Sterben - heutzutage

Wieder einmal ist das Töten von Artgenossen im Gang, diesmal in dem Land, in dem das Paradies gelegen haben soll, dem Land des Euphrat und Tigris. Es ist nicht schlimmer als die zahllosen Massaker der letzten Jahrzehnte, eher sogar behutsamer. Und es findet, wie es heißt, statt, um anderem späteren Töten zuvorzukommen. In jedem Fall ist das bewußte Töten von Artgenossen ebenso wie die Selbsttötung ein menschliches Privileg. Es hängt damit zusammen, daß der Mensch, wie wir Grund haben anzunehmen, das einzige Wesen ist, das vom Tod weiß, von fremden und vom eigenen. Wir wissen, daß wir sterben müssen. "Wesen bist du unter Wesen / Nur daß du hängst am Schönen / Und weißt: du mußt davon", heißt es in einem Gedicht von Reiner Kunze. Dieses Wissen durchdringt jeden Augenblick unseres Lebens. Media in vita in morte sumus - Mitten in dem Leben sind wir vom Tod umfangen - heißt es in einem mittelalterlichen Lied. Heidegger hat das Wissen um den Tod zum Schlüssel seiner Hermeneutik des Daseins gemacht. Das Wissen vom Tod erst läßt uns entdecken, was leben heißt. Die heimliche Angst vor dem Tod aber vereinsamt jeden Menschen, denn es gibt kein gemeinsames Sterben. Jeder muss es allein tun, und wem das einmal bewußt geworden ist, für den ist es nicht mehr möglich, den Sinn seines Daseins aus der Gesellschaft zu beziehen. Denn er wird die Gesellschaft verlassen und sie ihn. Dieses Wissen ist eigentümlich ambivalent. Einerseits hat es die Tendenz, dem menschlichen Tun und Treiben jeden Sinn zu entziehen; es ist am Ende alles vergeblich. Andererseits ist es erst die gewußte Endlichkeit, die dem Dasein seine Kostbarkeit gibt. Würden wir nicht sterben, verlöre alles seine Bedeutung. Alles, was wir heute tun, könnten wir ebenso gut morgen tun. Für eine auf Liebe gegründete menschliche Lebensgemeinschaft sind 60 Jahre eine kurze Zeit. Man kann am Tag der Goldenen Hochzeit den Wunsch haben, jetzt möchte es erst richtig anfangen. Aber ohne Ende? Das würde sofort alles zerstören. Das Wissen vom Ende eröffnet uns erst die Dimension von so etwas wie Sinn, in der dann auch das Gefühl der Sinnlosigkeit möglich wird.

"Nur daß du hängst am Schönen...", das ist das andere Kennzeichen des Menschlichen in dem Gedicht von Kunze. Die Erfahrung des Schönen hängt mit dem Wissen vom Tod eng zusammen. Es ist die Erfahrung von etwas, das seinen Sinn nicht aus seinem Wert für unsere biologische Selbsterhaltung bezieht und auch nicht aus seinem Nutzen für andere, die ja ebenfalls sterben müssen. Schön nennen wir etwas, das seinen Sinn in sich selbst hat. Und dazu gehören auch menschliche Gesten und Handlungen, sogar dann, wenn sie vergeblich oder unwissentlich an den falschen Adressaten verschwendet waren. Das Schöne ist resistent gegen den Strudel des Absurden, in den das Wissen vom Tod hineinzieht. Für den Gläubigen ist es, wie übrigens schon für Platon, ein Vorschein dessen, was den Tod überdauert.

Wie geht die Gesellschaft um mit Sterben und Tod, also mit dem, was jeden Totalitarismus der

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