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Die Kinder der Königin

NEW YORK: Sind der Monarchie – der konstitutionellen Monarchie wohlbemerkt, nicht der despotischen Variante – noch aussöhnende Elemente geblieben? Die Argumente dagegen, Könige und Königinnen zu unterhalten, sind überwiegend ziemlich rational. Es ist in diesem Zeitalter der Demokratie unvernünftig, jemandem besondere Ehrerbietung zu zollen allein auf Grundlage seiner Geburt. Erwartet man wirklich von uns, dass wir die modernen Monarchien wie etwa das britische Königshaus bewundern und lieben, und, bloß weil eine neue Prinzessin aus der Mittelschicht herausgepickt wurde, heute sogar noch mehr?

Die Monarchie hat eine infantilisierende Wirkung. Man beachte, wie ansonsten vernünftige Erwachsene zu nervös grinsenden Kriechern reduziert werden, wenn man ihnen das Privileg gewährt, eine ausgestreckte königliche Hand zu berühren. Bei großen monarchischen Vorführungen wie etwa der prinzlichen Vermählung in London geben sich Millionen von Menschen kindlichen Träumen von einer „Märchenhochzeit“ hin. Der geheimnisvolle Nimbus von enormem Reichtum, edler Geburt und großer Exklusivität wird durch die globalen Massenmedien, die diese Rituale fördern, noch weiter genährt.

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Nun könnte man argumentieren, dass der würdevolle Pomp einer Königin Elizabeth II. dem billig-geschmacklosen Größenwahn Silvio Berlusconis, Madonnas oder Cristiano Ronaldos vorzuziehen sei. Freilich hat sich gerade die britische Monarchie neu erfunden, indem sie viele der vulgärsten Merkmale von Show- oder Sportstars übernommen hat. Und die Welten der Royals und sonstiger Berühmtheiten überlappen sich häufig.

So leben etwa David Beckham und seine Frau Victoria, ein Ex-Popstar, ihre eigenen Träume vom Königtum aus und äffen einige seiner schrillsten Aspekte nach. Und ganz zufällig waren sie unter den begünstigten Gästen bei der letzten Prinzenhochzeit. In ähnlicher Weise ist, obwohl Großbritannien viele herausragende Musiker hat, Elton John bei Hofe der Favorit.

Infantil oder nicht, es gibt ein gemeinsames menschliches Verlangen, sich über das Leben von Königen, Königinnen und sonstigen strahlenden Sternen Ersatzbefriedigung zu verschaffen. Wer die pompöse Zurschaustellung der Extravaganz dieser Leute als verschwenderisch bezeichnet, hat das Wesentliche nicht begriffen: Eine Welt glitzernder Träume, die völlig außer unserer Reichweite bleiben müssen, ist genau, was viele Menschen sehen wollen.

Doch hat dieses Verlangen noch eine andere, dunklere Seite: den Wunsch, diese Idole in Klatschzeitschriften, Scheidungsgerichten usw. durch den Schmutz gezogen zu sehen. Dies ist die rachsüchtige Seite unseres Kriechertums, so als ob die Erniedrigung dieser Götzenanbetung durch unsere Freude an ihrem Untergang ausgeglichen werden muss.

Tatsächlich ist es eine schreckliche Form der Grausamkeit, Menschen, die in königliche Familien hineingeboren werden oder in sie einheiraten, einem Leben im Goldfischglas zu unterwerfen, wo sie kontinuierlich unter Beobachtung stehen – wie Schauspeiler und Schauspielerinnen in einer pausenlosen Seifenoper, in der menschliche Beziehungen verzerrt werden und unter den absurden Regeln des Protokolls verkrüppeln. Die gegenwärtige japanische Kaiserin und ihre Schwiegertochter – beide aus nicht aristokratischen Familien – hatten jeweils hierdurch bedingte Nervenzusammenbrüche.

Genauso fallen Filmstars häufig dem Alkohol, Drogen und Zusammenbrüchen zum Opfer – aber zumindest haben sie das Leben, das sie führen, selbst gewählt. Auf Könige und Königinnen trifft dies im Allgemeinen nicht zu. Prinz Charles wäre möglicherweise als Gärtner viel glücklicher gewesen, aber das stand nie zur Debatte.

Was man den Monarchen zugutehalten kann, ist, dass sie den Menschen ein Gefühl der Kontinuität vermitteln, das in Zeiten einer Krise oder radikaler Veränderungen nützlich sein kann. Der König von Spanien gewährleistete nach dem Ende der Diktatur Francos Stabilität und Kontinuität. Und im Zweiten Weltkrieg erhielten die europäischen Monarchen bei ihren der Besetzung durch die Nazis ausgesetzten Untertanen ein Gefühl der Hoffnung und der Einheit am Leben.

Aber da ist noch etwas anderes. Monarchien sind häufig bei den Minderheiten beliebt. Die Juden gehörten zu den treuesten Untertanen des österreichisch-ungarischen Kaisers. Franz Joseph I. trat für seine jüdischen Untertanen ein, als diese von deutschen Antisemiten bedroht wurden. Für ihn waren Juden, Deutsche, Tschechen oder Ungarn alle seine Untertanen, egal wo sie lebten – vom kleinsten galizischen Schtetl bis hin zu den großartigen Hauptstädten Budapest oder Wien. Dies bot den Minderheiten in einer Zeit zunehmenden ethnischen Nationalismus’ einen gewissen Schutz.

In diesem Sinne ist die Monarchie ein wenig wie Islam oder katholische Kirche: Im Angesicht Gottes, oder des Papstes oder Kaisers, sind angeblich alle Gläubigen gleich – daher ihre Attraktivität für die Armen und an den Rand Gedrängten.

Dies könnte die Feindseligkeit einiger Rechtspopulisten gegenüber der Monarchie erklären. Der holländische populistische Führer Geert Wilders etwa hat Königin Beatrix bei mehreren Gelegenheiten als linkslastig, elitär und multikulturalistisch angeprangert. Wie die neue Welle von Populisten weltweit verspricht Wilders, sein Land seinen Gefolgsleuten zurückzugeben, die Einwanderung (insbesondere von Muslimen) zu stoppen und die Niederlande wieder holländisch zu machen – was immer das heißen soll.

Beatrix weigert sich, wie Franz Joseph, ethnische oder religiöse Unterschiede zwischen ihren Untertanen zu machen. Das ist, was sie meint, wenn sie Toleranz und gegenseitiges Verständnis predigt. Für Wilders und seine Anhänger ist dies der Beleg, dass sie Ausländer verhätschelt und den Muslimen um des lieben Friedens willen Zugeständnisse macht. Ihnen erscheint die Königin beinahe holländerfeindlich.

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Zugegeben, wie bei allen königlichen Familien in Europa sind die Ursprünge der holländischen königlichen Familie überaus durchmischt. Die Entwicklung von Königen und Königinnen zu ausdrücklich nationalen Galionsfiguren ist eine historisch relativ junge Entwicklung. Die großen Reiche umfassten schließlich viele Nationen. Königin Victoria, die überwiegend deutscher Herkunft war, betrachtete sich nicht nur als Monarchin der Briten, sondern auch der Inder, Malaien und vieler anderer Völker.

Diese aristokratische Tradition, über den engen Spannungen eines ethnischen Nationalismus zu stehen, ist möglicherweise das beste Argument, noch etwas länger an den Royals festzuhalten. Nun, da viele europäische Nationen zunehmend ethnisch und kulturell durchmischt sind, besteht der einzige Weg voran darin, dass wir lernen, miteinander zu leben. Falls die Monarchen ihre Untertanen lehren können, das zu tun, sollten wir den verbleibenden Königen und Königinnen zumindest verhalten Beifall spenden.