putin standard bearer Lanzinger Project Syndicate
adapted from Hubert Lanzinger's painting Der Bannerträger

Die Wiederauferstehung Iwans des Schrecklichen

ATLANTA – Während ein großer Teil der Welt damit beschäftigt ist, Monumente für Tyrannen abzureißen, machen die Russen genau das Gegenteil: sie stellen Statuen von Kriegsfürsten aus dem Mittelalter auf, die für ihren Despotismus bekannt waren. Wenn wir dieses Phänomen verstehen, können wir auch die Richtung der russischen Politik verstehen.

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Im vergangenen Oktober wurde mit der Billigung des russischen Kulturministers Wladimir Medinski das erste Denkmal für Iwan den Schrecklichen in der Stadt Orel enthüllt. Einen Monat später forderte der Anführer der ultranationalistischen Liberal-Demokratischen Partei Russlands, Wladimir Zhirinowski, die Leninskij Ave in Moskau in Autobahn Iwan der Schreckliche umzubenennen. Und im Juli dieses Jahres hat auch Präsident Wladimir Putin in Moskau dem Tyrannen Tribut gezollt und erklärt, fälschlicherweise, Iwan der Schreckliche habe höchstwahrscheinlich niemanden umgebracht, noch nicht einmal seinen eigenen Sohn.

Die meisten Historiker sind sich einig, dass Iwan seinem Namen alle Ehre gab und nicht nur seinen eigenen Sohn und andere Verwandte ermordete, sondern auch die Opritschnina anordnete, die staatlich geleiteten Säuberungen, die Russland zwischen 1565 und 1572 terrorisierten. Er war für die Niederlage Russlands im Livländischen Krieg verantwortlich, und seine Missregierung trug zu der Smuta, der Zeit der Wirren, und der zerstörerischen Entvölkerung des Staates bei.

Josef Stalin begann mit dem modernen Kult um Iwan den Schrecklichen. Aber seit Mitte der 2000er Jahre hat die Eurasische Partei Russlands – eine politische Bewegung, die von dem profaschistischen Mystiker Alexander Dugin angeführt wird, – Iwan als die beste Verkörperung einer „authentischen” russischen Tradition positioniert: der autoritären Monarchie.

Dugins Variante des „Eurasismus” spricht sich für ein „neues Mittelalter” aus, wo das bisschen, das von der russischen Demokratie übriggeblieben ist, durch einen absoluten Autokraten ersetzt wird. In Dugins idealer Zukunft würde eine mittelalterliche soziale Ordnung wiedereingeführt, das Kaiserreich wiederhergestellt und die orthodoxe Kirche wieder die Kontrolle über Kultur und Bildung übernehmen.

Der Eurasismus, der in den 1990ern ein Schattendasein führte, hat in den letzten Jahren erheblichen Zulauf bekommen, weil er zu der Bildung des so genannten Isborsk-Klubs beigetragen hat, der die russische extreme Rechte vereint. Putin hat den Eurasismus verschiedentlich als wichtigen Teil der russischen Ideologie bezeichnet und ihn sogar zum Gründungsprinzip der „Eurasischen Wirtschaftsunion” erhoben, einem aufstrebenden Wirtschaftsraum der ehemaligen Sowjetstaaten.

Der Eurasismus ist der gemeinsame Nenner der ultranationalistischen Gruppierungen, um den herum sie sich scharen. Er hat den Symbolen des Totalitarismus wie Iwan dem Schrecklichen oder Stalin auch Legionen neuer Anhänger beschert.

Die prominentesten unter ihnen sind Mitglieder der Eurasischen Partei, für die politischer Terror die effektivste Form der Regierung ist und die eine „neue Opritschnina” ausrufen – eine streng anti-westliche eurasische konservative Revolution. Laut Michail Jurjew, einem Mitglied des politischen Rats der Eurasischen Partei und Autor des utopischen Romans „Das dritte Kaiserreich”, sollten die Opritschniken die einzige politische Klasse sein und durch Angst regieren.

Iwan der Schreckliche ist nicht das einzige Relikt aus der Vergangenheit, das in Russland zu neuem Leben erweckt wird. Das entsprechende kulturelle Vokabular kehrt auch zurück. Das Wort Kholop beispielsweise, das „Leibeigener” bedeutet, ist immer öfter zu hören. Das ist eine linguistische Devolution, die mit einem besorgniserregenden Anstieg der Sklaverei in Russland einhergeht. Laut Daten aus dem Globalen Sklavenindex sind zurzeit mehr als eine Million Russen in der Bauindustrie, beim Militär, in der Landwirtschaft und im Sexgeschäft versklavt. Und damit nicht genug, die „Besitzer” der Leibeigenen bezeichnen sich selbst stolz als moderne Barin.

Selbst russische Beamte sprechen wohlwollend über moderne Sklaverei. Waleri Sorkin, Vorsitzender des Verfassungsgerichts, schrieb in der Rossijskaja Gaseta, dem Amtsblatt der russischen Regierung, das Leibeigentum sei schon seit langer Zeit der „soziale Kitt” Russlands. Und ein weiterer mittelalterlicher Begriff – lydi gosudarevy –, was so viel heißt wie „Diener seiner Majestät”, erfreut sich bei hochrangingen Bürokraten zunehmender Beliebtheit.

Die Sehnsucht nach Leibeigentum geht Hand in Hand mit einer Rückkehr zur Autokratie. Bekannte russische Intellektuelle, wie Filmemacher Nikita Michalkow, Journalist Maxim Sokolow und Wsewolod Tschaplin, ein russischer orthodoxer Geistlicher, fordern die Krönung Putins, unterstützende Online-Petitionen haben großen Zulauf. Bezeichnenderweise werden die Proteste gegen Putins Regime aus dem Jahr 2012 zunehmend nicht als Protest gegen Putin selbst, sondern gegen die soziale Ordnung interpretiert, die der Eurasismus anstrebt.

Putins stillschweigende Unterstützung der eurasischen Vision eines neo-mittelalterlichen Russlands beschwört die historische Erinnerung an den Stalinismus herauf. „Stalin hat das Sowjetreich erschaffen,” so Dugin. „Und wie Iwan der Schreckliche drückt dies den Geist der sowjetischen Gesellschaft und der sowjetischen Menschen aus.” Da ist es kein Wunder, dass sich auch die Stalin-Monumente in russischen Städten vermehren.

Eine moderne Bewunderung für das Mittelalter beruht auf der Sehnsucht nach einer Gesellschaft, die auf Ungleichheit, Kaste und Klan aufgebaut ist und durch Terror beherrscht wird. Die Erhöhung historischer Tyrannen reflektiert die moderne Akzeptanz derartiger prä-moderner, radikal antidemokratischer und ungleicher Werte. Für die modernen Anhänger Iwans ist die Vergangenheit lediglich ein Prolog.

Aus dem Englischen von Eva Göllner.

http://prosyn.org/sw72VQH/de;

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