Egyptians hold candles at a vigil Mohamed El-Shahed/Getty Images

Wie kann die arabische Welt vom Abgrund zurücktreten?

KAIRO – Im November hat eine Reihe von alarmierenden Ereignissen die katastrophale Lage in der arabischen Welt verdeutlicht. Der libanesische Ministerpräsident erklärte von Saudi-Arabien aus seinen Rücktritt, um später einen Rückzieher zu machen. Aus dem Jemen wurde eine Rakete in Richtung auf die saudi-arabische Hauptstadt Riad abgefeuert. Die saudische Führung ist mit einer großangelegten Antikorruptionskampagne gegen Dutzende von hochrangigen Persönlichkeiten vorgegangen. Unterdessen hat Ägypten den schwersten Terroranschlag seiner Geschichte erlitten, bei dem über 300 Zivilisten getötet und verletzt wurden. Videoaufnahmen mutmaßlicher Sklavenauktionen in Libyen unterstreichen, welches Chaos inmitten des totalen Zusammenbruchs des libyschen Staates herrscht.

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Militärische Siege gegen den sogenannten Islamischen Staat und eine Annäherung zwischen den palästinensischen Gruppen in Gaza und im Westjordanland haben kaum dazu beigetragen, die kollektiven Ängste in der Region zu zerstreuen. Diese positiven Entwicklungen haben auch kein Vertrauen geschaffen, dass es der arabischen Welt irgendwie gelingen wird, vom Rand des Abgrunds zurückzutreten. Einmischung aus dem Ausland in Syrien, Libanon, Irak und Jemen ist zur Routine geworden. Und anhaltende Debatten über Identitätspolitik und die Grenzen der Staaten in der Levante bilden den Auftakt für die weitreichenden, grundlegenden Herausforderungen, die zu bewältigen sind.

Angesichts der Tatsache, dass in den letzten Jahren kein arabisches Land versucht hat, die anhaltenden Konflikte in Libyen, Syrien und Jemen beizulegen, geschweige denn auf die Fragen des israelisch-palästinensischen Konflikts einzugehen, ist die Lage im Nahen Osten nicht überraschend. In vielen dieser Konflikte hatten Ausländer viel stärkeren Einfluss als Araber.

Der Nahe Osten ist in der Geschichte das Ziel zahlreicher ausländischer Invasionen gewesen, angefangen bei den Kreuzzügen bis zum europäischen Kolonialismus. Seine Bodenschätze wurden gierig usurpiert, und während des Kalten Krieges wurde die Region zum Schauplatz von Stellvertreterkriegen. Auch heute noch sind arabische Gebiete besetzt.

Doch obwohl es viele Gründe gibt, ausländischen Mächte für die prekäre Lage in der Region verantwortlich zu machen, wird es zu nichts führen, die Schuld bei anderen – oder sogar untereinander – zu suchen. Schließlich hat die arabische Welt auch viele hausgemachte Probleme, unter anderem ineffiziente und ineffektive Staatsführung, unheilige Allianzen und den mangelnden Ausbau nationaler Kapazitäten.

Jede Region, die unfähig ist ihre eigene Zukunft zu gestalten und in der die Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger nicht das Gefühl hat, dass ihre Rechte anerkannt werden, taumelt einer Katastrophe entgegen. Die arabische Welt ist zwar traditionell konservativ, doch fast 70% ihrer Bürger sind jünger als 35, und junge Erwachsene sind in den meisten Ländern am stärksten von Arbeitslosigkeit betroffen. Das ist nicht nur eine enorme Verschwendung von Ressourcen, sondern ein ernstes und langfristiges gesellschaftspolitisches Problem. Und das ist nur eine von vielen innenpolitischen Herausforderungen, mit denen die Region konfrontiert ist.

Araber müssen ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen und zum wichtigsten Akteur der Gestaltung ihrer Zukunft und ihrer Länder werden. Selbstverständlich sollten sie weiter im Dialog mit der Außenwelt bleiben und ihre strategischen Partnerschaften und Bündnisse festigen. Aber zugleich müssen sie ihre Abhängigkeit von anderen verringern.

