soldiers nuns italy 1970s Keystone/Getty Images

Menetekel Italien

PRINCETON – Als Ursprung des Römischen Reiches und der Renaissance hat Italien die kulturellen Entwicklungen in Europa und im westlichen Eurasien seit langem maßgeblich mitgeprägt. Es dient aber ebenso seit langem als Beispiel für politischen Niedergang. Edward Gibbons Klassiker Verfall und Untergang des Römischen Reichessollte seinen Imperien errichtenden Zeitgenossen nicht zuletzt als Warnung dienen.

Auch die wirtschaftliche Stagnation in Italien nach dem frühen siebzehnten Jahrhundert wurde als warnendes Beispiel angeführt. Der englische Kritiker John Ruskin aus dem 19. Jahrhundert beschwor Mitglieder britischer Handelsgesellschaften, über die Tragödien von Tyrus und Venedig nachzudenken. Er beschrieb Venedig in der „Schlussphase ihres Niedergangs“ als „ein Gespenst am Gestade der See, so schwach ‒ so still ‒ so beraubt alles Besitzes außer ihrer Lieblichkeit, dass man im Zweifel sein kann, wenn man ihr mattes Abbild in der Spiegelung der Lagune erblickt, welches die Stadt und welches der Schatten ist“.

Dann kam die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, als Italien zum Paradebeispiel für fruchtbare europäische Integration wurde. In kultureller Hinsicht entwickelte das Land einen Stil, der bis heute enorm einflussreich ist, insbesondere in der Mode, wo Italien weltweit Trends setzt. In exklusiven Einkaufszentren, auf Flaniermeilen und an Flughäfen auf aller Welt finden sich Boutiquen, die italienisches Design (wenn nicht italienische Produkte) feilbieten.

Doch nun ist Italien erneut zum abschreckenden Beispiel geworden. Seit den Parlamentswahlen im vergangenen März hat die politische Szene des Landes die internationalen Beobachter fasziniert und entsetzt zugleich. Die Bildung einer Regierungskoalition aus Rechts- und Linkspopulisten hat viele veranlasst, sich zu fragen, ob eine solche Koalition dem Zufall geschuldet oder ein Symptom des politischen und intellektuellen Konkurses der neoliberalen Globalisierung ist.

Es wird oft behauptet, dass Italiens Abweichen vom übrigen Europa (beim Pro-Kopf-Einkommen) entweder mit der Ratifizierung des Vertrages von Maastricht 1993 oder mit der Einführung des Euro im Jahr 1999 begonnen hat. Aber diese Chronologie verbirgt einen tieferen Wandel im modernen Italien. Immerhin zerfiel Anfang der 1990er-Jahre auch das alte italienische Zweiparteiensystem, und sowohl die Mitte-Rechts-Christdemokraten als auch die Mitte-Links-Sozialisten, die in den Korruptionsskandal Tangentopoli (Stadt der Schmiergeldzahlungen) verwickelt waren, lösten sich auf.

Hinter den Schlagzeilen über Korruption stand die Tatsache, dass ältere Vorstellungen von gemeinsamer Verantwortung nicht mehr galten. So führte die Auflösung der beiden wichtigsten italienischen Parteien zu noch mehr – und stärker institutionalisierter – Korruption, verkörpert durch den ehemaligen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi. Der Immobilienentwickler, Unterhaltungs- und Medien-Tycoon Berlusconi kombinierte das Spektakel fortlaufender Seitensprünge und glamouröser junger Frauen mit einer populistischen Politik, die auf Steuersenkungen und Sympathie für autokratische Petrostaaten wie Russland beruhte. Berlusconis politischer Stil – eine Kombination aus clowneskem Narzissmus und hemmungsloser Käuflichkeit – war Trumpismus avant la lettre.

