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Emmanuel Macron und die postrevolutionäre Idee

PARIS – Nein, die Pariser Wähler sind nicht „zum Kotzen“, wie es der erbärmliche Henri Guaino am Montag nach dem Verlust seines Sitzes in der Nationalversammlung äußerte. Man kann den Anteil der Nichtwähler – von dem man uns seit 30 Jahren eingetrichtert hat, dass er dem Front National nutzt – nicht jetzt heranziehen, um den Erfolg von La République en Marche!, der neuen Partei des französischen Präsidenten Emmanuel Macron, zu erklären. Und nein, Macron beginnt nicht mit 39 eine Karriere als Diktator, genauso wenig, wie Charles de Gaulle es im Alter von 67 tat.

Kurz gefasst: So gut wie nichts, was in den letzten Tagen über die französische Politik geäußert wurde, erklärt den anscheinenden Erdrutsch, der mit der ersten Runde der Parlamentswahlen am Sonntag begann. Und die wilde Folge von Nachrichten seit Sonntag bereitet jenen, die es seit Jahren vorgezogen haben, nichts zu hören, nun echtes Ohrensausen.

Was also ist hier im Gange? Wie hat Macron, ein politischer Neuling, dem das Schicksal beschieden schien, als Präsident tausendundeins instabilen Koalitionen vorzustehen, die beispiellose Leistung erbracht, unter dem Banner einer Partei, die noch vor ein paar Monaten im Wesentlichen aus ihm allein bestand, rund 400 Abgeordnete in die 577 Sitze umfassende Nationalversammlung zu entsenden?

Zunächst einmal gehört hierzu natürlich Virtuosität, eine Qualität, die – wie Hannah Arendt es in ihrem Kommentar zu Aristoteles’ Nikomachischer Ethik beschrieben hat – von Künstlern und Politikern geteilt wird. Daneben war da die eindeutige Mittelmäßigkeit der Populisten (von Marine Le Pen auf der Rechten und Jean-Luc Mélenchon auf der Linken), die aufgrund des von ihnen propagierten nationalen Egoismus in den Abfluss gespült wurden.

Doch der wichtigste Faktor, auf den sich Macrons Erfolg gründet, ist meiner Meinung nach der Strukturwandel, den ich vor einem Jahrzehnt in meinem Buch Left in Dark Times beschrieben habe. Dieser Strukturwandel hat nun seinen Höhepunkt erreicht.

Es begann alles mit der Französischen Revolution. Oder um es genauer zu sagen, alles steht und fällt mit der französischen Erfindung des Konzepts der „Revolution“, das rasch in die Spitze unseres politischen Denkens aufstieg – wie ein Fixstern, um den herum sich die übrigen Sterne sammeln. Diejenigen, die der revolutionären Perspektive wohlwollend gegenüber standen, sammelten sich links, und diejenigen, die die Revolution als ständige Bedrohung ansahen und ihr entgegenwirkten, sammelten sich rechts.

Aber dann, in der kurzen Zeitspanne zwischen der chinesischen Revolution von 1949 und dem kambodschanischen Alptraum von 1975-1979, machten die Menschen eine Entdeckung: Je radikaler die Revolution, desto blutiger und barbarischer wird sie. Eine Revolution – das hatte sich nun gezeigt – war nicht nur schwierig oder trügerisch oder unmöglich; sie war schlicht verabscheuenswürdig. Der Fixstern verdunkelte sich und wurde zu einem Schwarzen Loch, das sein eigenes Licht und das der geringeren Sterne verschlang. Ab einem gewissen Punkt musste das komplette politische System in sich zusammenfallen.

An diesem Punkt sind wir nun angekommen. Dies ist nicht das erste Mal, dass die Trennlinie zwischen Links und Rechts in Frankreich verwischt wird. Dasselbe ist, mehr oder weniger, bei Valmy passiert, zur Zeit der Dreyfus-Affäre, während der Vichy-Regierung und in der Frage des Kolonialismus.

Zerschmettert und neutralisiert jedoch wurden die revolutionären Argumente und Ideen auf den „Killing Fields“ im weit entfernten Kambodscha vor 40 Jahren. Und es waren der anhaltende Schock, die langsame Explosion und die sie begleitende Detonationswirkung, die systematische Entwertung der Trennlinien, Konflikte und letztlich Begrifflichkeiten, die die „französische Ausnahme“ ausmachten. Macrons Triumphe haben dieser nun ein Ende gemacht.

Es stellen sich unmittelbar tausend Fragen: Wie werden sich jene, die unter Macrons Banner an die Macht gespült wurden, nun verhalten? Wenn sie siegestrunken sind, aus welcher Richtung, wann und von wessen Hand wird dann die notwendige ernüchternde Ohrfeige kommen? Wie, wann und wo werden die Gegengewichte, die für ein ordnungsgemäßes Funktionieren einer Demokratie unverzichtbar sind, auftreten?

Und weiter: In welche Richtung entwickelt sich der Westen? Welchem Kompass folgt er, und welchen Horizont steuert er an? Ein Sowohl-als-auch – das Ausbalancieren gegenläufiger Tatsachen und Ideen – war eine allgegenwärtige Formulierung aus Macrons Phrasenbuch. Doch wie lange kann das als politische Linie herhalten?

Wenn wir wirklich am Ende jener historischen Epoche stehen, die 1789 begann, kehren wir dann ins Zeitalter der Aufklärung zurück? Oder in die Zeit unmittelbar davor, als sich ein neuer Sinn für naturgegebene Rechte und das damit einhergehende republikanische Ideal verfestigten? Werden wir den Leviathan neu schreiben oder, was auf dasselbe hinausläuft, den Westfälischen Frieden, ohne diesmal die tragische Radikalisierung Europas und das sich Zusammenbrauen und Wüten der Weltkriege zu durchlaufen?

Egal, was die Zukunft bereithält, die zentrale Tatsache ist eindeutig: Macron hat erkannt, was seine Vorgänger lediglich erahnt haben. Er ist das Instrument oder die Folie für ein langfristiges Ereignis, das vor unseren Augen Gestalt annimmt.

Und ihm fällt nun die Aufgabe zu, ein abgewirtschaftetes Feld neu bestellen und darauf hinzuarbeiten, dass das Ende eines bestimmten Politikverständnisses nicht das Ende der Politik als solcher bedeutet. Es obliegt nun Macron, zusammen mit seinen Wählern und denen, die gegen ihn gestimmt oder (schlimmer noch) sich der Stimme enthalten haben, das Beste zu tun, was man in düsteren Zeiten tun kann: seiner Vorstellungskraft freien Lauf zu lassen, Neues zu erfinden und jene Kunst des Neubeginns zu verkörpern, die Hannah Arendt als das pulsierende Herz des öffentlichen Handelns betrachtete.

Aus dem Englischen von Jan Doolan