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Das Produktivitätsparadox verstehen

LONDON – In allen wichtigen Volkswirtschaften gibt das so genannte Produktivitätsparadox Ökonomen und politischen Entscheidungsträgern weiterhin Rätsel auf: die Stundenleistung ist deutlich niedriger als sie es wäre, hätte sich der Wachstumstrend aus der Zeit vor 2008 fortgesetzt. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache, insbesondere in Großbritannien, aber auch in der gesamten OECD. Obwohl die Ökonomen selbstverständlich mit zahlreichen scharfsinnigen Erklärungen aufwarten, erwies sich bislang keine als überzeugend genug, um einen Konsens herzustellen. 

Den Daten des britischen Office for National Statistics zufolge lag die Stundenleistung in Frankreich im Jahr 2015 um 14 Prozent niedriger als der Wert, den man unter Annahme der zuvor verzeichneten normalen Trendwachstumsrate erreicht hätte. In den Vereinigten Staaten lag die Produktionsleistung um 9 Prozent niedriger und in Deutschland um 8 Prozent, wobei Deutschland unter den Industrieländern Spitzenreiter blieb, wenn auch nur in relativer Hinsicht. Setzt sich diese neue, niedrigere Wachstumsrate fort, werden die Durchschnittseinkommen in den USA im Jahr 2021 um 16 Prozent niedriger sein als der entsprechende Wert, den die USA bei einem jährlichen Produktivitätszuwachs von etwa 2 Prozent verzeichnet hätten, wie dies seit 1945 der Fall war.

Großbritannien präsentiert sich als besonders chronischer Fall dieses Krankheitsbildes. Im Jahr 2007 lag die britische Produktivität 9 Prozent unter dem OECD-Durchschnitt; bis 2015 weitete sich die Kluft auf 18 Prozent aus. Auffällig ist, dass die Stundenproduktivität in Großbritannien volle 35 Prozent unter dem Niveau Deutschlands und 30 Prozent unter dem der Vereinigten Staaten liegt. Sogar die Franzosen könnten die durchschnittliche Leistung eines britischen Arbeitnehmers in einer Woche erbringen und sich den Freitag trotzdem noch frei nehmen. Es hat also den Anschein, als ob das wirtschaftspolitische Management in Großbritannien zusätzlich zu den Faktoren, die alle entwickelten Ökonomien betreffen, besonders schwach wäre.

Einige der zu dieser Entwicklung beitragenden Faktoren sind allgemein anerkannt. Während der Krise und in ihrem unmittelbaren Gefolge, als die Bestrebungen der Banken in Richtung Kapitalaufbau neue Kreditvergaben einschränkten, hielten sich einige Unternehmen durch ultraniedrige Zinsen über Wasser und die Firmenchefs behielten Mitarbeiter, obwohl sie relativ geringe Erträge erwirtschafteten.  

Auf der anderen Seite hatten neue, produktivere und innovativere Unternehmen Schwierigkeiten, das für Wachstum notwendige Kapital aufzubringen, weswegen sie entweder nicht expandierten oder dies taten, indem sie Arbeitskräfte durch Kapital ersetzten. Mit anderen Worten: die niedrigen Zinssätze drückten die Produktivität, indem sie schwer verschuldeten Zombie-Firmen das Überleben länger sicherten als dies andernfalls möglich gewesen wäre. 

Die Bank of England erkannte diesen Zusammenhang und schätzt, dass die Produktivität in Großbritannien um 1-3 Prozent höher ausgefallen wäre, hätte man die Zinsen in der Erholungsphase auf das Niveau aus der Zeit vor der Krise angehoben. Allerdings ist man der Ansicht, dass die Folgen – langsameres Einkommenswachstum und höhere Arbeitslosigkeit – nicht akzeptabel gewesen wären.