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Die politische Revolution Italiens war nicht dem Zufall geschuldet, sondern bestimmten gesellschaftlichen Entwicklungen, die auf eine Zeit in den Siebzigern zurückgehen, die die Italiener die „Bleiernen Jahre“ nennen. Diese Zeit und ihre Auswirkungen auf die Gegenwart sind Gegenstand des langen, mäandernden, aber erstaunlich erfolgreichen Romans Die katholische Schule von Edoardo Albinati.

Albinati verbindet pointillistische Beschreibungen mit weitreichender Sozialanalyse. Als ehemaliger Lehrer in einem Gefängnis in Rom kann er auf eine Fülle von persönlichen Begegnungen mit einem breiten Spektrum der italienischen Gesellschaft zurückgreifen. Tatsächlich ist der Roman autobiographisch unterfüttert, denn er dreht sich um das „Massaker von Circeo“ von 1975, eine brutale Vergewaltigung und Ermordung, an der einige Mitschüler des Autors aus der oberen Mittelschicht beteiligt waren.

Albinati nutzt diesen schockierenden historischen Vorfall, um den Zerfall der italienischen Bourgeoisie und den Niedergang der traditionellen Religion zu analysieren. Er erzählt eine Geschichte über die Unbrauchbarkeit von Männern in der modernen Gesellschaft. Für den größten Teil der Menschheitsgeschichte bedeuteten die überlegene körperliche Stärke, die Aggressivität und die Leistungsfähigkeit von Männern im Kampf eine unangefochtene gesellschaftliche und politische Dominanz. In der neuen Welt der Büropolitik haben aber diejenigen die Oberhand, die kreativ und in der Lage sind mit komplexen sozialen Beziehungen umzugehen.

Dieser tiefgreifende gesellschaftliche Wandel gab Männern das Gefühl ständig angegriffen zu werden und führte zu verzweifelten Versuchen ihre Männlichkeit zu demonstrieren. Aufgewachsen mit den sozialen Privilegien der Nachkriegszeit, wurden sie plötzlich zur Bedeutungslosigkeit verurteilt – ein unbrauchbares Geschlecht, das in Albinatis Erzählung mit dem Schwanz einer Eidechse verglichen wird, der nach dem Abtrennen noch eine Weile zuckt. Viele reagierten mit Wut und Gewalt. Einige suchten die Gemeinschaft neofaschistischer Bewegungen, die eine aggressive Form der Männlichkeit heraufbeschworen, während andere sich Gruppen der extremen Linken mit ihren eigenen Gewaltkulten anschlossen.

In der Welt, die Albinati beschreibt, kommt Geld eine besondere Bedeutung zu. Die Ausweitung neuer Freiheiten auf breitere Bevölkerungsschichten lässt den Schluss zu, dass alles möglich ist ‒ aber nur, wenn man die Mittel dazu hat. Albinati gibt widerwillig zu, dass die „Sporen des Marxismus“ ihn zu diesem Schluss geführt haben. Aber es ist dennoch unausweichlich: Geld schafft die Illusion von mehr Freiheit und definiert damit zunehmend die moderne Welt. Obwohl Albinatis Roman in Italien spielt, ist diese Welt sein Thema und es bleibt die Frage, ob es einen Ausweg aus dem ungebremsten Streben nach persönlichen Vorteilen geben kann, das der heutigen sozialen und politischen Misere zugrunde liegt.

Das Römische Reich war nach seinem Fall nicht mehr zu retten, und es dauerte fast tausend Jahre, bis die italienische Halbinsel ihr klassisches Erbe wiederentdeckte. Albinatis Botschaft, die es verdient, ernst genommen zu werden, lautet, dass es, um heute eine neue Renaissance herbeizuführen, notwendig ist, den Kult der Freiheit zu entmystifizieren und die Normen der gemeinsamen Verantwortung in Politik, Wirtschaft und im sozialen Leben zu stärken.

Aus dem Englischen von Sandra Pontow.

http://prosyn.org/ypobi8b/de;

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