Ist Google unbesiegbar?

BERLIN – Die besten Erfindungen kommen nie zum Abschluss. Als der deutsche Ingenieur Karl Benz sein erstes ölbetriebenes Automobil erfand, schuf er nicht nur einen Motor auf Rädern, sondern gab den Startschuss für einen Wirtschaftsbereich, der die Struktur der Gesellschaft revolutionierte. Auch der englische Computerwissenschaftler Tim Berners­Lee hat nicht nur die erste Webseite der Welt erstellt. Er hat die Grundlage für das World Wide Web geschaffen. Keiner von beiden konnte den Einfluss seiner Taten vorhersehen.

Wenn es eine Lektion gibt, die Wirtschaftspolitiker für 2015 und darüber hinaus lernen sollten, dann ist es diese: Ebenso dynamisch wie Erfindungen sind die Industrien, die daraus entstehen. Wie wir 2014 feststellen mussten, ist diese Lektion noch nicht wirklich angekommen.

Bei der Gründung von Google waren die Menschen begeistert, dass sie nur ein paar Worte in einen Computer eingeben mussten, um Informationen über fast alles zu bekommen. Die Technik dahinter war kompliziert, aber das Ergebnis ziemlich simpel: eine Seite Text, die durch zehn blaue Verknüpfungen unterbrochen war. Nach heutigen Standard ist dies nichts Besonderes, aber damals war es besser als alles andere.

Also machten sich unsere Gründer Larry Page und Sergey Brin – wie alle erfolgreichen Erfinder – daran, es zu verbessern. Sie begannen mit Bildern. Schließlich wollten die Leute mehr als nur Text. Dies wurde nach den Grammy Awards im Jahr 2000 klar, als Jennifer Lopez ein grünes Kleid trug, das, sagen wir, die Aufmerksamkeit der Welt auf sich zog. Zu dieser Zeit war dies die populärste Suchanfrage, die wir jemals hatten. Aber wir hatten keinen sicheren Weg, den Benutzern genau das zu bieten, was sie wollten: J­Lo in diesem Kleid. Die Bildersuche von Google wurde geboren.

Ein weiteres gutes Beispiel ist Google Maps. Wenn Menschen Google nach einer Adresse durchsuchen, wollen sie keine Verknüpfungen zu Webseiten, auf denen die Straße vorkommt. Normalerweise wollen sie wissen, wie sie dorthin kommen können. Also haben wir eine Karte gebaut, auf die man klicken, die man ziehen und die man leicht erkunden konnte. Maps wurde zu solch einem integralen Bestandteil von Google, dass es für die meisten Nutzer nicht mehr wegzudenken ist.

Mit vielen unserer Änderungen war es ähnlich. Mit der Zeit wurden unsere Suchen besser. Wenn man das Wetter an seinem Wohnort googelt, bekommt man die Vorhersage für die nächsten paar Tage und spart so Zeit und Aufwand.

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Aber Googles Bemühungen, auf Fragen direkte Antworten zu geben, hatten Beschwerden bei der Europäischen Kommission zur Folge. Firmen wie Expedia, Yelp und TripAdvisor sind der Ansicht, Google-Suchen würden ihre Webseiten um wertvollen Datenverkehr prellen und ihre Unternehmen benachteiligen. Statt Bilder, Karten, das Wetter, Nachrichten oder übersetzte Versionen fremdsprachiger Seiten zu bieten, sollen wir ihrer Meinung nach wieder zu den zehn blauen Verknüpfungen zurück gehen.

Vor einigen Jahren zeichnete ein Anwalt einer unserer Wettbewerber ein Bild einer Küste mit einer kleinen Insel davor. Er fügte eine gepunktete Linie hinzu und erklärte, dies sei die einzige Fährverbindung vom Festland zu dieser Insel. Sein Punkt war, dass Google genau wie diese Fähre sei: die einzige Möglichkeit, sich durch das Internet zu bewegen.

In Wirklichkeit gibt es viele Arten, sich im Netz zu bewegen. Nachrichten kann man direkt auf den bevorzugten Nachrichtenseiten finden. Wenn man etwas kaufen will, kann man direkt zu Zalando oder Amazon gehen und dort Modelle und Preise vergleichen, Bewertungen lesen und für seinen Kauf bezahlen.

Der wirkliche Punkt ist, dass die wirtschaftliche Landschaft, in der wir uns bewegen, nicht nur durch Wettbewerb bestimmt ist, sondern sich auch ständig verändert. Dieses Jahr hat unsere Branche einen wichtigen Wendepunkt erreicht. Erstmals verbringen die Menschen mehr Zeit an ihren Mobilgeräten als an ihren PCs. Die Zeit an letzteren ist auf 40% zurück gegangen. Und Menschen verwenden Mobilgeräte sehr anders als PCs. Sieben von acht Minuten an einem Mobiltelefon wird innerhalb von Apps verbracht, und die populärste App der Welt ist Facebook.