Dieses Argument hat man nun über das Bankensystem hinaus auf die Kapitalmärkte ausgeweitet. Kritiker der Zentralbanken behaupten, dass die dauerhafte Politik außergewöhnlich niedriger Zinssätze, verstärkt durch hohe Dosen quantitativer Lockerung, die Preise der Vermögenswerte wahllos ansteigen ließ. Dies hätte nicht nur nachteilige Folgen für die Verteilung des Wohlstandes, sondern auch die Fähigkeit des Kapitalmarktes eingeschränkt, zwischen produktiven Firmen mit hohem Potenzial und anderen zu unterscheiden, die es verdient hätten, nicht weiterzubestehen. Dieser Ansicht zufolge lässt eine steigende Flut auch grundsätzlich seeuntüchtige Schiffe nicht untergehen.

An diesem Argument ist durchaus etwas dran, obwohl es wenig über den durch hochbezahlte Vermögensverwalter erzielten Mehrwert aussagt und darüber, ob diese wirklich bereit sind, ihr Geld einfach auf Grundlage eines geldpolitischen Effekts auf relative Preise arbeiten zu lassen, ohne dabei auf Strategien und Leistungsindikatoren einzelner Firmen zu achten. Doch die wichtigste Frage, die dieses Argument aufwirft, lautet, was dagegen unternommen werden kann.

Wäre es wirklich wünschenswert gewesen, die geldpolitischen Maßnahmen viel früher zu straffen, um schwächeren Firmen im Interesse einer verbesserten Produktivität den Garaus zu machen? Diese Frage beantwortete die BoE ausdrücklich und die anderen wichtigen Zentralbanken indirekt. Sie sind nicht dieser Ansicht.

Ein besserer Ansatz zur Lösung dieses Problems wäre der rigorosere Einsatz von Instrumenten, die Marktregulierungsbehörden zur Verfügung stehen. Diese Behörden konzentrieren sich tendenziell eher auf den Anlegerschutz als auf die Allokationseffizienz der von ihnen überwachten Märkte. Natürlich ist Anlegerschutz wichtig, aber wie es Nobelpreisträger Eugene Fama formulierte, besteht „die primäre Aufgabe des Kapitalmarkts in der Allokation der Eigentümerschaft am Kapitalstock einer Volkswirtschaft.“  

Eine Regulierungsbehörde, die ihr Augenmerk auf dieses Ziel legt, wäre besonders rigoros, wenn es um die Überwachung der transparenten Offenlegung von Informationen geht und sie würde danach trachten, einen verstärkten Wettbewerb zwischen den Unternehmen und – entscheidend im Hinblick auf dieses Ziel – auch unter den Investoren zu fördern. Für Vermögensverwalter sollte es nicht mehr akzeptabel sein, exorbitante Renditen zu erzielen, wenn sie einer Markt-Benchmark folgen.

Zweifellos birgt das Produktivitätsparadox noch weitere Dimensionen. Vielleicht messen wir die Produktionsleistung nicht gut genug. Mit zunehmender Dienstleistungsorientierung in den entwickelten Ökonomien werden unsere Leistungsmessungen immer weniger objektiv. In vielen Dienstleistungsbranchen wird der Output effektiv durch den Input gemessen. Vielleicht messen wir Qualitätsverbesserungen nicht, wodurch Produktionssteigerungen möglicherweise unterbewertet bleiben. Vielleicht sind wir auch an einem Punkt angelangt, an dem die Produktivitätszuwächse aufgrund internetbasierter Technologie bereits aufgebraucht sind und wir müssen einen weiteren technologischen Sprung machen, um uns wieder vorwärts zu bewegen.

Eine zentrale Herausforderung für die Zentralbanken auf dem Weg in Richtung einer Normalisierung der Zinssätze wird jedoch darin bestehen, ein Rahmenwerk für die Erörterung der Auswirkungen der Geldpolitik auf die Kapitallokation zu entwickeln. Diese Aufgabe ist vordringlich, da die sozialen und politischen Folgen einer längeren Phase ohne Produktivitätswachstum oder Anstieg der Reallöhne möglicherweise überaus gravierend sind. Tatsächlich waren das wohl bereits die Faktoren hinter den politischen Turbulenzen in den USA und Großbritannien. 

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier