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Der Kampf gegen die säkulare Stagnation

MAILAND – Große Teile der Welt, insbesondere der Industriestaaten, litten in den letzten Jahren unter einem Muster langsamen und abnehmenden BIP-Wachstums, was viele zu der Frage veranlasst hat, ob dies zu einem mehr oder weniger dauerhaften Zustand geworden ist – einer so genannten „säkularen Stagnation“.. Die Antwort lautet wahrscheinlich ja, aber die Frage ist nicht genau genug und daher nur von begrenztem Wert. Immerhin gibt es unterschiedliche Kräfte, die das Wachstum bremsen, und nicht alle von ihnen liegen jenseits unserer Kontrolle.

Sicherlich gibt es viele Argumente dafür, dass viele der wachstumszerstörenden Hindernisse, vor denen wir momentan stehen, kurzfristig nur sehr schwierig oder gar unmöglich zu überwinden sind, ohne das Wachstum und die Stabilität der Zukunft zu gefährden. Das Ergebnis dieser langlebigen Bedingungen kann „säkulare Stagnation Eins (SS1)“ genannt werden.

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Das erste Anzeichen dafür, dass wir momentan eine SS1 erleben, hängt mit der Technologie zusammen. Sind wir, wie der Ökonom Robert Gordon argumentiert, einer Verlangsamung der produktivitätsfördernden technologischen Innovationskraft ausgesetzt, wird dadurch das langfristige potenzielle Wachstum eingeschränkt. Aber sogar dann, wenn die Innovationen sich gar nicht so schlecht entwickelt haben oder bald wieder Fahrt aufnehmen, brauchen die strukturellen Anpassungen und Verhaltensänderungen, die zur Nutzung der damit verbundenen Produktivitätsgewinne erforderlich sind, ihre Zeit.

Eine zweite Bedingung, die die These einer vorhandenen SS1 unterstützt, wurzelt im Einfluss, den die gestiegene Unsicherheit auf Investitionen und Konsum hat – Unsicherheit über zukünftiges Wachstum, Sicherheit der Arbeitsplätze, Politik, Regulierung und die vielen Entwicklungen, die diese Faktoren beeinflussen können. Die Menschen wissen einfach nicht, ob ihre Regierungen beim Kampf gegen Deflationsdruck, steigende Ungleichheit sowie soziale und politische Fragmentierung Erfolg haben wird und das Wirtschaftswachstum sowie die Beschäftigung wiederherstellen kann.

Da die zukünftige Nachfrage kaum garantiert werden kann, sind in vielen Ländern, darunter jetzt auch China, die privaten Investitionen zurückgegangen. Das gleiche gilt für den Konsum der Haushalte, insbesondere in den Industriestaaten, wo ein größerer Anteil des Konsums optional ist (beispielsweise in Form von Ausgaben für die Wiederbeschaffung langlebiger Konsumgüter, für Reisen oder für Mahlzeiten in Restaurants). Angesichts dessen, wie lang beispielsweise die US-Regierung dafür gebraucht hat, sich von der Großen Depression zu erholen – nämlich bis zum Zweiten Weltkrieg, als die Regierung den größten Teil der wirtschaftlichen Nachfrageseite übernahm – scheint eine Umkehr dieser Trends nicht sehr bald zu erwarten zu sein.

Das dritte Anzeichen dafür, dass wir in einer SS1 stecken, sind die Schulden. Sowohl Haushalte als auch Konzerne, Finanzinstitute und Regierungen sind bilanziellen Einschränkungen unterworfen, die vermutlich ihre Ausgaben- und Investitionsbereitschaft bremsen, ihre Ersparnisse erhöhen und zu einem allgemeinen deflationären Umfeld beitragen.

Die Bemühungen um einen Schuldenabbau und die Reparatur der Bilanzen – wie die Erfassung von Verlusten, die Abschreibung von Anlagegütern oder die Rekapitalisierung von Banken – sind zwar langfristig wirksam, verursachen aber kurzfristige Kosten. In der Tat benötigt die Reparatur der Bilanzen Zeit, insbesondere im Haushaltssektor, und hat unvermeidlich eine bremsende Wirkung auf das Wachstum.

