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Zerfällt Europa?

MADRID – Nach Jahren sich verstärkender Zersplitterung und Spannung könnte die Europäische Union nun davorstehen, ihre wertvollsten Aktiva zu verlieren: Frieden, Wohlstand, Freizügigkeit und Werte wie Toleranz, Offenheit und Einheit. Werden sich die Europäer rechtzeitig zusammenraffen, um sie zu retten?

Die Gefahr, vor der die EU steht, zeigte sich im vergangenen Juni auf krasse Weise beim Brexit-Votum des Vereinigten Königreichs. Donald Trumps Wahl zum US-Präsidenten hat die Lage noch deutlich verschlimmert. Die USA, Europas engster und mächtigster Verbündeter, ein unverzichtbarer Sicherheitspartner und Träger gemeinsamer Werte, steuern nun in eine völlig andere Richtung und drohen, ein erschüttertes und gespaltenes Europa in einer harschen Welt allein zu lassen, die begierig ist, es auseinanderzureißen.

Dies mag nach Übertreibung klingen. Viele Angehörige der politischen Klasse in den USA sind zumindest öffentlich weiterhin überzeugt, dass die US-Außenpolitik unter Trump durch die besonneneren Schwergewichte in seinem Kabinett, wie Verteidigungsminister James Mattis und Außenminister Rex Tillerson, im Zaum gehalten werden dürfte. „Keine Angst“, sagen sie, „so ganz schlimm wird es nicht kommen.“

Doch nach meiner Erfahrung zählt vor allem die Person, die das Ohr des Präsidenten hat. Und bisher deutet alles darauf hin, dass Trumps innerer Kreis die politischen Entscheidungen bestimmt. Tatsächlich bringen die Ankündigungen und Präsidentenerlasse der ersten Amtswochen Trumps jene unverkennbare ideologische Perspektive zum Ausdruck, die der Chefstratege des Weißen Hauses Steve Bannon seit langem vertritt. Bannon ist ein radikaler Nationalist, Anhänger des faschistischen italienischen Philosophen Julius Evola und langjähriger Unterstützer der rassistischen Alt-Right-Bewegung.