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Moderne geldpolitische Katastrophen

LOS ANGELES – Die moderne Geldtheorie (MMT), ein scheinbar neuer wirtschaftpolitischer Ansatz, hat sich zu einem hochbrisanten Thema entwickelt und genießt inzwischen die Unterstützung führender Progressiver in den USA, darunter die des Präsidentschaftskandidaten Bernie Sanders und der Demokratischen Kongressabgeordneten Alexandria Ocasio-Cortez. Doch sollten sich die MMT-Fans die in Lateinamerika gelernten Lehren vergegenwärtigen, wo auf ähnlichen Ideen beruhende Politiken unweigerlich in Wirtschaftskatastrophen mündeten.

Laut den MMT-Anhängern sollte die US Federal Reserve große Mengen an Geld drucken, um enorme Infrastrukturprodukte sowie ein „Arbeitsplatzgarantie-Programm“ zu finanzieren, das darauf abzielt, Vollbeschäftigung zu gewährleisten. Eine deutliche Erhöhung der Schulden des öffentlichen Sektors, so die MMT-Anhänger, stelle für ein Land, das wie die USA Kredite in eigener Währung aufnehmen könne, keine Gefahr dar.

Diese unkonventionelle Sichtweise wird von Keynesianern und Monetaristen gleichermaßen kritisiert. Viele renommierte Wirtschaftswissenschaftler, darunter Paul Krugman, Kenneth Rogoff und Larry Summers, sagen, dass die MMT wenig Sinn ergibt.

Die MMT-Unterstützer argumentieren im Gegenzug, dass die Kritiker der Theorie nicht richtig begriffen hätten, wie eine moderne Geldwirtschaft funktioniert. Laut einflussreichen MMT-Befürwortern wie Stephanie Kelton sind Regierungen von Ländern mit eigener nationaler Währung wie den USA keinen festen Haushaltsbeschränkungen ausgesetzt, weil sie schlicht das Geld drucken können, um höhere Ausgaben zu finanzieren.

Die MMT sachlich zu bewerten ist aus zwei Gründen schwierig. Zunächst einmal haben ihre Befürworter bisher keine einheitliche, detaillierte Beschreibung geliefert, wie das Modell funktionieren soll. Wie Krugman kürzlich schrieb: MMT-Unterstützer „neigen zur Unklarheit darüber, wo genau sie Differenzen mit konventionellen Sichtweisen haben, und haben zudem die ausgeprägte Angewohnheit, jeden Versuch, aus dem, was sie sagen, schlau zu werden, einfach vom Tisch zu wischen.“ Darüber hinaus haben die MMT-Unterstützer bisher kaum Andeutungen gemacht, wie diese Politik, insbesondere mittel- und langfristig, in der Praxis funktionieren soll.

Doch ist der Ansatz nicht ohne Beispiel. Die MMT, oder eine Version davon, wurde bereits in mehreren lateinamerikanischen Ländern ausprobiert, darunter in Chile, Argentinien, Brasilien, Ecuador, Nicaragua, Peru und Venezuela. Alle hatten zu dem betreffenden Zeitpunkt ihre eigene Währung. Darüber hinaus stützten sich diese – fast in jedem Fall populistischen – Regierungen auf ähnliche Argumente wie die, die von den heutigen MMT-Unterstützern zur Rechtfertigung enormer von der Notenbank finanzierter Steigerungen der öffentlichen Ausgaben vorgebracht werden. Und alle diese Experimente führten zu galoppierender Inflation, enormen Währungsabwertungen und einem jähen Rückgang der Reallöhne.

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Insbesondere vier Episoden sind lehrreich: Chile unter dem sozialistischen Regime von Präsident Salvador Allende von 1970 bis 1973, Peru während der ersten Amtszeit von Präsident Alan García (1985-1990), Argentinien unter den Präsidenten Néstor Kirchner und Cristina Fernández de Kirchner von 2003 bis 2015 und Venezuela seit 1999 unter den Präsidenten Hugo Chávez und Nicolás Maduro.

