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Die Kunst, den deutschen Leistungsbilanzüberschuss zu verstehen

BERLIN – Wenngleich der deutsche Leistungsbilanzüberschuss nicht auf der offiziellen Agenda des G20-Gipfels in Hamburg steht, wird das Thema gewiss für Spannungen zwischen den dort versammelten Staats- und Regierungschefs sorgen. Nachdem dieser schon seit langem ein Stein des Anstoßes für viele Handelspartner Deutschlands gewesen war, erreichte er im Jahr 2016 mit 8,3 % des nominalen BIP einen neuen Höchstwert; der Überschuss gegenüber den USA machte dabei den größten Teil aus.

Sicherlich könnte die deutsche Volkswirtschaft selbst Vorzüge aus wirtschaftspolitischen Maßnahmen ziehen, die im Nebeneffekt zu einer Verringerung dieses Überschusses führten. Jedoch sind solche Änderungen nur dann sinnvoll, wenn sie von nüchternen Überlegungen geleitet werden – und von Politikern diskutiert werden, die die wechselseitigen Vorteile des internationalen Handels verstehen, die ökonomischen Anpassungsprozessen genügend Zeit gewähren und die nicht der Illusion erliegen, Volkwirtschaften ließen sich lenken wie große Firmen.

Internationaler Handel ist kein Nullsummenspiel. Ein Leistungsbilanzdefizit per se ist kein eindeutiger Indikator eines „schlechten Deals“ und Überschuss nicht zwangsläufig ein Grund zum Feiern. Vielmehr sind beide, Defizit und Überschuss, Ergebnis einer Vielzahl von Entscheidungen, von denen alle Beteiligten für sich Vorteile erwarten.

Dennoch werden weder die US-amerikanische Regierung noch – wenngleich deutlich weniger kämpferisch – die Europäische Kommission müde, zu betonen, dass sie im hohen deutschen Überschuss Anzeichen für ein makroökonomisches Ungleichgewicht sehen. Dieses, so heißt es, sei auf eine zu geringe gesamtwirtschaftliche Nachfrage relativ zum Angebot zurückzuführen. US-Präsident Donald Trump beschwerte sich sogar ausdrücklich über die „schlechten Deutschen“, die Millionen von Autos in die USA verkauften – und entblößte auf diese Weise sein schieres Unverständnis grundlegender ökonomischer Konzepte, auf denen die Berechnung von Leistungsbilanzsalden ruht.

Im Falle eines makroökonomischen Ungleichgewichtes müsste, bei gegebenem Preisniveau, die aggregierte Nachfrage signifikant vom Angebot abweichen. Dies würde sich dann entweder in stark unterausgelasteten Produktionskapazitäten ausdrücken oder in stark fallenden Preisen sowie Preiserwartungen. Nichts davon trifft derzeit auf die deutsche Volkswirtschaft zu.

Ganz im Gegenteil: Die Produktionskapazitäten befinden sich in einer Überauslastung. Der Beschäftigungsstand ist hoch, die Arbeitslosigkeit sinkt. Zudem steigen die Preise und die Kerninflationsraten sind seit Jahren positiv. In diesem Umfeld wären wirtschaftspolitische Eingriffe, die auf eine zusätzliche Stimulierung der Nachfrage abzielen, sinnlos – genau darauf würde das Trump’sche Narrativ aber hinauslaufen.

Dieses grob vereinfachende Narrativ der westlichen Partner Deutschlands beinhaltet weitere Probleme: Ein Leistungsbilanzüberschuss wird in der internationalen Debatte oft als Zeichen einer unterbewerteten Währung, von Handelsbeschränkungen oder von Preisdumping bei Exportgütern gesehen. Die deutsche Volkswirtschaft zeichnet sich aber im internationalen Vergleich durch niedrige Handelsbeschränkungen aus, die Lohnsetzung findet weitgehend unabhängig von der Politik statt und die Geldpolitik wird von der Europäischen Zentralbank bestimmt, nicht von der deutschen Regierung.

Zum großen Teil sind zeitlich begrenzt wirkende Faktoren für den hohen deutschen Leistungsbilanzüberschuss verantwortlich. Vor allem führt die expansive Geldpolitik der EZB – wenngleich unverzichtbar zur Lösung der Eurokrise – zur Abwertung der Gemeinschaftswährung. Die damit einhergehende Verbesserung der preislichen Wettbewerbsfähigkeit seit Jahresmitte 2014 kann gut einen Prozentpunkt des Leistungsbilanzüberschusses erklären. Neben diesem Effekt kann der dramatische Ölpreisverfall zwischen 2014 und 2016 etwa zwei Prozentpunkte des Außenhandelssaldos erklären, während demographische Veränderungen zwei weitere Prozentpunkte beisteuern.

Die Betrachtung der Finanzierungssalden der deutschen Wirtschaftssektoren liefert einen weiteren Erklärungsansatz für den Überschuss. Der Unternehmenssektor verzeichnet eine steigende Eigenkapitalquote. Gründe hierfür liegen vor allem in steuerlichen Aspekten und in der Schaffung eines Risikopuffers als Reaktion auf die globale Finanzkrise 2008 und die Krise im Euroraum, die zwei Jahre später ausbrach. Es überrascht kaum, dass diese steigenden Unternehmensersparnisse mit einer hohen Investitionstätigkeit im Ausland einhergehen.

Deutschlands öffentliche Haushalte haben ihre Finanzierungssalden verbessert; bei den privaten Haushalten ist ein starker Konsolidierungsprozess als Reaktion auf die hohe Verschuldung infolge des Immobilienbooms in den 1990er-Jahren zu beobachten. Die meisten dieser Faktoren – und ihr Beitrag zum deutschen Überschuss – werden im Zeitverlauf aller Voraussicht nach verschwinden.

Nationale Volkswirtschaften können nicht wie große Unternehmen geführt werden. Diese ökonomische Wahrheit muss auch Präsident Trump anerkennen. Der hohe Abstraktionsgrad der aggregierten makroökonomischen Analyse verstellt den Blick darauf, dass eine Vielzahl von Akteuren mit ihren freiwilligen Entscheidungen und Handlungen für die Ausprägung der makroökonomischen Ergebnisgrößen verantwortlich ist. Politische Entscheidungsträger können diese Ergebnisgrößen nicht nach Belieben beeinflussen. Sie können lediglich das Umfeld formen, in dem diese Akteure handeln und dabei versuchen, das makroökonomische Gesamtergebnis zu beeinflussen und zugleich unerwünschte Nebenwirkungen zu vermeiden.

Letzten Endes sollte ein Leistungsbilanzüberschuss als Symptom der zugrunde liegenden Entwicklungen verstanden werden und nicht als wirtschaftspolitische Zielgröße. Statt den Leistungsbilanzsaldo um seiner selbst willen zu vermindern, sollte die Wirtschaftspolitik die Fragen stellen, warum deutsche Unternehmen so stark im Ausland investieren oder wie sich private Investitionen in Deutschland beleben lassen.

Zu den dazu geeigneten Maßnahmen könnte beispielsweise ein Umschwenken auf eine Energiewende gehören, welche die bisherige Verschwendung volkswirtschaftlicher Ressourcen begrenzt. Ähnliche Wirkungen kann eine effizienzsteigernde Reform der Unternehmensteuern erzielen, die Finanzierungsneutralität herstellte, oder eine Deregulierung des Dienstleistungssektors. Höhere öffentliche Investitionen könnten zudem eine positive Rolle spielen, doch sollten sie vornehmlich zu Lasten des öffentlichen Konsums gehen. Solche Maßnahmen steigern das Potenzialwachstum und bauen gleichzeitig den Leistungsbilanzüberschuss ab. Diesen Deal könnte dann wohl selbst Präsident Trump nicht ausschlagen.