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Diesmal ist wirklich anders

BOSTON – Seriöse Anleger sollten eigentlich nicht sagen: „Diesmal ist anders.“ Doch angesichts der Marktverwerfungen der letzten Monate täten sie gut daran, im Auge zu behalten, was im Vergleich zum letzten Umschwung des Wirtschaftszyklus wirklich anders ist.

Das letzte Mal, das war natürlich die globale Finanzkrise von 2008. Anders als damals sind die grundlegenden Wirtschaftsdaten heute nach wie vor stark, was nahelegt, dass eine drohende Rezession kommen und gehen könnte, bevor wir auch nur Zeit haben, sie zu messen. Doch hilft das Anlegern, die die potenziellen Risiken und Chancen des nächsten Zyklus einschätzen wollen, nicht wirklich weiter, denn dieser Zyklus dürfte durch unberechenbare Veränderungen der Liquiditätslage, Politik und Technologie geprägt sein.

Während die Wirtschaftswissenschaftler Konferenzen einberufen, um die Auswirkungen der von den Notenbanken während des vergangenen Jahrzehnts verfolgten quantitativen Lockerung zu analysieren, wollen die Anleger wissen, was die Umkehr dieser Politik für das künftige Finanzumfeld bedeuten wird. Die wichtigen Notenbanken haben ihre über Anleihekäufe erfolgten massiven Liquiditätsspritzen im Wesentlichen beendet und sind nun dabei, ihre Bilanzen zu verkleinern, wenn auch mit unterschiedlicher Geschwindigkeit.

Unabhängig davon, ob die US Federal Reserve die Nervosität am Markt ignoriert, sich Präsident Donald Trump widersetzt und ihre Zinserhöhungen wieder aufnimmt, schrumpft ihre Bilanz derzeit weiter um monatlich 50 Milliarden Dollar. Die Europäische Zentralbank hat ihre Anleihekäufe im Dezember 2018 eingestellt. Und die Bank von Japan könnte sich dem Anfang vom Ende ihres Programms der quantitativen Lockerung nähern – obwohl es eine offene Frage ist, wann das „Ende vom Ende“ sein wird. Insgesamt hat die zu unterschiedlichen Zeiten und über Kanäle unterschiedlicher Größe erfolgte Rückführung dieser Programme eine enorme Menge an Liquidität vom Markt genommen.

Wenn das globale Finanzsystem so etwas wie ein riesiges Schwimmbecken ist, dann werden die Schwimmer jetzt durch heftige Wellen hin und her geworfen. Darüber hinaus dürften jene Unterströmungen, die so lange für einen starken US-Dollar gesorgt haben, nun durcheinandergeraten, da die relativen Wachstumserwartungen sich dem Euroraum und den wichtigen Schwellenmärkten zuwenden könnten. Wir sollten nicht überrascht sein, wenn angesichts der weiteren Rückführung der quantitativen Lockerung plötzlich eine Bank, oder einen Hedgefonds, mittlerer Größe von einem unerwarteten Strudel verschluckt wird.

Die Lage wird zusätzlich noch dadurch kompliziert, dass neue Quellen politischer Unsicherheit die Annahme in Frage gestellt haben, dass sich die Globalisierung und die wirtschaftliche Integration im nächsten Zyklus im selben Tempo fortsetzen werden. Zwar haben Trumps Einfuhrzölle auf Aluminium, Stahl und eine Vielzahl chinesischer Waren bisher nur zu relativ bescheidenen Kosten für einige wenige Zielbranchen geführt. Doch zwingt die Möglichkeit weiterer Destabilisierungen der globalen Wertschöpfungsketten viele multinationale Unternehmen, zu überdenken, wo und wann sie investieren sollten.

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Das ist, was die Wirtschaftsführer meinen, wenn sie ihre Besorgnis über „politische Risiken“ äußern. Selbst wenn die USA und China sich einigen sollten, ihren aktuellen Waffenstillstand im Handelskrieg über die erste Märzhälfte hinaus zu verlängern, bleibt das Potenzial anhaltender Spannungen bestehen. Das bedeutet, dass vorsichtige Anleger die möglichen Kosten zusätzlicher Zölle und umgestalteter Zuliefernetze einkalkulieren müssen, und das möglicherweise dauerhaft.

Genauso finden sich angesichts des nahenden Brexit-Datums am 29. März jene Unternehmen, die in ihren Planungen weiter vom freien Waren- und Dienstleistungsverkehr zwischen dem Vereinigten Königreich und der Europäischen Union ausgegangen sind, jetzt in einem Zustand tiefer Unsicherheit wieder. Natürlich ist das nicht das Ende des Welthandels. Doch werden die Anleger im nächsten Zyklus die potenziellen Kosten neuer Zölle, Grenzkontrollen und anderer Auswirkungen des neuerlichen Populismus und Nationalismus in den wichtigen Volkswirtschaften der Welt einpreisen müssen.

Und schließlich bedrohen überall auf der Welt revolutionäre neue Technologien und disruptive Geschäftsmodelle zunehmend die Gewinnspannen der bisherigen Platzhirsche. Während des letzten Zyklus beflügelte die preiswerte Vernetzung über das Internet die wirtschaftliche Innovation und Integration. Doch werden sich die Unternehmen künftig mit Mobilfunknetzen, billigen digitalen Speichern und zunehmend komplizierten Algorithmen auseinandersetzen müssen, um die enormen Datenströme sinnvoll interpretieren zu können.

Es sind nicht nur Einkaufszentren und Taxiflotten, die Unternehmen wie Amazon und Uber zum Opfer fallen; fast alle Unternehmen sehen sich Herausforderungen durch schlankere, durch die Technologie angetriebene Geschäftsmodelle ausgesetzt. Die produzierende Industrie, der Gesundheitssektor und (schluck!) das Investmentmanagement sind nur einige der Branchen, die inzwischen anfällig für die technologische Destabilisierung sind – und die potenziellen langfristigen Vorteile von Distributed-Ledger- oder Blockchain-Technologien sind hier noch nicht einmal angedacht.

Anders als die Automatisierung der einst von Menschen ausgeübten Aufgaben, die sich vermutlich über viele Jahre und Wirtschaftszyklen hinziehen wird, können lange etablierte Geschäftsmodelle beinah über Nacht auf den Kopf gestellt werden. Fragen Sie einfach Blockbuster Video.

Wirtschaftszyklen wären keine Zyklen, wenn es nicht grundlegende Ähnlichkeiten dabei gäbe, wie Unternehmen Gewinne vereinnahmen, den Wettbewerb und die steigenden Zinskosten bewältigen und im Laufe der Zeit schwächere Marktakteure verdrängen. Es wird immer gewiefte Anleger geben, die in jeder Phase des Zyklus die süßesten Früchte herauspicken können. Und doch erscheint die vor uns liegende Aufgabe komplizierter als gewöhnlich. Die Anleger müssen nun, da der aktuelle Zyklus seinem Ende zusteuert, die mit geringerer Liquidität, zunehmendem Populismus und revolutionären neuen Technologien verbundenen Unsicherheiten mit einkalkulieren.

Diesmal ist wirklich anders, und nicht notwendigerweise zum Positiven.

Aus dem Englischen von Jan Doolan

http://prosyn.org/GSo1Ccl/de;

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