Viele Menschen sehen Facebook, Google, Apple, Amazon und andere als Unternehmen, die von keinem Wettbewerber besiegt werden können. Da bin ich mir nicht so sicher. Die Geschichte ist voll mit Beispielen, die zeigen, dass Größe und vergangener Erfolg für gar nichts garantieren. Große Unternehmen können schnell überholt werden. Vor nur ein paar Jahren schienen Unternehmen wie Yahoo, Nokia, Microsoft und Blackberry unschlagbar zu sein. Sie alle wurden durch eine neue Generation von Unternehmen überrollt – zu denen auch Google gehört.

Google arbeitet sehr anders als andere Unternehmen, die als „Torwächter“ betrachtet und entsprechend reguliert werden. Wir sind keine Fähre oder Eisenbahn, kein Telekommunikationsnetzwerk oder Stromnetz, bei denen es nur eine Verbindung gibt und keine Wettbewerber möglich sind. Niemand ist gezwungen, Google zu verwenden. Menschen haben die Wahl und üben sie ständig aus. Wir wissen, dass wir, wenn wir nicht mehr nützlich sind, von unseren Nutzern verlassen werden. Die Eintrittsbarrieren sind zu vernachlässigen, da die Wettbewerber nur einen Mausklick weit entfernt sind.

Irgendjemand in irgendeiner Garage hat uns im Visier, und 2015 könnte das Jahr sein, an dem er auf uns schießt. Ich weiß das, weil wir noch vor kurzer Zeit selbst in dieser Garage waren. Und ich weiß, dass das nächste Google nicht das tun wird, was Google heute tut, ebenso wie Google nicht das getan hat, was AOL getan hat.

Mit den Umwälzungen durch schnelle technologische Veränderungen wurde selten vorher gerechnet. Der Postdienst wurde durch die Telegrafie erschüttert. Radio und Fernsehen stellten die Zeitungsindustrie auf den Kopf. Flugzeuge beendeten das Zeitalter der Passagierdampfer. Erfindungen sind immer dynamisch, und daher wird die Zukunft immer ebenso aufregend sein wie die Vergangenheit.

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff

http://prosyn.org/T9Ji6WD/de;
  1. Television sets showing a news report on Xi Jinping's speech Anthony Wallace/Getty Images

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  2. United States Supreme Court Hisham Ibrahim/Getty Images

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    The preference of some countries to isolate themselves within their borders is anachronistic and self-defeating, but it would be a serious mistake for others, fearing contagion, to respond by imposing strict isolation. Even in states that have succumbed to reductionist discourses, much of the population has not.

  3.  The price of Euro and US dollars Daniel Leal Olivas/Getty Images

    Resurrecting Creditor Adjustment

    When the Bretton Woods Agreement was hashed out in 1944, it was agreed that countries with current-account deficits should be able to limit temporarily purchases of goods from countries running surpluses. In the ensuing 73 years, the so-called "scarce-currency clause" has been largely forgotten; but it may be time to bring it back.

  4. Leaders of the Russian Revolution in Red Square Keystone France/Getty Images

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    Republican leaders have a choice: they can either continue to collaborate with President Donald Trump, thereby courting disaster, or they can renounce him, finally putting their country’s democracy ahead of loyalty to their party tribe. They are hardly the first politicians to face such a decision.

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    How Money Could Unblock the Brexit Talks

    With talks on the UK's withdrawal from the EU stalled, negotiators should shift to the temporary “transition” Prime Minister Theresa May officially requested last month. Above all, the negotiators should focus immediately on the British budget contributions that will be required to make an orderly transition possible.

  6. Ksenia Sobchak Mladlen Antonov/Getty Images

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    In recent decades, as President Vladimir Putin has entrenched his authority, Russia has seemed to be moving backward socially and economically. But while the Kremlin knows that it must reverse this trajectory, genuine reform would be incompatible with the kleptocratic character of Putin’s regime.

  7. Right-wing parties hold conference Thomas Lohnes/Getty Images

    Rage Against the Elites

    • With the advantage of hindsight, four recent books bring to bear diverse perspectives on the West’s current populist moment. 
    • Taken together, they help us to understand what that moment is and how it arrived, while reminding us that history is contingent, not inevitable


    Global Bookmark

    Distinguished thinkers review the world’s most important new books on politics, economics, and international affairs.

  8. Treasury Secretary Steven Mnuchin Bill Clark/Getty Images

    Don’t Bank on Bankruptcy for Banks

    As a part of their efforts to roll back the 2010 Dodd-Frank Act, congressional Republicans have approved a measure that would have courts, rather than regulators, oversee megabank bankruptcies. It is now up to the Trump administration to decide if it wants to set the stage for a repeat of the Lehman Brothers collapse in 2008.