African economic growth Steve Jordan/Stringer

Ist Afrika noch immer im Aufstieg begriffen?

WASHINGTON, DC – Afrika verzeichnete in den Jahren 2000 bis 2014 ein starkes Wirtschaftswachstum, was die Vorstellung eines „Aufstiegs Afrikas“ befeuerte. Doch seit 2015 hat sich das Wachstum in Schwarzafrika abgeschwächt, und die schlechten Aussichten bei den Rohstoffpreisen haben Zweifel über Afrikas wirtschaftliches Potenzial aufkommen lassen und viele dazu gebracht, die Vorstellung vom Aufstieg Afrikas in Frage zu stellen. Manche haben sie für tot erklärt.

Eine derartige Skepsis ist in gewissem Umfang verständlich. Die Erschütterungen beim Ölpreis im Jahr 2014 trafen mehrere afrikanische Volkswirtschaften besonders hart und spielten eine Rolle dabei, das Gesamtwachstum, das von 2004-2014 bei 5-6% lag, in den Jahren 2015-2017 auf nur noch 2,5% zu drücken – eine Wachstumsrate, die gerade mal mit dem Bevölkerungsanstieg Schritt hält.

Zudem hat sich die Wirtschaftsentwicklung in den drei größten Volkswirtschaften des Kontinents – Angola, Nigeria und Südafrika – deutlich verschlechtert. Im vergangenen Jahr stagnierten die Volkswirtschaften Angolas und Südafrikas, während die nigerianische Volkswirtschaft sogar erstmals seit 1991 schrumpfte. Die neuesten Prognosen legen nahe, dass diese Volkswirtschaften in den kommenden Jahren lediglich eine schwache Erholung erleben werden.

Doch Afrikas Skeptiker übersehen eine Anzahl wichtiger Faktoren. Zunächst einmal wird die Gesamtwachstumsrate für Schwarzafrika, wenn man die drei größten Volkswirtschaften einmal außen vor lässt, in diesem Jahr von 2,5% auf fast 4% steigen. Das ist mehr als die derzeitige Wachstumsrate der Weltwirtschaft von 3,5%. Tatsächlich liegen fünf der zehn am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften der Welt in Afrika. Und im Verlauf der nächsten fünf Jahre werden rund die Hälfte alle schwarzafrikanischen Volkswirtschaften im Durchschnitt ähnlich schnell wachsen wie während der Hochphase des „afrikanischen Aufstiegs“ – oder sogar schneller.

Darüber hinaus waren hohe Rohstoffpreise nur ein Faktor bei der starken Wirtschaftsentwicklung der Region in den Jahren 2000-2014. In vielen afrikanischen Ländern haben sich gesamtwirtschaftliche Steuerung, Regierungsführung und Geschäftsumfeld enorm verbessert, und das Unternehmertum ist im Aufstieg begriffen. Auch bei niedrigeren Rohstoffpreisen werden diese Entwicklungen viele afrikanische Volkswirtschaften weiterhin stützen.

Die heutige Skepsis spiegelt möglicherweise bleibende Erinnerungen an eine dunklere Phase wider sowie Befürchtungen, dass sich Afrikas Fortschritt nicht genügend konsolidiert hat. Von den 1970er Jahren bis Mitte der 1990er Jahre herrschten in vielen afrikanischen Ländern Diktatoren, und die Institutionen, die nötig sind, um ein starkes Wirtschaftswachstum aufrechtzuerhalten, waren bestenfalls fragil. Angesichts der Tatsache, dass in vielen Ländern Bürgerkriege ständig das soziale Gefüge zerstörten, erlebte der Kontinent Jahrzehnte schwachen wirtschaftlichen Wachstums. Im Jahr 2000 hatte Afrika einen Zustand erreicht, den die Zeitschrift The Economist als „hoffnungslos“ bezeichnete.

The World’s Opinion Page

Help support Project Syndicate’s mission

subscribe now

Doch das ist vorbei. Überall auf dem Kontinent haben die politischen Entscheidungsträger die Reformen der 1990er Jahre aufrechterhalten, die den Boden für die sich anschließende Phase hohen Wachstums bereiteten. Obwohl noch viel zu tun bleibt, hat sich das Wirtschafts- und Geschäftsumfeld in vielen afrikanischen Ländern weiter verbessert, und Institutionen und Regierungsführung haben an Stärke gewonnen.

Aufgrund neuer Informations- und Kommunikationstechnologien sind die Afrikaner – insbesondere die jungen Afrikaner – besser informiert, stärker in den gesellschaftlichen und politischen Diskurs eingebunden und zunehmend in der Lage, ihre Führer zur Rechenschaft zu ziehen. Zudem haben diese Technologien eine Welle der Innovation und des Unternehmertums auf dem Kontinent ausgelöst.

Diese positiven Trends dürften sich nicht umkehren und werden die wirtschaftlichen Bedingungen in Afrika weiter verbessern, selbst wenn sich die Rohstoffpreise nicht erholen sollten. Schließlich betrug das durchschnittliche Wirtschaftswachstum der Region in den Jahren 2000-2004, also bevor die Rohstoffpreise ihren steilen Anstieg begannen, 5,6%.

Das soll nicht heißen, dass Afrika in den kommenden Jahren erschreckende Herausforderungen erspart bleiben werden. Auf globaler Ebene wird sich das wirtschaftliche Umfeld für die afrikanischen Volkswirtschaften verschlechtern. In den wichtigen hochentwickelten Volkswirtschaften werden die Zinssätze bald steigen, und die politische Gegenreaktion gegen die Globalisierung könnte viele Regierungen zwingen, ihre früheren Bekenntnisse zur Entwicklungshilfe zu widerrufen.

Angesichts all dieser Unsicherheit sollten sich die afrikanischen Politiker auf sich selbst besinnen und sich auf Strategien konzentrieren, um die nationalen Ressourcen ihrer Länder zu mobilisieren und ihre Wirtschaftsprogramme zu finanzieren. Diese Programme sollten eine Anzahl wichtiger Prioritäten umfassen. Die afrikanischen Länder müssen ihre Volkswirtschaften diversifizieren, um künftigen Erschütterungen besser standzuhalten, und zugleich das Tempo der Industrialisierung auf dem gesamten Kontinent verschärfen. Die Regierungen müssen einen Weg finden, um anständige Arbeitsplätze für die elf Millionen Menschen zu schaffen, die inzwischen jedes Jahr auf den Arbeitsmarkt der Region drängen. Und sie müssen Strategien zur Armutsbekämpfung umsetzen und sicherstellen, dass alle gesellschaftlichen Schichten am Wohlstand teilhaben.

Dies sind besonders für Angola, Nigeria und Südafrika wichtige Ziele. Angola und Nigeria müssen ihre Abhängigkeit vom Öl deutlich reduzieren, und Südafrika muss weitreichende Reformen umsetzen, um die Strukturprobleme zu lösen, unter denen das Land seit der Apartheid-Ära leidet. Diese Projekte zu Ende zu führen wird kompetente politische Führer erfordern, die sich den Grundsätzen guter Regierungsführung verschrieben haben. Ein diesbezügliches Scheitern könnte zu einer längeren Phase niedrigen Wachstums führen.

Doch selbst wenn Afrikas drei größte Volkswirtschaften in eine Flaute geraten, wird dies das Schicksal der Geschichte vom Aufstieg Afrikas nicht zwangsläufig besiegeln. Schließlich muss damit nicht zwangsläufig die Gesamtheit Afrikas gemeint sein. Von den 1960er Jahren bis in die 1990er Jahre verwies die Bezeichnung „asiatische Tigerstaaten“ nur auf Hongkong, Singapur, Südkorea und Taiwan und schloss andere asiatische Entwicklungsländer wie etwa China aus. In ähnlicher Weise differenzieren sich die afrikanischen Volkswirtschaften zunehmend und sollten daher individuell auf der Grundlage ihrer jeweiligen Wirtschaftspolitik betrachtet werden.

Aus dem Englischen von Jan Doolan

http://prosyn.org/ZIdlXxW/de;

Handpicked to read next

  1. Television sets showing a news report on Xi Jinping's speech Anthony Wallace/Getty Images

    Empowering China’s New Miracle Workers

    China’s success in the next five years will depend largely on how well the government manages the tensions underlying its complex agenda. In particular, China’s leaders will need to balance a muscular Communist Party, setting standards and protecting the public interest, with an empowered market, driving the economy into the future.

  2. United States Supreme Court Hisham Ibrahim/Getty Images

    The Sovereignty that Really Matters

    The preference of some countries to isolate themselves within their borders is anachronistic and self-defeating, but it would be a serious mistake for others, fearing contagion, to respond by imposing strict isolation. Even in states that have succumbed to reductionist discourses, much of the population has not.

  3.  The price of Euro and US dollars Daniel Leal Olivas/Getty Images

    Resurrecting Creditor Adjustment

    When the Bretton Woods Agreement was hashed out in 1944, it was agreed that countries with current-account deficits should be able to limit temporarily purchases of goods from countries running surpluses. In the ensuing 73 years, the so-called "scarce-currency clause" has been largely forgotten; but it may be time to bring it back.

  4. Leaders of the Russian Revolution in Red Square Keystone France/Getty Images

    Trump’s Republican Collaborators

    Republican leaders have a choice: they can either continue to collaborate with President Donald Trump, thereby courting disaster, or they can renounce him, finally putting their country’s democracy ahead of loyalty to their party tribe. They are hardly the first politicians to face such a decision.

  5. Angela Merkel, Theresa May and Emmanuel Macron John Thys/Getty Images

    How Money Could Unblock the Brexit Talks

    With talks on the UK's withdrawal from the EU stalled, negotiators should shift to the temporary “transition” Prime Minister Theresa May officially requested last month. Above all, the negotiators should focus immediately on the British budget contributions that will be required to make an orderly transition possible.

  6. Ksenia Sobchak Mladlen Antonov/Getty Images

    Is Vladimir Putin Losing His Grip?

    In recent decades, as President Vladimir Putin has entrenched his authority, Russia has seemed to be moving backward socially and economically. But while the Kremlin knows that it must reverse this trajectory, genuine reform would be incompatible with the kleptocratic character of Putin’s regime.

  7. Right-wing parties hold conference Thomas Lohnes/Getty Images

    Rage Against the Elites

    • With the advantage of hindsight, four recent books bring to bear diverse perspectives on the West’s current populist moment. 
    • Taken together, they help us to understand what that moment is and how it arrived, while reminding us that history is contingent, not inevitable


    Global Bookmark

    Distinguished thinkers review the world’s most important new books on politics, economics, and international affairs.

  8. Treasury Secretary Steven Mnuchin Bill Clark/Getty Images

    Don’t Bank on Bankruptcy for Banks

    As a part of their efforts to roll back the 2010 Dodd-Frank Act, congressional Republicans have approved a measure that would have courts, rather than regulators, oversee megabank bankruptcies. It is now up to the Trump administration to decide if it wants to set the stage for a repeat of the Lehman Brothers collapse in 2008.