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Die wirtschaftlichen Folgen des Coronavirus

TOKIO – Seit im vergangenen Dezember in der chinesischen Stadt Wuhan ein neuartiges  Coronavirus gemeldet wurde, ist die Zahl der weltweit infizierten Menschen auf über 44.000 angestiegen und die Zahl der Todesopfer liegt mittlerweile bei über 1.100. Das Virus breitet sich in ganz Asien aus - unter anderem in Japan, Südkorea, Singapur, Thailand, Vietnam und Malaysia - sowie auch in Ländern Europas und Nordamerikas, obwohl bisher nur ein Todesfall außerhalb Chinas bekannt wurde.

Es bleibt abzuwarten, wie tödlich dieses neue Virus letztendlich sein wird. Derzeit ist es sicher weniger schwerwiegend als die SARS-Epidemie (schweres akutes Atemwegssyndrom) der Jahre 2002-2003, die durch ein anderes Coronavirus verursacht wurde. Durch den neuen Erreger kamen zwar mehr Menschen um, aber SARS verlief tödlicher. Von den damals bekannten 8.096 Infizierten erlagen beinahe 10 Prozent der Krankheit .

Dennoch kündigte die chinesische Regierung unter Präsident Xi Jinping am 23. Januar die Abriegelung der Stadt Wuhan an, wo 11 Millionen Menschen leben. Seitdem ist die Zahl der unter Quarantäne gestellten chinesischen Städte auf 16 gestiegen und weitere könnten folgen.

Die Quarantänen und andere obligatorische Maßnahmen zur Eindämmung der Krankheit beeinträchtigen die chinesische Wirtschaft erheblich und das wirkt sich auch nachteilig auf andere Teile Asiens aus. So ist beispielsweise Wuhan, die Hauptstadt der Provinz Hubei, eines der industriellen Zentren Chinas. Die führenden japanischen Autohersteller Honda und Nissan betreiben dort Produktionsstätten, ebenso wie einige ihrer europäischen Konkurrenten. Auch Hersteller von Autoteilen, elektronischen Bauteilen und Industrieanlagen haben wichtige Fertigungsanlagen in der Region. Zahlreiche dieser Fabriken mussten die Produktion einstellen, weil die Mitarbeiter nach den chinesischen Neujahrsferien nicht zurückkehren konnten.

Diese zeitweiligen Stilllegungen stellen einen gravierenden Schock für die asiatischen Lieferketten globaler Unternehmen dar. Taiwan dürfte gemessen am Wert seiner Exporte nach Festlandchina und Hongkong im Verhältnis zum BIP am stärksten betroffen sein, gefolgt von Vietnam, Malaysia und Südkorea. Regionale Arbeitgeber sind mit einem weiteren Angebotsschock konfrontiert, weil viele Chinesen, die in Japan oder anderen asiatischen Ländern arbeiten, nicht aus China zurückkehren werden oder können. Darüber hinaus wird der Export chinesischer Produkte nach Japan, insbesondere die Ausfuhren verarbeiteter Lebensmittel und Kleidung, durch den Ausbruch des Coronavirus beeinträchtigt. Alle diese Faktoren werden zu Lieferengpässen führen und somit das Wirtschaftswachstum der chinesischen Handelspartner dämpfen.

Das Coronavirus wird aber auch für einen enormen Nachfrageschock sorgen, nicht zuletzt, weil die Tourismusbranchen in vielen Ländern von Reisenden aus China profitieren. Die Zahl der chinesischen Touristen sinkt derzeit stark, da China seinen Bürgern Gruppenreisen ins Ausland verbietet und viele Länder Menschen aus China die Einreise verweigern oder diese einschränken. Gemessen an der Höhe der Ausgaben chinesischer Besucher im Verhältnis zum BIP werden beliebte Reiseziele wie Thailand, Vietnam und Singapur davon besonders betroffen sein. Sollte der Ausbruch des Virus andauern, wird das vor allem in Japan für Kopfzerbrechen sorgen, weil die Olympischen Sommerspiele am 24. Juli in Tokio beginnen sollen.

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Aber auch wenn der Höhepunkt des Virus-Ausbruchs noch lange nicht erreicht ist, kann China den negativen Gesamtnachfrageschock mit Maßnahmen zur Konjunkturbelebung abmildern, wie etwa mit jener, die am 2. Februar von der chinesischen Zentralbank People’s Bank of China angekündigt wurde. Andere Regierungen und Zentralbanken in der Region könnten bei Bedarf ähnliche Schritte setzen. Unternehmen können unterbrochene Lieferketten durch alternative Anbieter von Vorleistungen wiederherstellen und der Verbrauch wird sich womöglich noch weiter in das Internet verlagern. Einige dieser Veränderungen werden sich möglicherweise als dauerhaft herausstellen.  

Obwohl nicht klar ist, wie schnell ein wirksamer Impfstoff gegen das Coronavirus entwickelt werden kann, wird die Dauer der aktuellen Krise von zwei wichtigen Fragen abhängen. Erstens davon, ob und wann die chinesischen Behörden die Situation unter Kontrolle bringen. Da die Zahl der Todesfälle immer noch ansteigt, lässt sich das schwer sagen, aber wenn die Regierung noch mehr Städte unter Quarantäne stellt, wird sich der Wirtschaftsabschwung sicher verschärfen.

Die zweite Frage lautet, ob es anderen Ländern gelingt, die Ausbreitung des Virus einzudämmen. Einige Medizin-Experten in Japan sind der Meinung, dass bereits eine beträchtliche Zahl von Japanern infiziert sein muss, da bis einen Monat nach Beginn des Ausbruchs Menschen aus China ungehindert nach Japan reisen konnten. Anders als in China allerdings ist in Japan bisher noch niemand an dem Virus gestorben. Das wirft Fragen zur Art der Krankheit sowie zur optimalen Vorbeugung und Behandlung auf. Um die bestmöglichen Maßnahmen im öffentlichen Gesundheitswesen so rasch wie möglich zu ergreifen, sollten China und andere betroffene Länder ihre aktuellen Erfahrungen unverzüglich austauschen.

Tatsächlich empfehlen Medizin-Experten, präventive Ressourcen von den Landesgrenzen in das Landesinnere zu verlagern, indem man den Zugang zu Selbstkontrollsystemen erleichtert. Infizierte sollten dann angewiesen werden, zu Hause zu bleiben und Kontakt mit anderen zu vermeiden.

Wie im Fall der Influenza kann die Ausbreitung des Coronavirus durch Information der Öffentlichkeit wesentlich wirksamer begrenzt werden als durch drakonische Einschränkungen der Bewegungsfreiheit, die sowohl für die physische und psychische Gesundheit des Menschen als auch für die Wirtschaft mit hohen Kosten verbunden sind. Das sollten andere Länder im Auge behalten, wenn sie über nationale Maßnahmen gegen das Virus nachdenken. Und die chinesischen Behörden sollten erwägen, ihren Ansatz im Hinblick auf künftige Krankheitsausbrüche zu überprüfen. 

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier

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