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Eine stärkere Konjunkturerholung durch ein besseres Rechnungswesen

NEW YORK – Eine Auswirkung der COVID-19-Lockdowns in diesem Jahr ist, dass viele junge Erwachsene vorübergehend wieder zu ihren Eltern gezogen sind und ihre Wohnungen an andere Wohnungssuchende untervermietet haben. Für diejenigen, die ihre Arbeit verloren haben, war die derart erzielte Miete zweifellos ein willkommenes und notwendiges Sicherheitsnetz. Dank der modernen „Gig Economy“ können die Opfer des Konjunkturabschwungs wie Unternehmen agieren und ihre Bilanzen optimieren, um die Einkünfte aus ihrem bestehenden Vermögen zu maximieren.

Angesichts des Ausmaßes der Ausgaben, das diese Krise verlangt, sollte auch die Politik einen kreativeren Ansatz in Betracht ziehen. Die Pandemie bietet den Regierungen eine einzigartige Chance, ihre Finanzen zu konsolidieren, indem sie nicht nur Ausgaben und Einnahmen betrachten, sondern auch Aktiva und Passiva. Durch einen integrierten Ansatz, so wie man ihn bei einer Unternehmensrestrukturierung verfolgen würde, können die Regierungen den Weg für eine stärkere Erholung ohne die Notwendigkeit übertriebener Sparmaßnahmen und damit einhergehender sozialer Härten bereiten.

Erkenntnisse aus dem Finanzmanagement der Privatwirtschaft können nicht nur das Bewusstsein der Regierungen für die Vor- und Nachteile von Ausgabensenkungen und Steuererhöhungen schärfen. Sie zeigen auch, dass sich die Staatsverschuldung als Anteil der physischen Vermögenswerte messen lässt, die eine Regierung besitzt. So gesehen braucht sich eine Regierung nicht allein auf das prognostizierte jährliche BIP zu stützen, wenn sie das für die Bedienung ihrer Schulden benötigte Geld generiert. Statt Investitionen als unmittelbare Ausgabe zu behandeln, kann sie damit beginnen, ihr enormes öffentliches Vermögen durch eine ordnungsgemäße Bilanzierung ihrer langfristigen Investitionen in die Infrastruktur zu nutzen.

Wenn die Zeit kommt, um die Steuern zu erhöhen oder die Ausgaben zu senken, werden die Regierungen entsprechend ihrer jeweiligen Haushaltslage die Vor- und Nachteile abwägen müssen. Während Irlands allgemeine Staatsausgaben sich 2018 auf 25% vom BIP beliefen, gaben die USA den Gegenwert von 38% vom BIP aus, und der Anteil der öffentlichen Ausgaben vom BIP in Frankreich (das das höhere Ende des Spektrums repräsentiert) betrug 56%. Dies impliziert, dass es für Irland viel einfacher wäre, seine langfristige Haushaltslage durch Steuererhöhungen zu verbessern als durch Senkung der öffentlichen Ausgaben, während in Frankreich vermutlich als Erstes Ausgabensenkungen erfolgen müssten.

So oder so ist es wichtig, dass die Regierungen die Vermögenslage des öffentlichen Sektors zu einer zentralen fiskalischen Messgröße machen. Volkswirtschaften, in denen der öffentliche Sektor bilanziell besser dasteht, neigen zu weniger tiefen Rezessionen und einer schnelleren Erholung, weil sie mehr Spielraum für eine antizyklische Fiskalpolitik haben und daher weniger zu Unsicherheit führende Ad-hoc-Maßnahmen einsetzen müssen.

Wie beim Vermögen der privaten Haushalte sollte eine Bilanz des öffentlichen Sektors sowohl das Vermögen als auch die Schulden einer Regierung umfassen. Ein nützliches Modell für die aktuelle Krise bietet der neuseeländische Public Finance Act von 1989. Mit einer starken Bilanz des öffentlichen Sektors und einem Fokus auf die Vermögenslage hat das Land seit seiner letzten tiefen Finanzkrise vor 30 Jahren problemlos mehrere negative Erschütterungen bewältigt. Dies wäre ein optimaler Zeitpunkt auch für andere Regierungen, sich die Wichtigkeit aller Elemente der Bilanz des öffentlichen Sektors bewusst zu machen und die Art und Weise, wie sie investieren und bestehende Aktiva zugunsten längerfristiger Ziele nutzen, zu überdenken.

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Natürlich sollte die aktuelle Krise auch zu einer Neubewertung der realen finanziellen Auswirkungen von Kreditbürgschaften anregen, die viele Regierungen derzeit dem privaten Sektor in massivem Umfang gewähren. Es besteht eine offensichtliche und ernste Gefahr, dass einige Banken und Unternehmen in Konkurs gehen werden, und an dem Punkt werden diese Kreditbürgschaften eingefordert werden. Dass diese Versprechen gegenwärtig behandelt werden, als wären sie „gratis“ zu haben, ist ein weiterer Grund für die Regierungen, eine ordnungsgemäße Periodenrechnung unter Verwendung eines Modells für zu erwartende Kreditverluste einzuführen.

Genau wie Plattformen wie Airbnb und Uber einigen Menschen helfen können, ihre Aktiva während einer Pandemie besser zu nutzen, kann ein besserer Ansatz beim öffentlichen Rechnungswesen den Regierungen helfen, dringend benötigte Einnahmen verfügbar zu machen und sich zugleich vor derzeit ignorierten Risiken zu schützen. Weil diese Einnahmeströme fortlaufend fließen würden, sind sie eine deutlich bessere Lösung, als bei jedem Konjunkturschock oder Abschwung Notverkäufe einzuleiten.

Noch besser ist, dass diese zusätzlichen Einnahmen zur Verringerung bestehender Schulden (und damit der Notwendigkeit zur Aufnahme neuer Kredite) oder zum Aufbau staatlichen Vermögens genutzt werden können und so einen Finanzpuffer bieten, mit dem Regierungen ihr Länderrating verbessern und ihre Kapitalkosten senken können. Wie bei Unternehmen oder Privatpersonen würden effizienter verwaltete stattliche Aktiva zu Wirtschaftswachstum beitragen, Kapitalflüsse zugunsten des Staatshaushalts generieren und die Nettobetriebskosten senken. Nur würde in diesem Fall die gesamte Gesellschaft profitieren.

Aus dem Englischen von Jan Doolan

https://prosyn.org/I8Heo6Jde