Zunächst müssen die Regierungen in der Region eigene nationale Sicherheitskapazitäten zum Schutz vor nicht existenzgefährdenden Bedrohungen und hegemonialem Expansionsdrang aufbauen. Auf diese Weise werden sie ihren politischen Einfluss vergrößern und ihr diplomatisches Instrumentarium erweitern, mit dem regionale Probleme angegangen und militärische Konflikte vermieden werden können.

Außerdem müssen Araber ihre nationalen Identitäten verteidigen. Das System der Nationalstaaten im Nahen Osten ist nicht perfekt, aber es ist bedeutend besser als religiöses oder ethnisches Sektierertum, das die Region weiter zu destabilisieren droht. Um das zu verhindern, werden die bestehenden Nationalstaaten der Region starke Institutionen brauchen, die für effiziente Regierungsführung und soziale Eingliederung sorgen. Bedauerlicherweise sind die Institutionen in den meisten arabischen Ländern weit davon entfernt, diese zwingende Voraussetzung zu gewährleisten.

Mit Blick auf die Zukunft sollten Araber erkennen, dass innenpolitische Reformen der beste Weg sind, äußere Einmischung zu verhindern und nationale Interessen zu schützen. In den Ereignissen des Arabischen Frühlings in den letzten Jahren spiegelt sich die Sehnsucht einer gemäßigten Mittelschicht nach Veränderung. Opportunistische Parteien haben versucht, ihren Nutzen aus dem plötzlich entstandenen turbulenten Umfeld zu ziehen. Das ändert jedoch nichts daran, dass diese Bewegungen eine Reaktion auf fortwährend schlechte Staatsführung und das Versäumnis seitens arabischer Staats- und Regierungschefs gewesen sind, schrittweise Reformen fortzusetzen.

Zudem müssen sich Araber eine größere Bandbreite an wirtschaftlichen, politischen und Sicherheitsoptionen verschaffen, um sich an wandelnde Umstände anpassen zu können. Die Welt ist nicht mehr bipolar oder eurozentrisch geordnet. Die raschen technologischen, wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen stellen nicht nur die geopolitische Nachkriegsordnung auf die Probe, sondern das Westfälische System an sich.

Und schließlich muss sich die arabische Welt den hegemonialen Haltungen in der Region und der unrechtmäßigen Besetzung von arabischem Land stellen. Lösungen für die aktuellen Probleme müssen das Streben der Menschen nach Eigenstaatlichkeit und Souveränität achten und über taktische oder auf Geschäften basierende Ansätze hinausgehen, die lediglich kurzfristig für Entspannung sorgen. Letzten Endes wird jede Politik, die es versäumt die Grundrechte zu wahren, scheitern.

Die arabischen Länder werden, individuell und gemeinsam, eine vollständig ausgestaltete Strategie benötigen, um sich existenziellen äußeren und inneren Bedrohungen ihrer Souveränität und Sicherheit in den kommenden Jahren stellen zu können. Es ist höchste Zeit für arabische Staats- und Regierungschefs, eine Vision für die Zukunft der innerarabischen Beziehungen zu skizzieren und einen Plan für die Zusammenarbeit mit ihren nichtarabischen Nachbarn an regionalen Herausforderungen und Chancen vorzulegen. Zu guter Letzt müssen die arabischen Staats- und Regierungschefs außerdem erklären, wie sie ihrer Bevölkerung im eigenen Land eine bessere Regierungsführung bieten wollen.

Wenn die arabische Welt bei der Gestaltung ihrer eigenen Zukunft mitreden will, kann sie sich nicht selbstzufrieden in der Gegenwart zurücklehnen. Ihre Staats- und Regierungschefs und ihre Bevölkerung müssen jetzt mit der Planung beginnen.

Aus dem Englischen von Sandra Pontow.

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