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Das nächste Feuer im Finanzsystem

WASHINGTON, DC – Anfang 2007 begann die schlimmste Finanzkrise in 80 Jahren ihren Lauf zu nehmen und erreichte 18 Monate später mit dem Zusammenbruch von Lehman Brothers und den weltweit spürbaren Schockwellen ihren Höhepunkt. Verzweifelte staatliche Maßnahmen ersparten uns eine Große Depression II und offizielle staatliche Vertreter gelobten, wir würden „nie wieder“ mit derartigen Risiken konfrontiert sein. Politiker und Zentralbanker nahmen einen umfangreichen Prozess nationaler Reformen und internationaler Koordination in Angriff, wobei sämtliche Bestrebungen darauf abzielten, das Risiko eines Zusammenbruchs sehr großer Banken zu senken. 

Einerseits präsentiert sich das globale Finanzsystem ein Jahrzehnt später sicherer. Andererseits hat sich an der Struktur nicht viel geändert – sie wurde womöglich noch anfälliger. Doch anstatt den Reformprozess zu vollenden, scheinen die politischen Entscheidungsträger auf beiden Seiten des Atlantiks entschlossen, die meisten Maßnahmen, die dem bisher erreichten Erfolg zugrunde liegen, rückgängig machen zu wollen.

Drei wichtige Errungenschaften wurden im letzten Jahrzehnt erreicht. Zunächst sind einige Finanzunternehmen zusammengebrochen und das aus gutem Grund: entweder ihr Geschäftsmodell war schlecht oder sie waren schlecht geführt oder beides. Gleichzeitig bauten stärkere Finanzunternehmen ihre Marktanteile aus.

Zweitens verlagerte sich die Finanzausstattung der Banken von Schulden in Richtung Eigenkapital. Vor der Krise wiesen mehrere prominente Banken einen Eigenkapitalanteil von weniger als 2 Prozent auf – waren also zu über 98 Prozent durch Schulden finanziert. Derartiges kommt heute nicht mehr vor. 

Drittens bestehen mittlerweile Beschränkungen hinsichtlich der Aktivitäten der größten Banken. Die so genannte Volcker-Regel verbietet den in den USA ansässigen Banken den Eigenhandel – eine Form der Spekulation auf eigene Rechnung. In anderen Ländern wuchs die Skepsis der Bankenaufsichtsbehörden gegenüber der angeblich durchdachten Risikobereitschaft. Vorsicht liegt also in der Luft.

Leider könnten sich sämtliche dieser Errungenschaften als kurzlebig erweisen. Mächtige Personen wollen die Beschränkungen für Banken in den USA und Großbritannien aufheben. Man rechnet beispielsweise damit, dass die Volcker-Regel möglicherweise durch Goldman Sachs und die vielen Ehemaligen aus dem Unternehmen, die mittlerweile in hochrangigen Positionen der US-Regierung vertreten sind, unter Druck kommt.

Gary Cohn, ehemaliger Vorstandsvorsitzender und leitender Geschäftsführer von Goldman Sachs sowie nunmehr Vorsitzender des wirtschaftlichen Beraterstabes von Präsident Donald Trump, ist der Ansicht, dass man die Kapitalanforderungen senken - und damit den Banken mehr Fremdfinanzierung und weniger Eigenkapital zugestehen - sollte, um damit die Wirtschaft anzukurbeln. Genau das geschah Anfang der 2000er Jahre. Setzt sich Cohn durch, werden auch die Folgen ähnlich sein: nämlich katastrophal.

Seit 2008 weist das globale Finanzsystem eine in bedeutendem Maße stärkere Konzentration auf. Die größten US-Banken entwickelten sich im Vergleich zu ihren Konkurrenten, darunter auch große europäische Banken, vergleichsweise gut. Infolgedessen bleiben Banken wie JPMorgan Chase in Schlüsselmärkten – und in der gesamten weltweiten Finanzinfrastruktur – viel zu groß, als dass man sie scheitern lassen könnte.

Das Finanzwesen erscheint zuweilen kompliziert, aber was auf dem Spiel steht, präsentiert sich ziemlich einfach. US-Senator Jack Reed fasste es kürzlich treffend zusammen:

„Meine Wählerschaft braucht keine ausgekl��gelten Berechnungsmethoden oder Formeln, um den Wert und den Nutzen einer Reform der Wall Street sowie den Sinn hinter der Eindämmung rücksichtsloser Gier zu verstehen. Es bestehen ein Wert und ein Nutzen im Schutz der Verbraucher und ihrer hart erarbeiteten Einkommen. Und es bestehen ein Wert und ein Nutzen darin, einer Familie ihr Eigenheim zu lassen und eine Versteigerung zu verhindern.”

Die politische Sicht von Regierungsvertretern wird durch ihre Weltsicht geprägt – und durch Erfahrungen, die sie machten. War jemand von einer Finanzkrise in dramatischer Weise betroffen, wird er wohl wenig Lust darauf haben, alles noch einmal zu erleben.

Im Falle von Personen allerdings, die von der Krise richtig profitierten  – weil sie beispielsweise am Tiefpunkt der Entwicklung billig Vermögenswerte kauften oder Marktanteile ausbauten – scheint es vernünftig anzunehmen, dass sie wohl weniger Vorsicht walten lassen werden. Reed verwies genau auf diesen Punkt, als er über die Eignung von Steve Mnuchin – eines ehemaligen Goldman Sachs-Vizepräsidenten – als Finanzminister sprach:

„Jemand, der sein Vermögen mit aggressiven Zwangsvollstreckungen an amerikanischen Mitbürgern machte, besitzt meiner Ansicht nach nicht die richtigen Werte für das Amt des Finanzministers. Aufgrund seines Werdegangs bin ich nicht überzeugt, dass Mr. Mnuchin in der Lage ist, den Sumpf trockenzulegen und ich fürchte, er wird das System letztlich auf Kosten der Amerikaner aus der Arbeiterschicht zugunsten des obersten 1 Prozent zurechtzimmern. ”

Doch der Senat bestätigte Mnuchin und das deutet darauf hin, dass wir wieder an den Ausgangspunkt zurückkehren. Wie James Kwak und ich in unserem Buch 13 Bankers dokumentierten, führte die Deregulierung des Finanzsektors der 1980er und 1990er Jahre zum Immobilienboom Anfang der 2000er Jahre; dieser ebnete den Weg für die Finanzkrise des Jahres 2008, die 2010 und danach wiederum Anlass zu neuen Reformen gab. Diese Reformen waren durchaus ernsthaft, gingen aber nicht weit genug und sie können ohne große Schwierigkeiten wieder rückgängig gemacht werden. Die Trump-Administration ist im Begriff, genau das zu tun.

Die Großbanken werden noch größer. Die Kapitalausstattung wird sinken. Und vernünftige Risikomanagement-Strategien werden wieder aus der Mode kommen. Mächtige Menschen leben gut von Booms und Pleiten. Und der Rest muss mit verstärkter Ungleichheit und einem höheren Maß an krisenbedingter Armut rechnen.

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier