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Die Politik der Negativzinsen

ATHEN – Objekte der Begierde haben ihren Preis. Nur schlechte Dinge wie etwa Giftmüll weisen einen negativen Preis auf, sind also mit einem Entgelt belegt, das an denjenigen zu entrichten ist, der sich bereit erklärt, sie verschwinden zu lassen. Heißt das nun, dass negative Zinssätze eine neue Perspektive auf Geld eröffnen – dass nämlich Geld „schlecht“ geworden ist?

In der Marktwirtschaft ist Geld das Maß für den Wert von Gütern und Dienstleistungen. Und der Zinssatz ist der Preis dieses Maßes – also des Geldes an sich. Liegt dieser Preis bei null, ist es gleichgültig, ob man das Geld unter der Matratze versteckt oder ausleiht, weil der Besitz oder das Ausborgen nicht mit Kosten verbunden sind.

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Wie allerdings ist es möglich, dass der Preis des Geldes – das ja schließlich die Welt regiert oder, wie Karl Marx es formulierte, „alle meine Unvermögen in ihr Gegenteil verwandelt”  bei null liegt? Und wie kann er sogar jemals einen negativen Wert aufweisen, wie es derzeit in großen Teilen der Weltwirtschaft der Fall ist, in der die Vermögenden dieses Planeten Regierungen „bestechen“, von ihnen über 5,5 Billionen Dollar zu borgen?

Die Antwort darauf kann nur von der Art sein, wie sie Ökonomen verabscheuen: nämlich philosophisch, politisch und damit nicht reduzierbar auf eine gefällige positivistische Erklärung. Mit anderen Worten: die Antwort muss das Wesen des Geldes an sich betreffen.

Auf einem Bauernmarkt senken Verkäufer, die auf ihren Kartoffeln sitzen bleiben, den Preis so lange, bis eine gewisse Grenze erreicht ist (die möglicherweise sehr tief liegt, aber noch Gewinn abwirft), an der alle Kartoffeln verkauft werden können. Seit der weltweiten Finanzkrise 2008 hingegen kommt es jedes Mal, wenn der Preis des Geldes gesenkt wird, zu weiter schwindender Nachfrage und einem Anstieg an überschüssigen Ersparnissen. Freilich handelt es sich bei Geld nicht um Kartoffel oder andere wohldefinierte „Dinge“.

Um zu verstehen, warum Geld zwar das höchste Gut unserer Gesellschaft, aber trotzdem mit einem negativen Preis behaftet sein kann, ist es hilfreich zunächst einmal zu sehen, dass Geld im Gegensatz zu Kartoffeln keinen eigenen intrinsischen Wert besitzt. Sein Nutzen leitet sich daraus ab, in welchem Maß sein Besitzer andere bewegen kann, etwas zu tun. Bei Geld, um Lenins Definition von Politik in Erinnerung zu rufen, geht es um „wer-wen?“.  

Stellen Sie sich vor, sie sind Unternehmer mit Geld auf der Bank oder Kunde einer Bank, die Ihnen gerne große Summen für Investitionen in Ihren Betrieb leihen würde. Sie verbringen schlaflose Nächte, in denen Sie sich fragen, ob Sie in ein neues Produkt investieren sollen – ob Sie also Ihren Zugang zu Geld nutzen sollen, um andere zu bewegen, in Ihrem Auftrag zu arbeiten. In der derzeitigen Phase der Großen Deflation bereiten Ihnen die zukünftige Kaufkraft und die Stimmung Ihrer Kunden die größten Sorgen. Werden diese willens und in der Lage sein, Ihr neues Produkt in ausreichend hohen Mengen und zu ebensolchen Preisen zu kaufen?

Nehmen wir nun an, dass Sie unausgeschlafen Radio oder Fernseher einschalten und dort zu hören bekommen, dass die Vorsitzende der US-Notenbank Federal Reserve, Janet Jellen, und der Präsident der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi, über eine weitere Zinssenkung nachdenken. Würden Sie sich über die Aussicht freuen, dass Ihre Finanzierungskosten sinken? Wären Sie motiviert, Ihr Geld nun zu investieren, da es niedrigere (oder möglicherweise sogar negative) Zinsen einbringt?

