Die kulturelle Voreingenommenheit der Genetik

Alle Kulturen erlegen ihren Mitgliedern Vorstellungen darüber auf, wer sie sind, wie sie entstanden sind und wo ihr Platz in der Gesellschaft ist. So glaubte man im Europa der Vormoderne, dass eine Frau, die vor der Ehe Sex hat, möglicherweise den Abdruck ihres Liebhabers in sich trägt, so dass ihr ehelich geborenes Kind dem früherem Liebhaber und nicht dem Ehemann ähneln würde. So ließ sich der besondere Wert rechtfertigen, der auf die Unberührtheit der Frau gelegt wurde.

Im Volk verbreitete Vorstellungen über Vererbung sind ein besonders kraftvolles kulturelles Instrument und sie sind nicht auf vormoderne Gesellschaften beschränkt. Sogar die moderne Wissenschaft hat ihre eigenen kulturellen Ideologien über Vererbung, die sich häufig nur schwer von den komplexen Daten und der Hochtechnologie trennen lassen, von denen wir glauben, dass sie objektive, wertfreie Einblicke in die Natur gewähren.

In der Forschung zur Abstammung des Menschen ist bekannt, dass eine menschliche DNA-Sequenz fast zu 99 % mit dem entsprechenden DNA-Abschnitt eines Schimpansen identisch ist. Davon ausgehend wird nicht selten geschlussfolgert, dass wir “nichts als” Schimpansen sind (und zu aggressivem Verhalten verdammt sind oder die Eigenschaften besitzen, die Menschenaffen heutzutage gerade zugeschrieben werden,) oder dass Menschenaffen Menschenrechte zustehen. Einmal mehr sind gesellschaftliche Bedeutungen mit Auffassungen von Vererbung verstrickt.

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