Myanmar refugee © WFP/Saikat Mojumder

Die Versorgung von Myanmars Flüchtlingen

COX’S BAZAR – Im Rohingya-Flüchtlingslager in der Hafenstadt Cox’s Bazar in Bangladesch erstreckt sich, soweit das Auge reicht, ein Meer von unter der erbarmungslosen Sonne schimmernden Metalldächern. Mohammed, ein 60-jährigerEinwohner der Stadt, grüßt mich vor seinem neuen Haus und dankt mir mit atemlosem Krächzen für unsere Unterstützung. Er leidet unter einer Kehlkopferkrankung, die sich problemlos behandeln ließe, doch er kann sich die Operation nicht leisten. Aber er ist schlicht dankbar, noch am Leben und der Folter und dem Elend in Myanmar entkommen zu sein.

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Wie viele der Flüchtlinge aus Myanmar erreichte Mohammed Bangladesch nach einem fünf Tage währenden Fußmarsch. Leider war seine Not damit noch lange nicht zu Ende. Wie Zehntausende andere, die sich in ihrem Streben nach Sicherheit hier zusammendrängen, vegetiert er auf einem schlammigen, unfruchtbaren Hang mit seinen Kindern und Enkeln dahin. Was seine Familie zu essen hat, hängt von anderen ab, darunter den von meinen Kollegen vom World Food Programme (WFP) zur Verfügung gestellten Lebensmittelhilfen.

Das WFP leistet Lebensmittelsoforthilfe für fast 700.000 Rohingya. Es liefert nährstoffreiche Kekse an Neuankömmlinge und versorgt eingetragene Lagerbewohner regelmäßig mit Reis, Pflanzenöl und Linsen. Wir liefern außerdem warme Mahlzeiten (durch Gemeinschaftsküchen) und Nährstoffpräparate für Schwangere, stillende Mütter und Kleinkinder.

Die Rohingya hier sind vor Verfolgung geschützt, aber die Drohung durch Krankheit und Mangelernährung verfolgt sie. Wir werden täglich daran erinnert, wenn wir das Lager durchkämmen, um nach den Familien zu schauen, die Unterstützung vom WFP erhalten. Der Anblick kleiner Kinder, die barfuß im verdreckten Wasser planschen oder in Bächen waten, in denen Extremente schwimmen, ist allgegenwärtig. Es laufen Kampagnen zum Bau von Toiletten, doch es ist noch viel mehr erforderlich, um das Risiko des Ausbruchs über das Wasser übertragener Krankheiten zu verringern.

Da die Flüchtlingszahlen täglich steigen, nehmen die Fälle von Mangelernährung insbesondere unter Müttern und kleinen Kindern zu. Vorläufige Ergebnisse einer gemeinsamen Ernährungsbewertung zeigen, dass eines von vier Kindern unter Mangelernährung leidet, und die Flüchtlinge sind verzweifelt, wenn sie die Grenze überqueren. Die Mangelernährungsraten im nördlichen Rakhaing-Staat waren bereits vor der Flucht der Rohingya hoch. Bedingt durch die Mühsal ihrer Reise und die Bedingungen, unter denen sie jetzt leben, hat sich die Gesundheit der Vertriebenen bedauerlicherweise noch weiter verschlechtert.

Um zu verhindern, dass sich die Mangelernährung fest etabliert, braucht die internationale Gemeinschaft in vielen Bereichen zusätzliche Ressourcen und eine bessere Finanzausstattung. Anfang Oktober erklärte das WFP, dass Soforthilfen in Höhe von 77 Millionen Dollar erforderlich seien; dies gilt nach wie vor, und angesichts des zunehmenden Ausmaßes des Leids wächst der Bedarf an Ressourcen täglich.

Doch reicht Lebensmittelhilfe allein nicht aus, um die Krise zu überwinden. Schlechte Abwassersysteme und eine unsichere Trinkwasserversorgung können die Gesundheit genauso leicht untergraben. Heute erklären uns mehr als die Hälfte der Neuankömmlinge bei der Aufnahme im Lager, dass ihre Kinder unter Durchfall leiden. Angesichts derart düsterer Umstände sind Notrationen nur der erste Schritt. Sobald der schlimmste Hunger gestillt ist, brauchen die Flüchtlinge Hilfe, um wieder eine Ernährung mit vielfältigen, vor Ort bezogenen Lebensmitteln zu gewährleisten.

Zu diesem Zweck bemüht sich das WFP, sein elektronisches Gutscheinprogramm auszuweiten. Dabei handelt es sich um eine Guthabenkarte, mit der Familien auf dem örtlichen Markt zwischen 19 verschiedenen Lebensmitteln auswählen können, darunter Knoblauch, Grüngemüse, Zwiebeln und Chilischoten. Wir planen zudem für 2018 die Einführung eines elektronischen Gutscheinprogramms für neue Flüchtlinge. Diese Initiativen werden die Flüchtlinge in die Lage versetzen, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen und auf regelmäßiger Basis nährstoffreiche Lebensmittel zu kaufen, und unterstützen zugleich die örtlichen Geschäfte.

Mangelernährung zu bekämpfen bedeutet auch, die sozialen Realitäten des Lagerlebens zu bewältigen. Es ist häufig einfacher, die Mangelernährung von Frauen und Kindern zu messen, indem man diese in ihren Unterkünften besucht. Dies gilt insbesondere für Frauen ohne große Familien oder solche, deren Männer nicht damit einverstanden sind, dass sie das Gesundheitszentrum allein besuchen. Zu Fuß durch die schlammigen, schlecht beleuchteten Lager zu gehen, birgt ebenfalls Gefahren. Doch während unsere Mitarbeiter von Hütte zu Hütte gehen, um den Menschen zu helfen, Lebensmittel- und Ernährungszentren zu finden, tun wir uns schwer, sie alle zu erreichen.

Als die ersten Flüchtlinge Ende August während des muslimischen Opferfestes in Cox’s Bazar eintrafen, zeigten die Einwohner enorme Großzügigkeit. Unsere Mitarbeiter hörten zahllose Geschichten über Einheimische, die die besonderen Lebensmittel, die sie für die Festlichkeiten zubereitet hatten, mit den hungrigen Neuankömmlingen teilten. Die Einheimischen hier sind Besucher gewohnt. Die traumhaften, 120 km langen Naturstrände locken jedes Jahr tausende von Urlaubern an. Zudem kommen hier seit Jahrzehnten Flüchtlinge an, die vor Gewaltausbrüchen in Myanmar fliehen.

Leider sind Opferfest und Lebensmittelüberschüsse inzwischen nur noch eine ferne Erinnerung. Viele Einheimische sind Fischer oder Reisbauern, und ihr Land, ihre Märkte und Straßen mit der enormen Zahl an Flüchtlingen zu teilen überfordert ihre Ressourcen.

Um das Potenzial von Spannungen zwischen den Flüchtlingen und ihren Gastgebern zu verringern, müssen die internationalen Hilfsbemühungen auf beiden Gruppen ausgerichtet werden. Das WFP erfüllt daher nicht nur die dringendsten Grundbedürfnisse der Flüchtlinge, sondern weitet zudem seine Schulspeisungen und Aktivitäten zur Verbesserung der Ernährung und der Lebensgrundlagen für die aufnehmenden Gemeinschaften aus.

Trotz der trostlosen Umstände sind die Menschen, die ich in den Lagern getroffen habe, außergewöhnlich belastbar. Die Kinder bauen sich Spielzeug aus allem, was sie finden können. Die Frauen verweben geschickt Bambusstangen zu Wänden für ihre Unterkünfte. Und wo immer man hinschaut, ergreifen Männer, Frauen und Kinder – trotz der täglichen Lasten von Lebensmitteln und Feuerholz, die sie tragen – kleine Schritte, um ihr Leben zu verbessern.

Ihre zähe Entschlossenheit, dafür zu sorgen, dass morgen ein besserer Tag ist als gestern, weckt in einem ein Gefühl von Demut. Die Rolle des WFP und der internationalen Gemeinschaft, die die Behörden von Bangladesch unterstützen, besteht darin, die Not der Rohingya heute zu lindern und auf Lösungen hinzuarbeiten, die ihnen helfen, morgen ihr Ziel eines künftigen besseren Lebens wahr werden zu lassen.

Aus dem Englischen von Jan Doolan

http://prosyn.org/SkoTjOX/de;

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