Nein, nein und nochmals nein. Vielmehr würden Sie wohl höchst alarmiert reagieren: „Du liebe Zeit! Wenn Frau Jellen und Herr Draghi über weitere Zinssenkungen nachdenken, haben sie wohl allen Grund zur Annahme, dass die Nachfrage niedrig bleibt!“ Sie verwerfen also Ihren Investitionsplan. „Besser ich nehme einen Kredit zu fast keinen Kosten auf“, denken Sie sich, „und kaufe ein paar meiner Unternehmensaktien zurück, um deren Kurs nach oben zu treiben. So verdiene ich mehr an der Börse und lege die Gewinne für kommende schlechtere Zeiten zurück.“

Und so kommt es, dass der Preis des Geldes auch fällt, wenn das Angebot wächst. Zentralbanker, die die Große Deflation zu keiner Zeit vorhersahen, versuchen nun hektisch mit jenen ökonomischen und ökonometrischen Modellen einen Ausweg zu finden, die diese Situation niemals erklären, geschweige denn eine Lösung dafür bieten konnten. Sie sind nicht bereit, das politische Dogma zu hinterfragen, wonach Zentralbanken apolitisch zu sein hätten, und weigern sich, Geld als mehr als nur ein „Ding“ zu betrachten. Und so setzen sie ihre Suche nach einer technokratischen Lösung für ein Problem fort, das geradezu nach einer philosophisch scharfsinnigen politischen Lösung schreit.

Diese Suche ist vergeblich. Als der Preis des Geldes (der Zinssatz) auf null fiel, versuchten die Zentralbanken Berge an öffentlichen und privaten Anleihen von Geschäftsbanken zu kaufen, um diesen einen Anreiz zur Kreditvergabe zu vermitteln. Die EZB ging sogar so weit, die Banken für Kreditvergaben zu bezahlen, während sie sie gleichzeitig für mangelnde Kreditvergabe bestrafte (über Negativzinssätze für überschüssige Reserven).

Banker und Firmen betrachteten diese Maßnahmen allerdings als verzweifelte Reaktionen auf selbsterfüllende deflationäre Erwartungen und traten in den Investitionsstreik, während sie das Zentralbankgeld nutzten, um die Kurse ihrer eigenen Vermögenswerte (Aktien, Kunst, Immobilien und so weiter) in die Höhe treiben. Bei der Bekämpfung der Großen Deflation half das nichts; nur die Reichen sind noch reicher geworden und das bestärkte die Zentralbanker irgendwie in ihrem Glauben an die Unabhängigkeit der Zentralbanken.

Zum Glück sind nicht alle Zentralbanker unfähig, kreativ auf die Große Deflation zu reagieren. Andy Haldane, Chefökonom der Bank of England, regte mutig an, dass alles Geld digital werden sollte, wodurch man in der Lage wäre, uns allen in Echtzeit Negativzinsen aufzubürden. Dadurch wären wir alle gezwungen, das Geld auszugeben. John Williams, Präsident und Vorstandsvorsitzender der Federal Reserve Bank of San Francisco, argumentierte jüngst, dass man die Große Deflation nur bekämpfen könne, wenn man das Preisniveau und das nominale Nationaleinkommen gleichzeitig ins Visier nimmt – also eine Art New-Deal-Ansatz mit gemeinsamen Maßnahmen der Fed und der Regierung.  

Was diese beiden vom Gros der anderen Zentralbanker unterscheidet, ist ihre Bereitschaft, mit dem Mythos einer unabhängigen Geldpolitik aufzuräumen; zu akzeptieren, dass es sich bei Geld um das politischste aller Güter handelt, die Unantastbarkeit des Bargeldes infrage zu stellen und einzuräumen, dass die Bekämpfung der Großen Deflation eine progressive politische Agenda erfordert.

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Simone Weil sagte einst: „Wenn du wissen willst, wie ein Mensch wirklich ist, achte auf sein Verhalten, wenn er Geld verliert.” Und wenn wir wissen wollen, wie unsere Gesellschaften wirklich sind, müssen wir darauf achten, wie sie auf negative Zinssätze reagieren.

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier