraftfahrer bis hin zur Ausübung des Anwaltsberufs. Das ist die Realität, wie sie heute bereits in Schwellenvolkswirtschaften herrscht.

Eine Untersuchung der Arbeitsmuster in diesen unterschiedlichen Ländern ergibt drei wichtige Lehren. Erstens üben die Menschen dort mehrere „geschichtete“ Tätigkeiten aus unterschiedlichen Arbeitsbereichen aus und erzielen Einkünfte aus mehr als einer Quelle. Zweitens bilden sich mit großer Geschwindigkeit sogenannte „Platform Economies“ heraus, die auf traditionellen Netzwerken aufbauen. Und schließlich gehen diese Arbeitsmuster häufig mit drastischer Einkommensungleichheit einher.

Flexibilität und Unsicherheit definieren die informellen Märkte in den Entwicklungsländern. Die Glücklichen, die Arbeitsplätze im formellen Sektor haben (weniger als 40%), haben häufig Nebenjobs, bei denen sie ihre Zeit, ihre Fachkenntnisse, ihr Netzwerk oder ihre Ideen an andere verkaufen, um sich gegen die Unsicherheit auf dem Arbeitsmarkt abzusichern. Ein nigerianisches Sprichwort gibt eine treffende Beschreibung „geschichteter“ Arbeit: „Du hast eine Arbeit von neun bis fünf, eine von fünf bis neun und einen Wochenend-Job.

Dasselbe Muster zeichnet sich zunehmend auch in den entwickelnden Ländern ab. Ein Bericht des JPMorgan-Chase Institute kommt zu dem Schluss, dass Plattform-Tätigkeiten überwiegend eine sekundäre Einkommensquelle sind, die dazu dienen, Schwankungen beim regulären Einkommen aufzufangen.

Ein zentraler Unterschied ist freilich, dass in Schwellenvolkswirtschaften flexible Netzwerke aus Einzelpersonen oder Kleinunternehmen den Platz formeller Arbeitgeber einnehmen. In Kenias informellem Sektor – der auf Kiswahili als Jua Kali („heiße Sonne“) bezeichnet wird – entstehen die meisten Arbeitsplätze im Lande. Laut dem 2017 Economic Survey in Kenya schuf die Jua Kali im vergangenen Jahr 747.300 zusätzliche Arbeitsplätze, der formelle Sektor dagegen lediglich 85.600.

Die Jua Kali umfasst branchengestützte Vereinigungen zwischen Arbeitern und Handwerkern, die an die mittelalterlichen Gilden erinnern. Diese Vereinigungen – aus Zimmerleuten, Mechanikern, Klempnern usw. – ermöglichen gepoolte Ersparnisse, bieten Gelegenheiten zum Ausbau der eigenen Fertigkeiten und schaffen eine Form von Marktregulierung.

Mit der Ausweitung um die Technologie gehen viele dieser Vereinigungen online, um Angebot und Nachfrage innerhalb des informellen Arbeitsmarktes effektiver aufeinander abzustimmen. Go-Jek in Indonesien (ein Wortspiel auf ojek, ein Motorrad-Taxi) ist ein 2,5 Milliarden Dollar schweres Unternehmen, das einem über eine App alles von Lebensmitteln bis hin zum Friseur per Motorrad ins Haus bringt. Mit mehr als 200.000 Fahrern auf seiner Plattform steigert das Unternehmen angesichts des chaotischen Verkehrs die Produktivität der Indonesier.

Der Markt für preiswerte Rechtsdienstleistungen in Accra, Ghana, bietet ein weiteres interessantes Beispiel. Der Journalist Joseph Warungu beschreibt ein „enge Gasse auf der Rückseite der Gerichtsgebäude“, in der es von Notaren, Urkundspersonen, Schreibern und Anwälten wimmelt, die Leistungen von der Aufnahme von Zeugenaussagen bis hin zur Aufsetzung von Verträgen anbieten, die alle „effizient und preiswert abgewickelt werden.“ Diese Gasse ist eine Plattform, die eine Vielzahl von Anbietern unterschiedlicher Rechtsdienstleistungen mit Käufern zusammenbringt – im Gegensatz zur herkömmlichen Kanzlei, die ihre Mandanten zwingt, verschiedene Dienstleistungen aus derselben Quelle zu erwerben. Sie muss jetzt nur noch online gehen.

Die entwickelten Volkswirtschaften hinken bei dieser Entwicklung hinterher und holen nur langsam auf. Bliss Lawyers umfasst US-weit mehr als 15.000 Anwälte, die über 200 Dollar pro Stunde für „Auftragsarbeiten für hausinterne Rechtsabteilungen und Anwaltskanzleien“ bezahlt bekommen. In breiter gefächerter Weise bietet die Business Talent Group „bedarfsorientiert nachgefragte wirtschaftliche Fachkräfte“ für ein breites Spektrum von Fachdienstleistungen an.

Die Schwellenmärkte bieten zugleich ein abschreckendes Beispiel für die Nachteile der On-Demand-Economy. Sie weisen einige der höchsten Grade von Ungleichheit in der Welt auf. Die 50 weltweit ungleichsten Volkswirtschaften befinden sich in Schwarzafrika und Lateinamerika, wobei Südafrika das Land mit der höchsten Einkommensungleichheit ist.

Informelle Märkte, mangelnder Zugriff auf Kredite und schlechte Bildungschancen in diesen Ländern halten noch immer die meisten Menschen in relativer Armut gefangen. „Gig-Economy-Plattformen“, die Kleinaufträge ohne Arbeitgeberleistungen oder Karrierepfad bieten, können das Einkommen aufstocken und einen Puffer für andere Beschäftigungsverhältnisse bieten, nicht aber die Sicherheit und Aufstiegschancen eines formellen Arbeitsplatzes. Tatsächlich wenden sich die meisten Arbeitnehmer in den Schwellenmärkten der Gig Economy nicht wegen des Wunsches nach Flexibilität zu, sondern schlicht, um finanziell über die Runden zu kommen.

Trotzdem stellen die informellen Märkte in den Entwicklungsländern ein enormes Feld für Experimente dar, um einen Flickenteppich von Jobs in einen stetigen Aufwärtspfad für Arbeitnehmer zu verwandeln. Bildungsangebote so zuzuschneiden, dass sie es Arbeitnehmern ermöglichen, bei Bedarf zeitnah die benötigten nachgefragten Fertigkeiten zu erwerben, und die Schaffung verifizierbarer Erwerbsbiografien durch Blockchains sind zwei Wege, um Arbeitnehmern in der Gig Economy zu helfen, auf effizientere Weise geeignete Jobs zu finden und einen stärkeren Nutzen aus dem Verkauf ihrer Arbeit zu ziehen.

Während die entwickelten Länder in Europa, Nordamerika und Asien rasch altern, haben die Schwellenvolkswirtschaften überwiegend jüngere Bevölkerungen. Bis 2040 wird jeder vierte Arbeitnehmer weltweit Afrikaner sein. Sie sind Produkte dynamischer informeller Märkte, und das sollte ihnen die Aufnahme in eine technikgestützte Gig Economy erleichtern. Junge Leute aus Nigeria, Indonesien und Vietnam werden die globalen Beschäftigungstrends in immer schnellerem Tempo mitgestalten. Wir können schon heute von ihnen lernen, uns auf morgen vorzubereiten.

Aus dem Englischen von Jan Doolan

http://prosyn.org/RUCrvFK/de;

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