In allen vier Fällen entwickelte sich ein ähnliches Verlaufsmuster. Nachdem der Staat Geld zur Finanzierung sehr hoher Haushaltsdefizite geschöpft hatte, folgte zunächst ein Wirtschaftsboom. Die Löhne stiegen (gestützt durch eine deutliche Anhebung der Mindestlöhne), und die Arbeitslosigkeit ging zurück. Bald jedoch kam es zu Versorgungsengpässen, und die Preise schossen in die Höhe; in einigen Fällen gab es hyperinflationäre Preissteigerungen. Die Inflation erreichte 1973 in Chile 500%, 1990 in Peru 7000%,  und dürfte in Venezuela in diesem Jahr fast zehn Millionen Prozent erreichen. In Argentinien war sie niedriger, aber trotzdem sehr hoch, und lag 2015 bei durchschnittlich 40%.

Die Behörden reagierten mit der Verhängung von Preis- und Lohnkontrollen und strikten protektionistischen Maßnahmen. Diese jedoch blieben wirkungslos, und Produktion und Beschäftigung brachen dann irgendwann zusammen. Schlimmer noch: In drei von diesen vier Ländern fielen die inflationsbereinigten Löhne während dieses MMT-artigen Experiments drastisch. In den fraglichen Zeiträumen fielen die Reallöhne in Chile um 39%, in Peru um 41% und in Venezuela um mehr als 50%; Leittragende waren die Armen und die Mittelschicht.

In jedem Fall wurde die Notenbank von Politikern kontrolliert, und die Ergebnisse waren vorhersehbar. In Chile stieg die Geldmenge allein 1973 um 360%, was zur Finanzierung eines Haushaltsdefizits beitrug, das erstaunlichen 24% vom BIP entsprach. In Peru betrug das Geldmengenwachstum 1989 7000%, und das Haushaltsdefizit überstieg 10% vom BIP. In Argentinien lag das Defizit 2015 bei 6% vom BIP, und die jährliche Geldschöpfung überstieg 40%. Und Venezuela hat derzeit ein Defizit von 32% vom BIP, und die Geldmenge wächst Schätzungen zufolge um jährlich mehr als 1000%.

Mit dem Anstieg der Inflation in diesen Ländern verringerten die Menschen ihre Bestände an nationaler Währung stark. Doch weil die Regierung verlangte, dass die Steuern in der lokalen Währung zu bezahlen waren, verschwand diese nicht vollständig. Stattdessen erhöhte sich das Tempo, mit dem das Geld den Besitzer wechselte – Ökonomen bezeichnen dies als „Umlaufgeschwindigkeit“ –, drastisch. Niemand wollte Papiergeld halten, das jeden Monat 20% oder mehr an Wert verlor.

Wenn die Nachfrage nach Geld einbricht, verstärkt dies die Auswirkungen des Geldmengenwachstums auf die Inflation, und es kommt zu einem Teufelskreis. Eine schwerwiegende Folge ist, dass die Währung an den internationalen Märkten rapide abwertet. Bequemerweise ignorieren die MMT-Unterstützer diese simple Tatsache, dass die Nachfrage nach lokaler Währung stark abnimmt, wenn deren Wert steil fällt. Doch ist dies vielleicht eine der größten Schwächen der Theorie, und sie macht deren Umsetzung für jedes Land äußerst riskant.

Die Erfahrung Lateinamerikas sollte den MMT-Fans von heute als klare Warnung dienen. Über die Notenpresse finanzierte fiskalische Expansionen haben in einer Vielzahl von Ländern und zu sehr unterschiedlichen Zeiten zu einem unkontrollierbaren Verlust an wirtschaftlicher Stabilität geführt. Wirtschaftspolitische Ideen sind in der Praxis häufig genauso gefährlich wie in der Theorie fehlerbehaftet. Die MMT könnte ein Musterbeispiel hierfür sein.

Aus dem Englischen von Jan Doolan

https://prosyn.org/abhrrN8/de;

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