Das Gesamtbild ist ziemlich deprimierend. Aber es ist noch nicht der Weisheit letzter Schluss, wie eine andere, präzisere Frage enthüllt: Gibt es Maßnahmen, die im Laufe der Zeit das Niveau und die Qualität des Wachstums verbessern können? Auch hier scheint die Antwort ja zu lauten, woraus man schließen kann, dass auch noch eine andere Art säkularer Stagnation vorhanden ist – nennen wir sie „säkulare Stagnation Zwei (SS2)“.. Diese entsteht durch unsere Weigerung oder Unfähigkeit, den richtigen Maßnahmenmix durchzusetzen.

Ein Schlüsselelement dieser Maßnahmen wäre es, sich auf die Bewältigung der steigenden Ungleichheit zu konzentrieren. Wenn es auch schwierig ist, die Kräfte hinter diesem Trend – insbesondere die Globalisierung und die Fortschritte bei der Digitaltechnologie – vollständig zu neutralisieren, können ihre Auswirkungen doch durch Umverteilung über die Steuer- und Sozialversicherungssysteme abgemildert werden. Im Zuge langfristiger Strukturreformen der Volkswirtschaften brauchen Individuen und Familien die nötigen Ressourcen, um in neue Fähigkeiten investieren zu können.

Darüber hinaus muss die Geldpolitik überdacht werden, die seit der Wirtschaftskrise von 2008 einen Großteil der Erholungslast getragen hat. Tatsache ist, dass die Gesamtnachfrage in den Jahren extrem niedriger Zinsen und massiver quantitativer Lockerung nicht genug gestiegen ist, ganz zu schweigen von einer Eindämmung der deflationären Kräfte.

Aber eine unilaterale Erhöhung der Zinsen birgt ernsthafte Risiken, da höhere Zinsen in einer Umgebung gebremster Nachfrage den Zufluss von Kapital anziehen und damit den Wechselkurs anheizen und das Wachstum im Handelsbereich der Wirtschaft untergraben. Angesichts dessen müssen die Politiker der Industriestaaten eine gewisse Kontrolle ihrer Kapitalverkehrsbilanzen in Betracht ziehen (wie es auch einige erfolgreiche Schwellenländer tun) – eine Maßnahme, die zur Erleichterung unabhängigerer und besser angepasster Ansätze zum Ausstieg aus der finanziellen Repression beitragen könnte.

Eine dritte Priorität sollte darin liegen, die haushaltspolitischen Antworten zu stärken, insbesondere in Bezug auf die Investitionen der öffentlichen Sektors. Vor allem Europa zahlt für die mangelhafte Nutzung seiner fiskalen Fähigkeiten einen hohen Preis – eine Entscheidung, zu der auch beigetragen hat, dass Schulden und Haushaltstransfers politisch nicht beliebt sind. Unter den richtigen Bedingungen könnten auch die Bilanzen der Pensions- und Staatsfonds zur Finanzierung von Investitionen angezapft werden.

Es gibt viele weitere Bereiche, in denen die Länder über Reformen nachdenken könnten. Dazu gehören die Steuerpolitik, die ineffiziente oder unangemessene Verwendung öffentlicher Mittel, Hindernisse gegen Strukturwandel in den Produkt- und Faktorenmärkten sowie Missverhältnisse zwischen der Reichweite globaler Finanzinstitute und der Fähigkeit, bei finanzieller Not mithilfe staatlicher Bilanzen intervenieren zu können.

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Die Behebung der SS2 wird durch die SS1 stark erschwert. In der Tat scheint es so, dass noch nicht einmal robuste staatliche und internationale Maßnahmen ausreichen, um die Gefahr einer längere Zeit anhaltenden Nachfrage- und Wachstumsbremse auszuschalten. Aber dies ist kein Grund zum Zögern in den Bereichen, in denen die Politik einen Unterschied machen kann. Ebenso wie unsere politischen Entscheidungen der Vergangenheit zum Entstehen unserer heutigen SS1 beigetragen haben, könnten mangelnde Bemühungen zur Einführung von Maßnahmen gegen SS2 dazu führen, dass in Zukunft eine noch viel verfahrenere und potenziell instabilere Lage entsteht.

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff