0

Unwissenheit heute

NEW YORK – Unwissenheit ist die Wurzel alles Bösen. Diese Aussage stammt von Plato, der uns auch eine berühmte immer noch aktuelle Definition ihres Gegenteils gab: nämlich Wissen. Plato zufolge ist Wissen “begründbarer wahrer Glaube”. Für unsere Betrachtung der Gefahren der Unwissenheit im 21. Jahrhundert ist diese Definition ein wichtiger Anhaltspunkt.

Plato meinte, dass dafür, dass wir etwas “wissen” können, drei Bedingungen erfüllt sein müssen: Die fragliche Annahme muss tatsächlich wahr sein; wir müssen sie glauben (denn wenn wir nicht glauben, dass etwas wahr ist, können wir kaum behaupten, dass wir es wissen); und, als subtilste Bedingung, sie muss begründbar sein – wir müssen Gründe dafür haben, warum wir die Annahme für wahr halten.

Erdogan

Whither Turkey?

Sinan Ülgen engages the views of Carl Bildt, Dani Rodrik, Marietje Schaake, and others on the future of one of the world’s most strategically important countries in the aftermath of July’s failed coup.

Betrachten wir etwas, was wir alle zu wissen glauben: Die Erde ist (annähernd) rund. Dies ist so wahr, wie es astronomisch betrachtet nur sein kann, insbesondere deshalb, weil wir über künstliche Satelliten in der Umlaufbahn gesehen haben, dass unser Planet tatsächlich eine runde Form hat. Die meisten von uns (mit Ausnahme von ein paar Verrückten) glauben auch, dass dies der Fall ist.

Wie steht es um die Begründbarkeit dieses Glaubens? Wenn jemand Sie fragen würde, warum Sie glauben, dass die Erde rund ist: Wie würden Sie antworten?

Es wäre naheliegend, auf die bereits erwähnten Satellitenbilder zu verweisen, aber daraufhin könnte unser skeptischer Gesprächspartner berechtigterweise fragen, ob wir denn wissen, wie diese Aufnahmen gemacht wurden. Falls Sie kein Experte für Raumfahrttechnik und Bildbearbeitungssoftware sind, könnten Sie an diesem Punkt in Schwierigkeiten geraten.

Natürlich könnten Sie traditionellere Gründe für den Glauben an eine runde Erde anführen, wie z.B. die Tatsache, dass unser Planet während einer Mondfinsternis einen rund aussehenden Schatten auf den Mond projiziert. Natürlich müssten Sie dazu auf eine Nachfrage hin erklären können, was eine Mondfinsternis ist und woher Sie das wissen. Sie sehen, wohin dies leicht führen kann: Wenn wir weit genug denken, wissen die meisten von uns im platonischen Sinne überhaupt nicht viel von irgend etwas. Anders ausgedrückt, sind wir viel unwissender, als wir glauben.

Sokrates, Platos Lehrer, reizte die Athener Obrigkeit mit seiner berühmten Behauptung, dass er weiser sei als das für sehr weise gehaltene Orakel von Delphi, da er, im Unterschied zu den meisten Menschen (einschließlich der Athener Obrigkeit) wisse, dass er nichts wisse. Ob Sokrates’ Bescheidenheit nun echt war oder ein versteckter Witz auf Kosten der Machthaber (die dann genug von seiner Respektlosigkeit bekamen und ihn hinrichteten) – der Punkt ist, dass Weisheit dann beginnt, wenn wir erkennen, wie wenig wir tatsächlich wissen.

Dies führt mich zum Paradox der Unwissenheit in unserer Zeit: Einerseits werden wir ständig mit Meinungen von Experten aller Art – mit oder ohne Doktortitel – bombardiert, die uns genau sagen, was wir zu denken haben (aber selten, warum wir es denken sollten). Andererseits sind die meisten von uns kläglich wenig in der Lage, die ehrenhafte und unerlässliche Kunst der Quatscherkennung (oder, höflicher ausgedrückt, kritischen Denkens) zu praktizieren, die in unserer modernen Gesellschaft so wichtig ist.

Schauen wir das Paradox auf eine andere Weise an: Wir leben in einer Zeit, in der Wissen – im Sinne von Informationen – ständig über Computer, Smartphones, Tablet-PCs und Buchlesegeräte in Echtzeit verfügbar ist. Aber wir haben immer noch nicht die grundlegende Fähigkeit, über solche Informationen kritisch nachzudenken und die Goldkörner in dem ganzen Dreck zu finden. Wir sind unwissende Massen, die von Informationen überflutet werden.

Es kann natürlich sein, dass es der Menschheit schon immer an kritischem Denken gemangelt hat. Aus diesem Grund lassen wir uns immer wieder dazu überreden, ungerechte Kriege zu unterstützen (ganz zu schweigen davon, in diesen tatsächlich zu sterben), oder Leute zu wählen, deren Haupttätigkeit darin besteht, so viel Geld für die Reichen anzuhäufen, wie es überhaupt geht. Deshalb lassen sich auch so viele Menschen von homöopathischen “Ärzten” teure Zuckerpillen verkaufen und von Prominenten (anstatt von echten Ärzten) sagen, ob sie ihre Kinder impfen sollen oder nicht.

Aber die Notwendigkeit kritischen Denkens war noch nie zuvor so groß wie im Zeitalter des Internets. Zumindest in den entwickelten Ländern – aber auch zunehmend in Entwicklungsländern – besteht das Problem nicht mehr darin, Zugang zu Informationen zu bekommen, sondern in der mangelnden Fähigkeit dazu, diese Informationen zu verarbeiten und Sinn daraus zu ziehen.

Support Project Syndicate’s mission

Project Syndicate needs your help to provide readers everywhere equal access to the ideas and debates shaping their lives.

Learn more

Unglücklicherweise bieten weder Grundschulen, noch Gymnasien oder Universitäten Einführungskurse in kritisches Denken an. Die Schulbildung hat sich mehr und mehr zu einer Handelsware entwickelt, wo die “Kunden” (früher Schüler und Studenten) durch personalisierte Lehrpläne zufriedengestellt und auf den Arbeitsmarkt vorbereitet werden (statt zu verantwortlichen menschlichen Wesen und Bürgern erzogen zu werden).

Dies kann und muss sich ändern. Dazu brauchen wir eine Basisbewegung, die über Blogs, Online-Magazine und -Zeitungen sowie Vereine und andere passende Medien die erzieherischen Möglichkeiten nutzt, um die Fähigkeit zum kritischen Denken zu entwickeln. Immerhin wissen wir, dass es dabei um unsere Zukunft geht.