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Kreative Zerstörung am Werk

OXFORD – Immer wieder in der Geschichte wurden durch technologischen Fortschritt enorme Reichtümer, aber auch große Umwälzungen geschaffen. Die Stahlindustrie der Vereinigten Staaten erfuhr beispielsweise in den 1960ern, als große, integrierte Stahlwerke nach und nach durch kleinere Anlagen verdrängt wurden, einen enormen Wandel. Dies zerstörte die wirtschaftliche Grundlage von Städten wie Pittsburgh, Pennsylvania, und Youngstown, Ohio. Die kleinen Anlagen allerdings steigerten die Produktivität enorm und schufen an anderen Orten neue Arten von Arbeitsplätzen.

Die Geschichte des Stahls in den USA lehrt uns eine wichtige Lektion über das, was der Ökonom Joseph Schumpeter „kreative Zerstörung“ nannte: Langfristiges Wirtschaftswachstum bedeutet mehr als nur die Steigerung der Produktion bestehender Fabriken, sondern beinhaltet auch strukturelle Veränderungen des Arbeitsmarktes.

Aleppo

A World Besieged

From Aleppo and North Korea to the European Commission and the Federal Reserve, the global order’s fracture points continue to deepen. Nina Khrushcheva, Stephen Roach, Nasser Saidi, and others assess the most important risks.

Ein ähnliches Phänomen können wir aktuell in der Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) beobachten, die die meisten Bereiche moderner Arbeitsumgebungen beeinflusst, darunter sogar jene, die nicht direkt mit der Programmierung von Computern oder der Erstellung von Software in Beziehung stehen. Durch Computertechnologien entstanden blühende neue Unternehmen (oder gar ganze Unternehmensgruppen). Andererseits verdrängten sie bestimmte Arbeitsplätze in der Produktion und führten zum Niedergang ganzer Städte, in denen alte Produktionstechniken vorherrschten.

Aber Städte wie Detroit, Lille oder Leeds litten nicht unter einem Rückgang der Produktion. Im Gegenteil, die Produktion dort nahm im Laufe des letzten Jahrzehnts sogar zu. Stattdessen lässt sich ihr Niedergang direkt auf die mangelnde Fähigkeit zurückführen, unterschiedliche Arten von Arbeitsplätzen anzuziehen. Dies liegt in erheblichem Maße am Versagen der Politik. Statt zu versuchen, die Vergangenheit durch Stützung alter Industriezweige zu konservieren, sollten sich Politiker darauf konzentrieren, den Übergang hin zu neuen Formen der Arbeit zu regeln. Dies erfordert ein besseres Verständnis aufstrebender Technologien und des Unterschieds zwischen ihnen und den verdrängten traditionellen Bereichen.

Eine wichtige Eigenschaft der frühen Produktionstechniken der Industriellen Revolution war, dass sie vergleichsweise qualifizierte Kunsthandwerker ersetzten und die Nachfrage nach unqualifizierten Fabrikarbeitern erhöhten. Auch Henry Fords Fließband zur Fahrzeugproduktion von 1913 wurde insbesondere für den Betrieb durch ungelernte Arbeiter eingerichtet. Dadurch konnte das Unternehmen sein beliebtes Modell T herstellen – das erste Auto, das für die amerikanische Mittelklasse erschwinglich war.

In der Tat kann ein Großteil der Geschichte der industriellen Entwicklung im letzten Jahrhundert als Wettbewerb zwischen immer besser ausgebildeten Arbeitskräften und neuen Technologien gesehen werden, die die Fähigkeiten der ersteren überflüssig machen. Bereits seit einiger Zeit ist der Einfluss von Robotern erkennbar, die Routinearbeiten erledigen, welche vorher von tausenden normal verdienenden Fließbandarbeitern geleistet wurden.

In Zukunft wird sich die Veränderung der Arbeitswelt noch verstärken. Auch wenn die Geschichte uns Vorsicht lehrt bei dem Versuch, vorherzusagen, wie sich technologischer Fortschritt entwickelt, haben wir doch bereits eine Vorstellung davon, was Computer in naher Zukunft leisten können, da sich die Technologien bereits in Entwicklung befinden. Wir wissen beispielsweise, dass mit Hilfe von „Big Data“ und hoch entwickelten Algorithmen ein weiter Bereich qualifizierter Berufe vereinfacht werden kann.

Ein oft zitiertes Beispiel für diesen Prozess ist die Symantec Clearwell eDiscovery-Plattform, die anhand von Sprachanalyse allgemeine Konzepte in Dokumenten auffindet und innerhalb von zwei Tagen über 570.000 Dokumente sortieren und analysieren kann. Clearwell verändert die juristischen Berufe, indem die Software die vorgerichtliche Untersuchung durch Computer unterstützt und Aufgaben durchführt, die normalerweise von Rechtsanwaltsgehilfen – oder gar durch Vertrags- oder Patentanwälte – erledigt werden.

Ebenso werden durch verbesserte Sensortechnologie viele Arbeitsplätze im Bereich Transport und Logistik bald vollständig automatisiert sein. Und die Vorstellung ist nicht abwegig, dass Techniken wie Googles selbst steuerndes Auto eines Tages Busse und Taxifahrer überflüssig machen könnten. Sogar bisher sichere, gering qualifizierte Dienstleistungsbeschäftigungen könnten von der Automation betroffen werden. Die Nachfrage nach persönlichen Robotern für den Haushalt wächst beispielsweise schon heute um jährlich 20%.

Die Arbeitsmärkte könnten erneut vor einer Ära technologischer Turbulenzen und wachsender Einkommensunterschiede stehen. Und dies wirft eine größere Frage auf: Wo können neue Arten von Arbeit entstehen? Bereits jetzt gibt es Zeichen dafür, was die Zukunft bereit hält. Durch technologischen Fortschritt steigt die Nachfrage nach Datenarchitekten und -analysten, Spezialisten für Cloud-Dienste, Software-Entwicklern und Experten für digitales Marketing – Berufe, die es vor fünf Jahren noch kaum gab.

In Finnland kann man erkennen, wie sich Städte und Länder an diese Entwicklungen anpassen sollten. Ursprünglich litt die Wirtschaft des Landes darunter, dass Nokia, ihr größtes Unternehmen, nicht in der Lage war, sich an neue Smartphone-Technologien anzupassen. Aber einige finnische Start-Ups haben seitdem rund um das Smartphone neue Projekte initiiert. Bis 2011 haben ehemalige Nokia-Angestellte 220 solcher Unternehmen gegründet, und die Firma Rovio, die über 12 Millionen Kopien des Smartphone-Spiels „Angry Birds“ verkauft hat, wird von ehemaligen Nokia-Mitarbeitern überflutet.

Dieser Wandel ist kein Zufall. Finnlands intensive Ausbildungsinvestitionen haben ein robustes Potenzial an Arbeitskräften geschaffen. Durch Investitionen in vielfältige Fähigkeiten, die nicht auf bestimmte Unternehmen oder Industriezweige beschränkt oder anfällig für Computereinsatz sind, ist Finnland ein Vorbild dafür, wir man sich an technologische Turbulenzen anpassen kann.

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Trotz der Verbreitung von Big-Data-Technologien legen Studien nahe, dass menschliche Arbeit in den Bereichen sozialer Intelligenz und Kreativität weiterhin einen Wettbewerbsvorteil haben wird. Entwicklungsstrategien auf Regierungsebene sollten sich daher bemühen, diese Fähigkeiten zu fördern, damit sie nicht mit den Computertechnologien in Wettbewerb treten, sondern diese ergänzen.

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff